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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.07.2016

Deutsche und NiederländerDie alten Vorurteile gelten nicht mehr

Tilmann Bünz und Wouter Meijer im Gespräch mit Frank Meyer

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Der niederländische Polizist Marco Slangen (l) und sein deutscher Kollege Hans-Joachim Blenz schauen sich am Freitag (02.03.2007) in ihrer Dienststelle im Eurode Business Center an der deutsch-niederländischen Grenze bei Herzogenrath hinter einem Schild an, auf dem in Deutsch und in Niederländisc... (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)
Deutsche und niederländische Polizisten an der Grenze (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)

Deutsche Bücher über die Niederlande und niederländische über Deutschland gibt es derzeit reichlich. Denn beide Länder haben sich gegenseitig zu Schwerpunktthemen ihrer Buchmessen gemacht. Sie machen deutlich, wie sehr sich das Verhältnis beider Völker verändert hat.

Früher waren die Deutschen für die Holländer "Moffen", also muffige, laute, unangenehme Nachbarn. Das hat sich inzwischen geändert, jedenfalls wenn man Neuerscheinungen auf dem Sachbuchmarkt betrachtet: Derzeit gibt es ein Dutzend Bücher in den Niederlanden, die Deutschland als offen und sympathisch beschreiben. Eines davon hat der ehemalige Deutschland-Korrespondent des niederländischen Rundfunks, Wouter Meijer, geschrieben: "Wir können nicht alle Deutsche sein".

Nachdem es lange Zeit viel Skepsis gegenüber dem großen Nachbarn gegeben habe, bewunderten die Niederländer heute die politische Stabilität in Deutschland und die Geschwindigkeit, mit der Deutschland nach 2008 die Finanz- und Wirtschaftskrise überwunden habe, sagt Meijer. "Man hat Deutschland mittlerweile kennengelernt als friedliches und wirtschaftliches und erfolgreiches Land. Und möchte einfach auch davon profitieren."

Kritischer Blick des Niederländers auf den deutschen Umgang mit Rechtspopulismus

Kritisch sieht Mejer hingegen den deutschen Umgang mit dem Rechtspopulismus. "In Deutschland ist eigentlich immer noch der Mainstream im Journalismus und in der Politik, die 'schwarz' zu machen, diese Bewegungen, nicht mit denen zu reden und zu sagen: 'Das sind eigentlich im Prinzip Nazis oder zumindest ganz gefährliche Leute'", sagt er. "Meine Erfahrung als Niederländer ist, dass man die ernst nehmen muss."

So wie Meijer von außen auf Deutschland blickt, wirft der ARD-Reporter Tilmann Bünz in seinem Buch "Fünf Meter unter dem Meer: Niederlande für Anfänger" einen deutschen Blick auf die Niederlande. Der sich auch deshalb lohnt, weil Bünz zufolge die Niederlande "eine Art Versuchslabor für Konflikte in modernen Gesellschaften" seien: was dort passiere, geschehe zehn Jahre später bei uns.

Derzeit sei in den Niederlanden vor allem die "schlechte Integration von Minderheiten" zu beobachten. "Vor allem viele muslimische jüngere Männer sind es, die in der zweiten und dritten Generation nicht so richtig in den Arbeitsmarkt reinkommen."

Für die Niederländer war die EU nie eine Herzensangelegenheit

Aus der Begegnung mit Niederländern habe er auch gelernt, "dass wir Deutschen ein sehr spezielles Verhältnis zu Europa haben, weil wir sozusagen auf Bewährung wieder in der Staatengemeinschaft sind", sagt Bünz. Diese Haltung zur EU als Friedensprojekt werde keinesfalls überall in Europa geteilt.

"Unser Premierminister würde niemals im Parlament sagen, Europa ist ein Friedensprojekt", betont Wouter Meijer. "Er sagt immer: es ist Handel, wir verdienen da eine ganze Menge Geld. Und wenn die Leute das nicht mehr glauben, dass sie Geld verdienen in Europa, weil sie es zum Beispiel in ihrer eigenen Tasche, auf ihrem eigenen Girokonto nicht mehr sehen, dann sind sie weg."

Tilmann Bünz: "Fünf Meter unter dem Meer"
Verlag btb, München 2016
256 Seiten, 9,99 Euro
Erscheint am 11. Juli

Wouter Meijer: "We kunnen niet allemaal Duitsers zijn" (Wir können nicht alle Deutsche sein)
Verlag Atlas Contact 2016, 238 Seiten

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