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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.06.2008

Deutscher Kulturskandal in Rom

Das deutsche Archäologische Institut bleibt geschlossen

Von Thomas Migge

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Säule auf dem Forum Romanum in Rom, Italien (Stock.XCHNG /)
Säule auf dem Forum Romanum in Rom, Italien (Stock.XCHNG /)

Einer der ältesten deutschen Forschungseinrichtungen außerhalb Deutschlands droht die Schließung: Das archäologische Institut ist wegen Sanierungsarbeiten geschlossen. Das Auswärtige Amt, dem das Institut untersteht, hat noch nichts konkretes zur Zukunft verlauten lassen. Doch italienische Wissenschaftler und Forscher aus aller Welt protestieren bereits.

"Dieses Institut beherbergt die weltweit größte Bibliothek zu sämtlichen Themenbereichen der Archäologie. Keine andere Bibliothek bietet dieses soziokulturelle Niveau; deshalb wird sie ja auch von Archäologen und Historikern aus Europa und den USA frequentiert. Der Fall des deutschen archäologischen Instituts und seiner enormen Bibliothek ist nicht mehr nur ein deutsches, sondern ein internationales Problem."

Eugenio La Rocca ist ein angesehener italienischer Archäologe und bis vor kurzem Superintendent aller antiken Altertümer von Rom. Er findet es einen himmelschreienden Skandal, dass das "Germanico", wie die römische Filiale des deutsche archäologische Instituts genannt wird, seit zwei Jahren geschlossen ist:

"Europa wird immer, ich will nicht sagen, italienischer, aber immer öfter findet man auch außerhalb Italiens Probleme, die uns Archäologen das Leben schwer machen. Da werden Finanzmittel gekürzt, weil man immer weniger Interesse an unserer Arbeit hat. Was mit diesem Institut geschieht, erinnert mich sehr an unsere italienischen Verhältnisse."

Eugenio La Rocca hat zusammen mit über 400 anderen Archäologen und Historikern den Appell unterschrieben. Ein Aufsehen erregender Appell, denn zu den Unterzeichnern gehören Professoren aus ganz Italien, Mitarbeiter der berühmten American School of Classical Studies in Athen, der Universitäten in Boston und Barcellona, in Leiden und in Frankreich.

Henner von Hesberg ist Direktor des "Germanico". Wir treffen ihn vor dem Eingang des 1829 in Rom von einem Freundeskreis aus Gelehrten, Künstlern und Diplomaten gegründeten "Instituts für die archäologische Korrespondenz", aus dem später das deutsche archäologische Institut hervorging:

"Wir sind hier vom dem Gebäude des Instituts in der Via Sardegna und Sie sehen das Gerüst vor dem Haus. Im Moment sind alle Arbeiten im Haus aufgehoben und wir können nur außerhalb arbeiten."

Allerdings ohne Zugriff auf die für die Forschungsarbeit unerlässliche Bibliothek!

Das "Germanico" untersteht, wie die Zentrale des deutschen archäologischen Instituts in Berlin, dem Geschäftsbereich des Auswärtigen Amtes, das am 11. September 2006 die Schließung entschied. Die festen Mitarbeiter durften allerdings auch weiterhin ins Gebäude. Die Gäste, Forscher aus aller Welt, hatten keinen Zugang mehr. Seit einigen Wochen nun dürfen auch Henner von Hesberg und seine Archäologen nicht mehr ins Haus. Ein Schreiben aus Berlin gibt als Grund dafür gravierende statische Probleme an.

Henner von Hesberg: "Es sollten eigentlich nur die Böden der Bibliothek erneuert und die Fenster erneuert werden. Damit hat man auch begonnen und hat bei der Wahl neuer Böden sich die Frage gestellt, ob überhaupt die Statik des Hauses ausreiche, die Böden zu tragen."

Den prüfenden Ingenieuren aus Deutschland zufolge scheint das 1964 in Stahlbeton errichtete Gebäude kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen. Kurios ist, dass sich nicht ein einziger Riss in Decken, Fußböden und Wänden finden lässt, der auf irgendein statisches Problem hindeuten könnte. Unerklärlich für Institutsdirektor von Hesberg ist auch der Umstand, dass die Baupläne aus dem Jahr 1964, die Auskunft über die Zusammensetzung der Fußböden geben könnten, und die eigentlich im Archiv der Bundesbaubehörde aufbewahrt werden müssten, spurlos verschwunden sind.

Henner von Hesberg: "Wir haben uns sehr darum bemüht, also die Zentrale in Berlin und wir, zusammen mit der Bundesbaudirektion, ein Programm der Sanierung zu entwickeln. Das war nicht so ganz leicht, weil die Kosten, die für die zukünftige Sanierung veranschlagt werden, bei weitem den Betrag übertreffen, der für die erste Sanierung eingestellt worden war."

Es fehlen rund 13 Millionen Euro. Ein Klacks angesichts der großen wissenschaftlichen Bedeutung des "Germanico" und seiner Bibliothek. Aber im Auswärtigen Amt in Berlin, so von Hensberg, scheint man dieses Geld nicht zu haben. Auch das Finanzministerium scheint über keine Finanzmittel für das römische Institut zu verfügen. Von deutscher Seite wird von Hensberg ständig versichert, dass das Problem gelöst werde, aber bisher ist nichts Konkretes geschehen.

Von Hensberg und seine Mitarbeiter versuchen jetzt die Forschungsarbeiten woanders fortzuführen, von heimischen Schreibtischen aus - aber ohne Zugriff auf die Bibliothek ist das unmöglich. Der Institutsdirektor erwartet sich von Berlin eine provisorische Unterkunft von Institut und Bibliothek. Doch davon ist im Moment noch keine Rede. Auch wenn die Mitarbeiter des "Germanico" es nicht direkt sagen: sie befürchten, dass irgendjemand in Berlin das Institut finanziell aushungern will, um es in italienische Hände zu übergeben, um also zu sparen.

Die römische Archäologin Fedora Filippo findet es skandalös, dass die älteste und angesehene deutsche Forschungsstätte im Ausland wegen 13 Millionen Euro auf unabsehbar lange Weise geschlossen bleiben soll:

"Das Germanico ist ein Bezugspunkt für alle Archäologen. Dass sich in Berlin niemand entscheidet, dieses Problem schnell zu lösen, ist sehr traurig."

Das man so ein Problem auch anders lösen kann beweist der Fall der Hertziana, des deutschen kunsthistorischen Instituts in Rom. Diese altehrwürdige Einrichtung gehört allerdings im Unterschied zum "Germanico" zur deutschen Forschungsgesellschaft und dort scheint es an Geld nicht zu mangeln. So fanden sich zum Neubau der immensen kunsthistorischen Bibliothek der Hertziana nicht nur die notwendigen Euro-Millionen, sondern die rund 300.000 Bände starke Büchersammlung wurde während der Bauzeiten ausgelagert und ist auf diese Weise auch weiterhin zugänglich.

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