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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.10.2014

Deutscher Buchpreis 2014 "Schiffbrüchige des Lebens und des Landes"

Lutz Seiler über seinen Hiddensee-Roman "Kruso"

Moderation: Eckhard Roelcke

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Der Autor Lutz Seiler posiert nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2014 mit seinem Roman "Kruso" im Römer in Frankfurt am Main.  (dpa / picture alliance / Arne Dedert)
Lutz Seiler mit seinem Roman "Kruso" nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2014 in Frankfurt am Main (dpa / picture alliance / Arne Dedert)

Der Schriftsteller Lutz Seiler hat mit "Kruso" den Deutschen Buchpreis 2014 gewonnen. Im Interview erzählt er, dass er sich anfangs sehr schwer getan habe mit dem Stoff, und wie er es geschafft hat, eine Schreibkrise zu überwinden.

Eckhard Roelcke: Mit zahlreichen Preisen wurde Lutz Seiler bereits ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Kranichsteiner Literaturpreis 1999 oder dem Bachmann-Preis 2007. Doch so richtig bekannt war er trotzdem nicht, der Lyriker und Erzähler, 1963 in Gera geboren. Und dann hat er seinen ersten Roman geschrieben, "Kruso", ein ganz großer Erfolg, der heute am frühen Abend im Frankfurter Römer mit dem Deutschen Buchpreis gewissermaßen literatur-amtlich wurde. Guten Abend, Herr Seiler, und herzlichen Glückwunsch zu dieser Auszeichnung!

Lutz Seiler: Guten Abend!

"Eine Art Zuhause" des Autors: der Verlag

Roelcke: Wir wollen selbstverständlich über Ihr Buch sprechen, das wir in unserem Programm schon mehrfach ausführlich, auch im Gespräch mit Ihnen, vorgestellt haben, doch zunächst einmal würde ich Sie doch bitten, über die 128 Heizer zu sprechen, die dieses Werk ermöglicht haben und die Sie in Ihrer kurzen Dankesrede erwähnt haben. Welche Rolle haben denn diese Heizer?

Seiler: Eine gar nicht hoch genug einzuschätzende Rolle. Das ist für einen Autor ohnehin eine Art Zuhause, der Verlag. Der Verlag ist wichtig als Umfeld des Schreibens, aber auch oftmals in einem ganz existenziellen Sinne, weil im Verlag ist das Lektorat. Und ich habe diese Lektorin, Doris Plöschberger, die meine Texte zu allererst auf den Schreibtisch bekommt, und Sie können sich vorstellen, was das bedeutet für einen Autor, der jahrelang mit einem Text schwanger gegangen ist und ihn dann präsentiert. Also, welche Rolle zum Beispiel ein Lektorat haben kann und welches Vertrauensumfeld es dafür geben muss.

Und ganz abgesehen davon habe ich einfach versucht zu sagen, ich bin 15 Jahre in diesem Verlag, ich habe mit dem Verlag bisher sieben Bücher gemacht, und es ist über all diese Zeit niemals in Frage gestellt worden, dass die Gedichte weniger wertvoll sein könnten als der Roman. Der Roman ist bei mir gekommen sehr spät, aber es gab keine Karriere von den Gedichten zum Roman. Auch als Dichter bin ich in diesem Verlag zu Hause.

Ein Debüt mit zwei Anläufen

Roelcke: In diesem Verlag, dem Suhrkamp-Verlag. Also ein klares Bekenntnis, Herr Seiler, zur traditionellen Verlagsarbeit, am Tag vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Das ist, wenn man so will, auch ein politisches Statement.

Seiler: Ach, ob das ein politisches Statement ist, weiß ich nicht. Das geht allen Autoren so, dass sie dieses Umfeld brauchen zum Schreiben, und dass sie drauf vertrauen können, dass ihr Buch in einem Haus, auf das sie auch bauen können, erscheint. Das würde ich jetzt gar nicht so hoch hängen.

Roelcke: "Kruso" ist Ihr erster Roman, wir haben es gesagt. Das Debüt ist aber erst im zweiten Anlauf gelungen. Ursprünglich wollten Sie ja ein Buch schreiben über die Berliner Nachwendezeit von 1990 bis '93. Bei diesem Projekt sind Sie nicht vorangekommen, Sie sind irgendwie steckengeblieben – haben da die Heizer gefehlt?

Seiler: Ja, also die Heizer, die sind ja da nicht dabei. Die warten darauf, dass der Text kommt, und unter Umständen kann es schon sein, dass man mit Entwürfen ins Lektorat geht, aber so ein Autor bin ich nicht. Wenn ich meinen Text vorlege, dann ist der schon sehr, sehr weit, im Grunde ist er wirklich fertig. Es gibt dann ein Lektorat, das ins Detail geht, aber es ist nicht so, dass die Heizer meine Arbeit befeuern müssen. Also, da treibe ich mich schon selbst genug an.

"Schreib doch mal was über diesen Hiddensee-Stoff"

Roelcke: Und an diesem Punkt kommt jetzt auch Ihre Frau ins Spiel. Ich habe gelesen, dass sie ganz entscheidend auch Ihnen einen Impuls gegeben hat, von dem einen Projekt loszulassen und zu dem anderen sozusagen umzuschwenken. Wie ist das entstanden?

Seiler: Es ist so gewesen, dass ich, wie gesagt, jahrelang Gedichtbände gemacht habe, über zehn Jahre fast ausschließlich Gedichte gemacht habe. Dann kamen die Essays, die schon sehr erzählend waren und auch eine Brücke zum Erzählen insgesamt. Dann sind die ersten Erzählungen entstanden, 2009 dann der Band "Die Zeitwaage", danach noch mal ein Gedichtband, "Im felderlatein", und dann war es so, dass ich nach diesem Gedichtband schon Lust hatte, in die Prosa beziehungsweise die lange Prosa hineinzumarschieren, also den Roman in Angriff zu nehmen, und habe dann ein Jahr lang im Grunde auf einem Romanprojekt gekniet, das sich einfach nicht fügen wollte.

Wir waren inzwischen in Rom in der Villa Massimo. Ich wollte eigentlich nur arbeiten, nichts von Rom sehen, habe da auch drei, vier Monate nur im Atelier gesessen, in diesen riesigen, 100 Meter hohen Ateliers, wollte nichts von der Stadt sehen, und es fügte sich nicht, es wurde nichts, und ich musste aufgeben. Ich dachte, das war es jetzt, Schluss, du kehrst zurück in diesen Heimathafen der Gedichte – und dann sind wir endlich spazieren gegangen, ich habe Rom gesehen, es war schön, und dann hat meine Frau zu mir gesagt, ach Mensch, schreib doch mal zehn Seiten über diesen Hiddensee-Stoff, der dir so gut gefallen hat.

Der Hiddensee-Stoff, diese zehn Seiten, 20 Seiten vielleicht, sollten eine Art Rückblick-Kapitel werden in dem ursprünglichen Romanprojekt. Dann habe ich angefangen, und dann sind es 500 Seiten geworden. Ich hatte sozusagen sofort das Gefühl, dass ich Bilder sehe, denen ich vertrauen kann. Ich konnte durch diese Bilder durchgehen wie durch Portale in den Stoff hinein. Ich habe eine Ahnung bekommen von der Dramaturgie des Ganzen, ich habe Kapitel gesehen, und so war es dann. Also, ein unvorbereiteter Roman ist gelungen, der vorbereitete ist gescheitert.

Der Leuchtturm in dem Ort Kloster auf Hiddensee (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)Der Leuchtturm in dem Ort Kloster auf Hiddensee (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)

"Museum der Ertrunkenen"

Roelcke: Vier Jahre haben Sie für "Kruso" recherchiert. Wie kann ich mir so eine Recherche vorstellen? Läuft die parallel schon mit dem Schreiben, oder ist es erst die Recherche, und dann kommt das Schreiben?

Seiler: In diesem Fall war das Schreiben am Anfang und hat die Recherche herausgefordert. Dann sind Dinge hinzugekommen, von denen ich niemals geglaubt habe, dass sie geschehen würden. Ich bin auf dieses – ich habe alles über Hiddensee gelesen, was ich zu greifen bekam, ich habe über die Ostseefluchten gelesen, und dann eben auch über diese Flüchtlingstoten, die es auf dänischer Seite angetrieben hat, und Interviews gelesen darüber, was ist mit denen geschehen. Hatte dann sofort dieses Wort vom "Museum der Ertrunkenen" im Kopf.

Es gab einen alten Hafenmeister, der erzählte, ja, die wurden alle in die Forensik nach Kopenhagen gebracht. Und das war wie so ein Keim. Ich wollte diese Recherche nicht machen, aber man kam eigentlich nicht umhin, man musste schauen, wo sind die hingekommen? Sind die jetzt alle da, liegen die da noch, oder was ist mit denen geschehen? Und diese Recherche wird im Epilog zu "Kruso" beschrieben, und der Epilog ist sehr nahe an den Erkenntnisfortschritten dran, die ich selber erlebt habe bei der Suche nach den Toten.

Wie ein schnüffelnder Hund am Grund des Meeres

Roelcke: Gestern war in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ein Interview abgedruckt mit Rebecca Ellsäßer. Sie hat Ihnen bei der Recherche geholfen, gerade beim Epilog. Wie kam es denn zu dieser, ich denke, doch ziemlich ungewöhnlichen Zusammenarbeit?

Seiler: Ich habe gemerkt, dass ich es nicht schaffe, alles selbst zu recherchieren und hatte damals eine Empfehlung bekommen für diese Agentur, "Das Vorzimmer", die Recherchedienstleistungen und die alle möglichen Dienstleistungen für Autoren anbietet, und bin auf diesem Wege dann auch zu Rebecca gekommen, die dann für mich ein Dossier recherchiert hat, das alles Mögliche enthielt über Wasserleichen. Also, ich wollte einfach für den Roman wissen, wie ertrinkt ein Mensch, welche Phasen hat das also auch nach medizinischen Gesichtspunkten beim Ertrinken? Welche Phasen gibt es da? Wie bewegt sich der Tote im Wasser? Wie ein schnüffelnder Hund am Grund des Meeres zuerst, übrigens.

Dann irgendwann werden die Toten, werden die durch die Verwesung an die Wasseroberfläche getrieben und so weiter. Also, wie sieht eine Wasserleiche aus, wenn sie drei, vier Wochen im Wasser gelegen hat? Wie sieht sie aus, was ist von ihr übrig, wenn es acht Wochen sind? Die meisten bleiben ja im Wasser, und so weiter. Also diese Art Wasserleichenrecherche brauchte ich einfach als Umfeld für den Romantext, obwohl das dann natürlich alles nicht genauso ins Buch eingeht. Aber man muss sich seiner Sache sicher sein beim Schreiben.

Freiheitsphilosophie für "Schwarzschläfer"

Roelcke: Im Mittelpunkt Ihres Romans stehen der Student Edgar Bendler und der Russland-Deutsche Alexander Krusowitsch, genannt "Kruso". Sie treffen sich im Sommer 1989 auf Hiddensee, sie arbeiten gemeinsam in einer Gaststätte als "SK", als Saisonkräfte. Zwei Schiffbrüchige, die dann wiederum umgeben sind von weiteren Schiffbrüchigen. Können Sie denn vielleicht kurz skizzieren, Herr Seiler, welche Schiffe, um mal in diesem Bild zu bleiben, welche Schiffe da zu Bruch gegangen sind?

Seiler: Na ja, Krusowitsch sagt, Schiffbrüchige des Lebens und des Landes. Also das kann alles Mögliche sein. Menschen, die mit ihrem Leben nicht mehr zurande kommen aus den verschiedensten Gründen, aber auch politischen Gründen. Schiffbrüchige des Landes, das wären dann die politischen Gründe, et cetera. Also, das ist eine Metapher von Krusowitsch.

Er sieht sie als Schiffbrüchige und er möchte sie gerne mit seiner Praxis der Freiheit und Philosophie der Freiheit zurückführen zu den Wurzeln der Freiheit, und er hat sich da etwas Eigenes ausgedacht: Er hat eine eigene Freiheitsphilosophie, die er zusammenmontiert aus den Sozialutopien der Vergangenheit, von Rousseau bis Bloch. Es gibt auch ein bisschen Drogenkunde, mit Castaneda, und ein bisschen Schamanentum. All das montiert er zu einer ganz eigenen Freiheitsphilosophie, und dazu gehört dann eben diese Praxis der Freiheit mit heiligen Suppen, rituellen Waschungen und eben diesen drei magischen Nächten, die er jedem dieser Schiffbrüchigen verschafft, verschaffen möchte, um sie zu den Wurzeln der Freiheit zurückzuführen.

Es ist ja bekannt, dass es auf Hiddensee keine Übernachtungsmöglichkeiten gab, dass man im Grunde nur als Schwarzschläfer durchkommen konnte. Und Kruso besorgt den Schiffbrüchigen diese drei Nächte des Schwarzschlafens.

Lesungen gehören zum Beruf dazu

Roelcke: Noch mal zum Stichwort Lesungen: Sie haben viel schon aus dem Roman gelesen und werden das natürlich auch künftig machen, in den nächsten Wochen wahrscheinlich. Haben Sie da unterschiedliche Erfahrungen gemacht im Osten Deutschlands und im Westen Deutschlands, mit den Reaktionen des Publikums?

Seiler: Eigentlich nicht. Ich kann – es ist mir schon früher so gegangen, dass ich das gar nicht so rubrizieren konnte nach Ost und West. Es gibt da im Grunde ganz verschiedene, nach Regionen meinetwegen zu unterteilende Reaktionen. Keine Ahnung, also ich habe das – die Erwartungshaltung, die man unter Umständen hat, eine Geschichte wird dort besser erkannt und verstanden, wo sie auch spielt und so weiter, die ist eigentlich fehl am Platze. Die Leser sind überall von einer Kompetenz, die einen dann doch immer wieder umhaut.

Roelcke: Stellt sich selbstverständlich zum Schluss auch noch die Frage, wie es denn jetzt weitergeht. Der Moderator Gert Scobel hat bei der Preisverleihung im Frankfurter Römer vermutet, Sie hätten vermutlich jetzt erst mal keine Zeit zum Schreiben, aber vielleicht gibt es ja so was wie Pläne, literarische Träume. Haben Sie die?

Seiler: Ach ja, man hat natürlich die verschiedensten Pläne. Als ich das Buch fertig hatte, hatte ich sofort – das ist eine typische Post-Manuskript-Abschließerscheinung –, hatte ich vier Bücher im Kopf, die ich unbedingt schreiben will. Und das legt sich dann natürlich, weil man ist erschöpft und möchte eigentlich Pause machen. Man muss auch Pause machen, und man muss auch in diesen Ring steigen, jetzt für das Buch. Es gehört einfach zum Beruf dann dazu, auch die Lesungen zu machen und sich auch für das Buch einzusetzen und so weiter. Also das, das ist jetzt dran, und dann irgendwann wird es ein neues Buch geben.

Roelcke: Lutz Seiler, sein Debutroman "Kruso" wurde heute mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Herr Seiler, Danke schön!

Seiler: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:
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