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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.02.2018

Deutscher Kolonialismus100 Jahre Koloniales Nicht-Gedenken

Von Christiane Habermalz

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Eine Gedenktafel für die "Opfer des deutschen Völkermordes in Namibia von 1904 bis 1908" betrachtet Israel Kaunatjike, Angehöriger des Herero-Volkes, am Mittwoch (11.08.2004) auf dem Garnisonfriedhof in Berlin.  (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)
Israel Kaunatjike, Angehöriger des Herero-Volkes, betrachtet eine Gedenktafel für die Opfer des deutschen Völkermordes in Namibia auf dem Garnisonsfriedhof in Berlin. (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)

Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag festgeschrieben, dass die Kolonialvergangenheit ebenso Bestandteil der Erinnerungskultur sein soll, wie die NS-Vergangenheit und der DDR-Unrechtsstaat. Ein Blick auf Orte des Gedenkens, beziehungsweise Nicht-Gedenkens an die Opfer deutscher Kolonialherrschaft.

"Das ist der einzige Ort hier in Berlin. Wir haben lange gekämpft für diese kleine Gedenktafel. Es hat ungefähr vier Jahre gedauert, bis sie realisiert wurde." Israel Kaunatjike steht auf dem Neuen Garnisonsfriedhof in Berlin Neukölln vor dem sogenannten Herero-Stein. Ein großer Granitfindling, der 1973 von der Afrika-Kameradschaft von einem alten Kasernengelände in Kreuzberg hierher versetzt wurde.

Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts

Bis heute legen hier regelmäßig Veteranenverbände und rechtsextreme Gruppierungen Kränze nieder. Denn der Stein, errichtet im Jahr 1907, erinnert an Soldaten der deutschen Schutztruppen, die zwischen 1904 und 1907 "am Feldzuge in Südwestafrika freiwillig teilnahmen und den Heldentod starben" – so lautet die Inschrift.

Um die 80.000 Herero und Nama kamen bei diesem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts ums Leben. Nach langen Protesten von Bürgervereinen wurde 2009 schließlich vom Bezirksamt Neukölln neben dem Findling eine Steintafel in den Boden eingelassen, mit der auch an die Opfer erinnert wird. Bis heute ist sie der einzige offizielle Gedenkort in Berlin für die Verbrechen des deutschen Kolonialismus. 

Die in Berlin lebenden Herero wie Israel Kaunatjike, hätten sich lieber eine andere Nachbarschaft für ihre Tafel gewünscht: "Wir waren konfrontiert mit diesem Stein hier. Mit diesem Schutztruppenstein. Und da haben wir auch gedacht, das geht nicht. Das muss eigentlich weg! Wir wollen unseren Stein hier haben und das nicht. Und dann haben die das hier vorgeschlagen. Und wir mussten das irgendwie akzeptieren."

Hundertjährige Idealisierung kolonialer Zwangsherrschaft

Die peinliche Leerstelle an Gedenkorten für die deutschen Kolonialverbrechen, ist Folge der über hundertjährigen Ignoranz, mit der Deutschland seine Zeit der kolonialen Zwangsherrschaft in Afrika und Übersee idealisiert hat.

Das ändert sich langsam: Die Debatte um das Humboldtforum, auch die Völkermord-Verhandlungen mit Namibia haben einen Prozess des Umdenkens in Gang gebracht, der seinen Niederschlag jetzt sogar im Koalitionsvertrag der neuen großen Koalition – so sie denn kommt - gefunden hat.

Union und SPD haben darin festgeschrieben, dass die deutsche Kolonialvergangenheit künftig ebenso Bestandteil der deutschen Gedenk- und Erinnerungskultur sein soll, wie die NS-Vergangenheit und der DDR-Unrechtsstaat. Kulturstaatsministerin Monika Grütters konstatiert:

"Bei der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit muss Deutschland einiges nachholen. Wie fangen damit spät an, besser jetzt als nie."

Stiftung für namibisch-deutsche Gedenkkultur geplant

Doch wie groß der Nachholbedarf ist, zeigt sich nicht nur daran, dass in Berlin noch immer zahlreiche koloniale Schlächter durch Straßennamen geehrt werden – auch Ruprecht Polenz bekam das zu spüren, der Sondergesandte der Bundesregierung für die Völkermord-Verhandlungen mit Namibia. Geplant ist unter anderem die Gründung einer Stiftung, die eine gemeinsame Gedenkkultur beider Länder etablieren soll.

Zur Vorbereitung besuchte man gemeinsam erst nationale Denkmäler in Namibia. Doch beim Gegenbesuch der namibischen Delegation in Berlin blieb auch Polenz nur der Weg zur kleinen Steintafel neben dem Herero-Stein auf dem Garnisonsfriedhof. Ein peinlicher Moment für die Gastgeber:

"Auf der einen Seite wurde schon registriert, dass eine Erinnerung auch hier stattfindet an das was in Namibia geschehen ist, aber ich sag mal, die unvollkommene Form, das auszudrücken im öffentlichen Raum, die wird natürlich schon bewusst."

Polenz reiste mit seinem namibischen Verhandlungspartner Zed Ngavirue auf der Suche nach deutschen postkolonialen Gedenkstätten schließlich in seine Heimatstadt Münster. Dort steht das sogenannte Train-Denkmal, ein Kolonialdenkmal aus den 20er Jahren, auch dies ein Ort des Heldengedenkens für die deutschen Täter.

Künstlerische Replik zu Kolonialdenkmal wurde zerstört

Doch im Rahmen der von Kasper König kuratierten "Skulptur-Projekte-Ausstellung 2017" setzte die Künstlerin Lara Favaretto dem Train-Denkmal ihr Kunstwerk "Momentary Monument – The Stone" als kritische Replik entgegen. Ein monolithischer Block mit einem Schlitz als steinerne Spendenbüchse für Flüchtlinge.

Ruprecht Polenz: "Zu dessen Inhalt gehörte es allerdings leider, dass es nach der Skulptur-Ausstellung zerstört wurde, so dass jetzt die Diskussion darum geht, ob nicht die Idee eines solchen kommentierenden oder Gegendenkmals auch für die Zukunft eine gute wäre."

Postkolonial umgedeutet wurde auch der sogenannte Bremer Elefant. Ein Kolonialdenkmal in Form eines Elefanten mit der Widmung "Unseren Kolonien". Erste Proteste der IG-Metall-Jugend 1988 führten dazu, dass eine Anti-Apartheid-Metalltafel angebracht wurde. 1990 wurde das Denkmal feierlich in ein Anti-Kolonialdenkmal umgewidmet, 2009 um eine Installation mit einem Felsbrocken vom Waterberg ergänzt, der an die in dieser Schlacht getöteten Herero und Nama erinnert.

Zentrales Mahnmal in Berlin erwünscht

Doch ob es ausreicht, vorhandene Täterdenkmäler für das Opfergedenken umzudeuten, steht zu bezweifeln. Auch Polenz wünscht sich daher eine öffentliche Debatte und Ideensammlung für ein zentrales Mahnmal in Berlin, an sichtbarer Stelle, verbunden mit einem künstlerischen Wettbewerb.

Wo genau das dann stehen soll, da hat zumindest Israel Kaunitjike schon genaue Vorstellungen: "Wir wollen eigentlich entweder in die Wilhelmstraße, oder in die Nähe vom Bundestag. Das ist unsere Vorstellung. Denn es hat alles angefangen 1884 in der Wilhelmstraße. Da haben wir auch eine kleine Infotafel. Für die Berliner Konferenz, Wilhelmstraße 92. Das wäre der richtiger Ort und nicht versteckt in Neukölln."

Mehr zum Thema

Bundesrepublik Deutschland - Sich der kolonialen Vergangenheit stellen
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 29.01.2018)

Blutvergießen in Afrika - Deutscher Kolonialismus - kein Thema in der Hauptstadt?
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 01.03.2017)

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