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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.03.2014

Deutscher Filmpreis"Lasst auch das andere zu!"

In den vergangen Jahren gab es viel Kritik für die Filmauswahl

Von Vanja Budde

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Schauspielerin Iris Berben (l.), Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU, M.) und Schauspielerin Christiane Paul (r.) posieren bei der Bekanntgabe der Nominierungen für den Deutschen Filmpreis 2014. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Nominierungen für den Deutschen Filmpreis 2014: Schauspielerin Iris Berben, Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Schauspielerin Christiane Paul (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis 2014 stehen fest. Vertreten sind nicht nur Mainstream-Filme - doch Regisseure, die etwas wagen, haben es in Deutschland weiterhin schwer. Das weiß auch Filmakademie-Präsidentin Iris Berben.

"In diesem Jahr ist die Spanne sehr groß, das hat mich sehr gefreut. Dass diese Spanne in der Tat so groß ist wie eben auch die Spanne im realen Filmangebot und dass es schon darum geht, dass in ganz verschiedenen Bereichen, Genres oder so dann die besten Leistungen auch für den Filmpreis hervorgehoben werden, das ist gut."

Rainer Rother, Leiter der Deutschen Kinemathek, hätte zwar mehr Nominierungen für den Publikumserfolg "Der Medicus" erwartet. Und sein persönlicher Favorit wäre "Die andere Heimat" von Edgar Reitz‘ gewesen. Doch dessen neuester Geniestreich aus der Hunsrücker "Heimat"-Serie muss sich hinten anstellen: Mit neun Nominierungen auch in den wichtigen Kategorien liegt "Das Finstere Tal" vorne im Rennen um die Lola.

Ein klassischer Schneewestern mit Sam Riley und Tobias Moretti, ein Rache-Drama in den winterlichen Alpen, Pferde, rauchende Colts und ein blutiger Shoot-Out inklusive. 

Dichtauf mit sechs Nominierungen folgt "Die andere Heimat" von Edgar Reitz. Ebenfalls eine Chance auf den Preis für den besten Film haben "Zwei Leben", "Finsterworld", "Love Steaks" und "Fack juh Göthe" – der Publikumsrenner par exzellence.

Kritik in der Vergangenheit zu Herzen genommen?

Vielleicht hat sich die Filmakademie mit den immerhin vier Nominierungen für die derbe Klamotte "Fack ju Göthe!" die Kritik an ihrer Filmauswahl in der Vergangenheit zu Herzen genommen.

Zu viel Einheitsbrei und Konsenskino werde mit der Lola geehrt, mahnten Filmkritiker an. Regisseur Dominik Graf schimpfte, für einfachen, wilden Spaß am Kino sei die Branche sich zu fein. Filmakademie-Präsidentin Iris Berben:

"Ja, vielleicht ist das ein Teil dieser Kritik auch gewesen: Lasst auch das andere zu! Es wird immer wieder zu Diskussionen führen, das wissen wir. Ich finde, dass es ganz wichtig ist, eine Vielfalt eines Jahrgangs auch immer wieder zu erkennen und möglichst auszuzeichnen. Ich finde, dass das ganz gut gelungen ist in der Unterschiedlichkeit dessen, was jetzt letztendlich für sechs Filme nominiert sind."

Sieben Millionen Zuschauer haben "Fack ju Göthe" mittlerweile gesehen, der aus der Feder des klugen Gag-Schreibers Bora Dagdekin stammt, der die Grimmepreis-gekrönte Serie "Türkisch für Anfänger" erfunden hat. Die bunte Schul-Komödie ist einer der vier erfolgreichsten deutschen Filme der vergangenen Jahrzehnte. Es wurde Zeit, dass auch solch ein Klamauk etwas für die Lola nominiert wird, findet Schauspielerin Christiane Paul:

"Weil ich glaube, dass der Film einfach super ist. Ich habe ihn selber zweimal gesehen. Das Publikum liebt den Film und die Akademie liebt ihn auch und das ist, finde ich, erst mal ein tolles Statement."

Mainstream- und Experminentalkino 

Der Mainstream ist also vertreten, das Experminentalkino diesmal erfreulicher Weise aber auch, mit "Finsterworld" und dem rauen, ungeschönten Liebesfilm "Love Steaks". Schade nur, dass der großartige "Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel" leer ausgegangen ist. Filme, die etwas wagen, die ihre Geschichten neu erzählen, sieht man zu selten im deutschen Subventions-Kino, meint auch Iris Berben:

"Das ist ein Problem. Da brauchen wir immer wieder sehr unabhängige, sehr selbstbewusste Filmemacher. Also ich bin ja zum Beispiel groß geworden mit jemandem wie Lemke. Es ist gut zu wissen, dass solche Leute auch immer noch ihre Filme machen. Wir brauchen mehr davon. Wir brauchen immer wieder Leute, die sich in kein Schema pressen lassen, die wirklich ihre Unabhängigkeit behalten, aber das ist oft leicht gesagt. Nicht locker lassen, auch ein Terrain beackern, was Leute vielleicht erstaunt oder erschrickt oder ihnen viel zumutet. Ich finde, da hat Kino eine ganz große Möglichkeit – der Reflexion, der Zukunft, der Diskussion. Da haben wir viel, viel Land, was beackert werden kann."

Kultur-Staatssekretärin Monika Grütters von der CDU wird am 9. Mai die Auszeichnungen zum ersten Mal vergeben und insgesamt knapp drei Millionen Euro Preisgeldern verteilen. Die hoch dotierte "Lola" hat sich für sie als Form der Filmförderung bewährt. Um mehr Raum für künstlerisches Kino zu schaffen, sieht Grütters die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in der Pflicht. Diese dürften nicht nur auf die Quote schielen. Grütter:

"Ja. Ich denke, dass die Öffentlich-Rechtlichen tatsächlich immer wieder dran erinnert werden müssen, welche bedeutende Rolle sie bei der Filmproduktion spielen. Das ist ein komplexes Thema, es muss auch ausbalanciert werden, tatsächlich. Aber wenn Öffentlich-Rechtlich über Gebühren finanziert wird und einen Kulturauftrag einzulösen hat, einen Bildungsauftrag, dann sind sie diejenigen, die natürlich zu allererst sich an solche Themen und auch an experimentelle Formate wagen müssen. Und wir bleiben da im Gespräch, da sehe ich auch ein bisschen meine Rolle als Kulturstaatsministerin."

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