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Zeitfragen | Beitrag vom 16.07.2018

Deutsche und dänische Wohnpolitik im VergleichGhettopolitik oder Soziale Stadt?

Von Jane Tversted und Martin Zähringer

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Ein Blick von einer erhöhten Perspektive auf die zahlreichen Hochhaussiedlungen des Berliner Bezirks Marzahn. Zwischen den Gebäuden sind zahlreiche Bäume zu sehen. Der Himmel ist grau. (Martin Zähringer/Deutschlandradio)
Der Himmel über Marzahn: Einst war der Ost-Berliner Bezirk ein Vorzeigeprojekt der DDR. (Martin Zähringer/Deutschlandradio)

Auf die Wende folgte für den Ost-Berliner Bezirk Marzahn der soziale Niedergang. Im dänischen Gellerupparken herrscht seit den 80ern hohe Arbeitslosigkeit. Zwei soziale Brennpunkte – zwei unterschiedliche politische Strategien, die Lage zu lösen.

Kopenhagen, Ministerpräsidentenzimmer auf Schloss Christiansborg. Das dänische Fernsehen überträgt die Neujahresrede des Regierungschefs: "Heute Abend möchte ich von einer jener Balancen sprechen, von denen ich befürchte, dass sie kippen. Ja, an manchen Orten sind sie schon gekippt."

Dänemarks "Ghettopolitik"

Lars Løkke Rasmussen sitzt an seinem massiven Amtsschreibtisch, den Kopf leicht zur Seite geneigt, eindringlicher Blick in die Kamera.

"Im ganzen Land verteilt gibt es Parallelgesellschaften. Viele Menschen mit ähnlichen Problemen sind zusammengedrängt. Das erzeugt eine negative Spirale, eine Gegenkultur. Wo man keine Verantwortung übernimmt, nicht teilnimmt, die Möglichkeiten, die wir in Dänemark haben, nicht nutzt, sondern sich außerhalb stellt. Es gibt Löcher in der Dänemarkskarte.

Wir werden nicht mehr die fehlgeschlagene Politik von Jahrzehnten flicken. Wir werden ein neues Ziel setzen, um die Ghettos vollständig abzuwickeln. An manchen Orten werden wir den Beton aufbrechen. Gebäude abreißen. Die Bewohnerschaft zerstreuen und anderswo ansiedeln. An anderen Orten werden wir genau steuern, wer einzieht."

"Man kann sagen, was insbesondere in den letzten Jahren geschehen ist, das ist eine Verkettung von Integrationspolitik und Wohnpolitik, und das wird dann in diese sogenannte 'Ghettopolitik' umgemünzt", sagt Jonas Strandholdt Bach. "Das begann mit der rechtsliberalen Fogh-Regierung, die 2001 an die Macht kam. Sie definierte erstmals ein "Ghetto" und stellte die ersten "Ghettolisten" auf." Der Anthropologe betreibt Feldstudien in Gellerupparken, einer Großwohnsiedlung bei Aarhus/Dänemark.

"Der Hauptgedanke hier in Gellerup", sagt Claus Bech-Danielsen, Architekturprofessor bei der Aalborg / Dänemark. "Das ist Verdichtung und mehr Leben. Und dann ist es Social Mix. Es ist der Traum, die Stadt neu zu mischen."

Krise der Großwohnsiedlung

Wir stehen mit dem Bauhistoriker Dr. Oleg Peters auf dem Skywalk der kommunalen Wohnbaugesellschaft degewo AG, 21 Stockwerke über einem Platz in der Großwohnsiedlung Marzahn-Hellersdorf, der gerade neu gestaltet wird. Rundum Hochhäuser und Plattenbauten, dazwischen Reste der alten Dorfstruktur, alles eingebettet oder umrahmt von dichten Alleen. Bäume wuchern selbst aus den Innenhöfen der Wohnblöcke über die Dächer hinaus. Unter uns zieht eine Straßenbahn vorüber.

"Das Wetter ist nicht optimal, es ist zwar schön warm, regnet nicht, windstill ist es auch fast, aber die Sicht ist nicht so toll. Am besten ist es in den Wintermonaten, wenn da mal ein sonniger Tag ist, da kann man 60 bis 70 Kilometer in die Landschaft gucken. Aber der Bezirk ist sichtbar, wir stehen also gefühlt in der geografischen Mitte."

Blick auf mehrere Plattenbauten in Berlin-Marzahn (picture alliance / dpa / Paul Zinken)Plattenbauten in Berlin-Marzahn (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Aber wir sind nicht hier, um die tolle Aussicht zu genießen. Wir haben ein paar Fragen – zur Krise der Großwohnsiedlung und zum politischen Umgang mit dem Problem. Von Marzahn haben wir nur gehört, dass es hier soziale Brennpunkte geben soll, die Verbindung Marzahn und Ghetto war in den Medien sehr populär, aber das schwächt sich langsam ab.

In Dänemark dagegen beobachten wir seit Jahren, dass sogar die Regierung mit dem Begriff "Ghetto" massiv Ausländerpolitik macht und eine sogenannte Parallelgesellschaft beschwört. Aber warum vermischt man in Dänemark die Frage der Wohnpolitik mit der Ausländerpolitik? Und was hat die Platte mit einem Ghetto zu tun? Zunächst wollen wir wissen: Warum geriet direkt nach der Wende eine gerade erst fertig gebaute Großwohnsiedlung mit 100 000 Wohnungen im Osten von Berlin in die Krise?

Nach der Wende verschwanden die Arbeitsplätze

"Das hat damit zu tun, dass jenseits der S-Bahn-Linie, dort, wo die überwiegende Anzahl der Bewohner damals gearbeitet hat, seinerzeit 55.000 Arbeitsplätze waren", sagt Peters. "Das waren aber Industriezweige wie Elektrotechnik, Anlagenbau, Werkzeugmaschinenbau, die keine Chance hatten, sich nach 1990 am Weltmarkt zu etablieren. Da fielen auf einen Schlag zehntausende Arbeitsplätze weg. Und dann ist natürlich klar, dass die Leute wieder Arbeit suchten, die haben sie aber hier nicht gefunden. Diese Massenflucht, sag ich jetzt mal, die Anfang der 90er Jahre bis Mitte der 90er stattgefunden hat, die hatte eben mit dieser Suche nach einem neuen Arbeitsplatz zu tun. Die Leute sind hier nicht weggezogen, weil die Wohnungen oder die Infrastruktur schlecht waren."

Wir merken dem Marzahner Oleg Peters an, dass er die Platte auch persönlich verteidigt, er hat damals mitgebaut und wohnt selber hier. Aber er ist auch der Leiter des Standortmarketing von Marzahn-Hellersdorf und kennt das Imageproblem der Platte. Er weiß, dass viele ehemalige DDR-Bürger nach der Wende auch die Chance nutzten, sich den Traum vom Eigenheim zu erfüllen. 2002 waren ein Viertel der Bewohner weg und 11.500 Wohnungen standen leer.

"Also sind Wohnungen abgerissen worden und zwar eine größere Anzahl. Ich kann gerne auch mal die Zahl nennen - über 5000 Wohnungen hier in Marzahn, mehr als in Hellersdorf."

Das große Abreißen und die Folgen

Oleg Peters ist nicht für den Abriss von Wohnungen, schon weil Abriss echte Werte zerstört. Das Wort Rückbau hält er für ideologisch. Das große Abreißen ging auf eine Maßnahme der Bundesregierung zurück. Sie hatte 2002 das Programm "Stadtumbau Ost" aufgelegt, um endlich die Krise der ostdeutschen Großwohnsiedlungen zu lösen: Bei über 15% Leerstand konnten die Wohnungsunternehmen Bestände abreißen, für die dann keine Altschulden mehr zu zahlen waren. Peters erinnert sich an die Konflikte in der Abrisszeit:

"Da gab es natürlich Proteste. Da gab es x Einwohnerversammlungen. Aber man muss sagen, es wurde immer wieder versucht, über Quartiersbeiräte, die man erstmals eingeführt hatte, im Dialog zu bleiben mit den Leuten. Aber das war eine harte Auseinandersetzung. Die Leute haben nicht verstanden, wieso Wohnungen einfach abgerissen werden. Wie jeder sagt: 'Man kann doch nicht einfach wat abreißen, bloß weil keener drinnen wohnt.'"

In der Gegend um die Havemannstraße/Rosenbecker Ring in Berlin-Marzahn werden rund 1200 Plattenwohnugen abgerissen und ein Teil der Plattenbauten wird zurück gebaut. Marzahn war einst zu DDR-Zeiten das erste und größte Wohnungs-Neubaugebiet am östlichen Stadtrand von Berlin. Im Bild zu sehen: Trümmer vor einem alten Plattenbau. (dpa / Zentralbild / Bernd Settnik)Der große Abriss: Im Zuge des Programms "Stadtumbau Ost" wurden zahlreiche Plattenbauten in Marzahn abgerissen. (dpa / Zentralbild / Bernd Settnik)

Und die Krise in Marzahn-Hellersdorf war damit auch nicht bewältigt, denn die Abwanderung setzte sich fort, und die verbliebenen Mieter waren oft arbeitslos. Der Leerstand hat die Mietpreise in den Keller gebracht, was wiederum ärmere Mieter angezogen hat. Dieser Zuzug setzt sich bis heute fort, denn während Berlin jährlich um etwa 40 000 Einwohner wächst, steigen die Mieten in der Berliner Innenstadt. Tausende Mieter werden an die Ränder der Stadt gedrängt, zum Beispiel nach Marzahn, und hier stellt sich jetzt deutlich die Frage der sozialen Lage:

Wenn Geringverdiener, Arbeitslose, Großfamilien oder alleinerziehende Mütter in wachsender Zahl die soziale Wirklichkeit bestimmen - ist das eine soziale Parallelgesellschaft?

Die "Geborgenheitsgarantie" in Gellerupparken

Dänemark - Gellerupparken bei Aarhus. "Das stimmt schon, dass viele meinten, es sei jenseits der Norm, hier zu wohnen", sagt Keld Lauersen. "Aber gleichzeitig gab es auch sehr viele Bewohner, auch in den härteren Zeiten, die sehr gern hier wohnten. Viele sagten: Das ist ja ein Dorf. Da gibt es sehr viele Leute, die sich kennen. Es ist nicht richtig, das nur als Ghetto zu bezeichnen."

Keld Lauersen ist der Direktor der gemeinnützigen Wohnbaugesellschaft Brabrand Boligforening im dänischen Aarhus. Gemeinnützige Wohngesellschaften besitzen in Dänemark insgesamt 550.000 gemeinnützige Wohnungen. Sie erwirtschaften keine Profite, und die Mieten decken nur die faktischen Kosten. Brabrand gehört die Großwohnsiedlung Gellerupparken bei Aarhus. Sie hat 6000 Bewohner, wird derzeit im großen Stil umgebaut, und wir ziehen hier für ein paar Tage ein, um uns einmal genauer anzusehen, wie in Dänemark ein sogenanntes Ghettogebiet saniert wird.

Diverse Hochhäuser und Kräne. Im Vordergrund: Ein aufgerissener, neu angelegter See in erdiger Umgebung.  (Martin Zähringer / Deutschlandradio)Ein Bauprojekt in Gellerupparken bei Aarhus in Dänemark (Martin Zähringer / Deutschlandradio)

Das geht nach dem sogenannten Ganzheitsplan Gellerup: Die Kommune beteiligt sich mit Infrastrukturmaßnahmen und stellt einen großen Verwaltungsbau für 800 Angestellte in die Siedlung. Die Wohnbaugesellschaft muss fünf große Wohnblöcke abreißen und eigene Grundstücke sowie Wohnungen an Privatinvestoren verkaufen. Damit wird der Anteil der gemeinnützigen Wohnungen verdünnt, was in den Augen der Planer zu einer neuen sozialen Mischung führen soll. Die Mieter haben mitgeplant und zugestimmt, im Gegenzug gab es eine "Geborgenheitsgarantie", keiner muss aus der Siedlung ausziehen.

Ein besonderes Milieu

"Aber es war schon ein Gebiet, das in sich geschlossen war, das war nicht sehr zweckdienlich", erklärt Lauersen. "Das schafft große soziale Probleme, viele Erwachsene sind nicht am Arbeitsmarkt, zu wenige Junge bekamen eine Ausbildung. Es war fast normaler, arbeitslos zu sein, als zur Arbeit zu gehen. Wie sollten die Kinder, die hier aufwuchsen, lernen, dass die Norm in Dänemark darin besteht, jeden Morgen aufzustehen und zur Arbeit zu gehen – wenn das nun mal keiner vormachte. In dem Sinn war und ist das noch ein besonderes Milieu hier."

Wir sitzen mit dem Direktor auf der Dachterrasse des E&P-Hauses, ein geräumiger knallroter Containerbau zur laufenden Information über die Umwandlung. Ringsum Baustellen, vier bis achtstöckige Wohnblöcke liegen verschlafen in ihrer grünen Umgebung. Seit zehn Jahren plant die Wohnbaugesellschaft gemeinsam mit der Kommune Aarhus die Aufwertung des Gebietes, seit vier Jahren wird intensiv gebaut, aber für die dänische Regierung bleibt Gellerupparken ein Ghetto.

"Man kann sagen: Die letzten vier Folketing-Wahlen in Dänemark drehten sich um Ausländer und Integration. Da gibt es also Stimmen zu holen, Stimmen für die Bürgerlichen, Stimmen für jene, die sich als besonders hart gerieren, besonders kritisch, sich besonders kümmern wollen, um die in Wirklichkeit ja muslimisch dominierten Wohngebiete. Da ist ja klar, und da gibt es da diesen harten Unterton in diese Richtung: Da, wo die Muslime wohnen, da müssen wir eingreifen, nicht wahr."

Viermal auf der Ghettoliste

Die Regierung veröffentlicht seit 2010 einmal im Jahr eine sogenannte Ghettoliste. Darin stehen Wohngebiete mit besonderen sozialen Belastungen: 30 Ghettos wurden 2018 aufgeführt. Die Liste erscheint jeweils am 1. Dezember, alle Medien drucken sie vollständig ab, als wäre sie ein Dekret oder ein Staatsanliegen von höchster Wichtigkeit. Und weil Gellerupparken schon vier Mal auf der Liste war, gilt es jetzt, trotz aller Maßnahmen und Umbauarbeiten, als "hartes Ghetto" nach den neuesten Regeln von 2018, nachdem die Regierung ein neues Programm auf den Weg brachte: ‚Ein Dänemark ohne Parallelgesellschaften – Bis 2030 keine Ghettos mehr.‘ Aber was ist ein dänisches Ghetto?

Ministerium für Transport, Bauen und Wohnen:
"Unter einem Ghettogebiet versteht man nach den geltenden Regeln physisch
zusammenhängende gemeinnützige Wohngebiete mit mindestens 1000 Einwohnern."

Die Hauptbetonung liegt auf gemeinnützig. Man kann es leicht überhören, weil die Debatte um die dänische Ghettopolitik nur mit der harten Rhetorik gegen Ausländer verbunden wird. Ein erklärtes Kriterium für ein Ghetto ist tatsächlich die Anzahl von nichtwestlichen Ausländern und ihren Nachkommen, aber das Ministerium lässt 2018 verlauten:

"Eines der wesentlichsten Probleme in Ghettogebieten ist eine zu einseitige Wohnungszusammensetzung. Gebiete, die primär aus gemeinnützigen Familienwohnungen bestehen, sind deutlich von der umliegenden Gesellschaft abgegrenzt. Das Ziel ist eine veränderte Bewohnerzusammensetzung, gemischte Wohnformen und ein besserer Zusammenhang mit der umliegenden Stadt."

Eine parlamentarische Mehrheit hat das Anfang Mai 2018 im Folketing als eines der "wesentlichsten Probleme" bestätigt, während im Ausland andere Vorschläge Aufsehen erregten: zum Beispiel Straftaten innerhalb eines sogenannten Ghettos mit höheren Strafen zu belegen oder der sogenannte Kindergartenzwang, wonach Kinder ab einem Jahr in Kitas gehen müssen. Bei Missachtung droht Entzug des Kindergeldes. Und wer möglicherweise auf der Warteliste für eine gemeinnützige Wohnung schon weit vorgerückt ist, hat Pech, sofern er oder sie Bezieher von Transferleistungen ist. In ein Gebiet der Kategorie "hartes Ghetto" dürfen sie nicht ziehen.

Der Abriss wird zur Pflicht

Und die Regierung meint es ernst:

"Die Regierung wird gemeinsam mit drei Ghetto-Repräsentanten systematisch die Absprachen und Einsätze gegen die Parallelgesellschaften überprüfen und überwachen. Die drei Ghetto-Repräsentanten haben die Aufgabe, die Entwicklungen auf den Einsatzgebieten infolge der Strategien und Effekte der Initiativen zu verfolgen."

Einsatzgebiet Ghetto? Eine gefährliche Sprache im demokratischen Dänemark. Dabei geht der Hauptstoß der neuen politischen Vereinbarung gegen gemeinnützige Wohnungen als solche: Ihr Anteil muss in einem als "hartes Ghetto" bezeichneten Wohngebiet auf 40% reduziert werden. Abriss wird zur Pflicht, auch wenn die Wohnungen alle belegt und baulich in Ordnung sind. Die Wohnbaugesellschaften müssen abreißen, gemeinnützige Wohnungen in private umwandeln und/oder Grundbesitz an private Investoren verkaufen. Das sind die Grundlagen des neuen Planungsideals, des stadtstrategischen Ansatzes, den auch die Regierung zitiert. Wohin die vormaligen Mieter der Abrisshäuser ziehen sollen, bleibt offen.

Demographisches Fiasko eines Bezirks

Zurück nach Marzahn.

"Die privaten Wohnungsbestände, vor allen Dingen die, die so in Fonds gelandet sind, da gab es eher prekärere Entwicklungen, weil die eher keine Wohnungspolitik nach Augenmaß gemacht haben", sagt Dagmar Pohle, die Bezirksbürgermeisterin in Marzahn-Hellersdorf von der Partei Die Linke. "Da geht es um Rendite, da sind leere Wohnungen egal wie gefüllt worden. Das merkt man in den Quartieren. Das ist hier in Hellersdorf durchaus typisch, weil eine Reihe von Beständen im Rahmen dieses Altschuldenhilfegesetzes privatisiert worden sind und dann immer wieder verkauft worden."

Schwarzweiß-Luftaufnahme von Marzahn: In der Mitte zu sehen sind dorfartige Hausanordnungen, darum Neubauten und Hochhäuer. (imago / Detlev Konnerth )Marzahn im Jahr 1991. Gut zu sehen: Die alten Dorfstrukturen. (imago / Detlev Konnerth )

Dagmar Pohle ist seit den frühen 1990er Jahren im Bereich Stadtentwicklung und Wohnen politisch engagiert. Sie hat das demographische Fiasko des Bezirkes miterlebt und auch, wie die soziale Situation in manchen Gegenden immer prekärer geworden ist.

"Und gerade im letzten Jahrzehnt. Das war die Zeit der ganz aktiven Heuschrecken, wo Wohnungsbestände relativ preiswert am Markt waren, also große Einheiten, die dann immer weiterverkauft worden sind. Das war natürlich für diejenigen, die das im Auftrag dieser Fonds oftmals bewirtschaften mussten, nicht so einfach. Die mussten vermieten, vermieten, vermieten – koste es, was es wolle. Und haben einfach ihre Wohnungen zugemacht. Und die sozialen Probleme, die daraus resultierten – da musste die Kommune handeln."

Soziale Projekte und Beratungsstellen

Und wie? Unter anderem durch die Unterstützung vom Bund, der für wirtschaftlich sozial benachteiligte und strukturschwache Stadt- und Ortsteile das Programm Soziale Stadt aufgelegt hat. Die Soziale Stadt finanziert für vier Ortsteile in Marzahn-Hellersdorf jeweils ein Quartiersmanagement, das etwa in einem leer stehenden Einkaufszentrum soziale Projekte und Beratungsstellen angesiedelt hat. In Marzahn hat sogar ein Wohnungsunternehmen selbst ein Quartiersmanagement eingerichtet, die landeseigene degewo AG. Die degewo ist - neben Private Equity Fonds und anderen Privaten sowie den Wohnbaugenossenschaften - die dritte tragende Säule in der Großwohnsiedlung Marzahn.

"Es ist noch eine relativ schwierige Nachfragesituation, obwohl ja innerstädtisch so ein großer Druck nach Wohnungen herrscht", sagt Julia Miethe, Prokuristin bei der degewo Marzahn. "Den spüren wir hier in der Art noch nicht."

Von einem "Ghetto" spricht in Marzahn niemand

Die degewo hat im Jahr 2002 die Marzahner Wohnungsbaugesellschaft gekauft und ist heute mit 18.000 Wohnungen der größte Vermieter in Marzahn. Julia Miethe erklärt uns das Prinzip der sensiblen Belegungspolitik der degewo vor Ort:

"Wir haben definitiv ein sehr hohes Nachfrageaufkommen, aber nicht zum größten Teil von Leuten mit eigenem Einkommen. Und wir haben ja Vorgaben aus der Kooperationsvereinbarung mit dem Land Berlin, dass wir 60% der Neuvermietungen an WBS-berechtigte Haushalte durchführen. Und im Gegensatz zu anderen kommunalen Schwestergesellschaften haben wir für uns keine konkreten Häuser benannt, wo wir sagen: Das sind die Häuser, in die wir definitiv nur die WBS-Haushalte reinpacken, sondern wir wollen eben eine gute Durchmischung haben."

Das Monitoring Soziale Stadtentwicklung im Berliner Sozialstrukturatlas zeigt mit seiner Farbagenda von tiefrot (stark belastet) - bis grau (nicht belastet): Marzahn-Hellersdorf hat sich farblich in Richtung grau mit wenigen hellroten Flecken entwickelt. Aber die 60%- Vereinbarung mit dem Senat von Berlin, die alle Bezirke betrifft, könnte Marzahn-Hellersdorf noch zu schaffen machen. Man sieht zudem am Rand von Berlin mancherorts, wie das Auslaufen des sozialen Wohnbaustatus zu steigenden Mieten führt und selbst hier schon wieder Mieter verdrängt. Es stimmt ebenfalls, dass zum Beispiel Russlanddeutsche oder geflüchtete Syrer ihre eigenen Nachbarschaften bilden. Und wahr ist auch, dass in Marzahn-Hellersdorf fast jeder Vierte von Hartz IV lebt. Aber das Wort Ghetto nimmt hier niemand in den Mund.

Die Wirtschaftskrise der 70er trifft Gellerupparken

Dänemark, Gellerupparken bei Aarhus. In Gellerupparken treffen wir einen ehemaligen Bewohner: Jonas Strandholdt Bach hat hier als Kind gewohnt und schreibt derzeit seine Dissertation als angehender Anthropologe. Er führt Befragungen über die Motivationen der Mieter durch: Warum zieht man her, warum zieht man weg? Jonas holt uns im Café International zu einem Rundgang ab. Das Cafe gehört zu unserer Unterkunft Sleep Inn Gellerup, es liegt in einer Art Zentrum mit Funktionsbauten, Betonarchitektur pur, schon etwas verwittert und für den Abriss vorgesehen.

2469068837_Gellerupparken Modell im E_P Haus Bild Martin Zaehringer.jpg (Martin Zähringer / Deutschlandradio)Ein Plan für Gellerupparken (Martin Zähringer / Deutschlandradio)

"Da drüben ist die Gellerupkirche, hier die Gemeinschaftseinrichtungen, das war ursprünglich ein Hotel, es gab einen Jazzclub, die unterirdische Theaterszene gibt es noch, ebenso wie die Bibliothek, die aber demnächst umzieht. Es war das Dienstleistungszentrum für die ganze Gegend, hier konnte man seine Pakete abholen, man konnte sogar einen Babysitter bestellen. Das war ursprünglich in den 1970er Jahren eine sehr ambitiöse Siedlung mit einem extrem hohen Serviceniveau."

Aber dann zwang die Wirtschaftskrise der 1970er Jahre die Familienhaushalte beim Wohnen zum Sparen. Es ist im Grunde wie in Berlin ein historischer Umstand, der die Pläne durchkreuzte, aber die Kommune Aarhus agierte ziemlich unbedarft, sie siedelte einfach die früher angeworbenen Gastarbeiter dort an. Schon in den 1980er Jahren war hier die Hälfte der Bewohner arbeitslos, und so ist es - bei etwas geänderter ethnischer Mischung - auch geblieben.

Die Bewohner werden zum Problem erklärt

"Es wird jetzt städtischer, laut Plan soll dazu gebaut werden. Aber zuerst hat man abgerissen, insgesamt fünf Blöcke wurden entfernt, und jetzt wird dort neu dazu gebaut. Das gehört zur sogenannten Verdünnungsstrategie, der Anteil der gemeinnützigen Wohnungen soll verringert werden. Hier sollen andere Typen von Bewohnern einziehen, am liebsten solche mit Arbeit, denn Arbeitslosigkeit gehört ja zu den Parametern, die ein Ghetto auszeichnen. Da drüben kommt der Kommunalbau, das wird die neue Umwelt- und Technik-Verwaltung für ganz Aarhus, die Architekten schwärmen davon. Das bringt 800 Arbeitsplätze hierher, und um etwas Leben hereinzubringen, gibt es auch Cafés und Restaurants. Das ist der Plan."

2469068836_Gellerupparken Karen Blixens Boulevard Bild Martin Zaehringer.jpg (Martin Zähringer / Deutschlandradio)Der Karen Blixens Boulevard in Gellupparken. Früher standen hier Wohnsiedlungen. (Martin Zähringer / Deutschlandradio)

Der monumentale Verwaltungsbau aus Glas und Stahl steht direkt am Karen Blixens Boulevard, einer vierspurigen Straße. Früher gab es hier Wohnblöcke und Rasen in einer autofreien Siedlung. Der Boulevard, offensichtlich überdimensioniert, soll das einstmals geschlossene Gebiet mit der umliegenden Stadt verbinden, später soll eine Stadtbahn dazu kommen.

Aber im Augenblick verbindet der Karen Blixens Boulevard nur den südlichen Teil der Siedlung mit dem Bazar im Norden, einer ehemaligen Fabrikhalle mit charakteristischem Schornstein. Im Inneren gibt es lokale Geschäfte und Restaurants: somalisch, arabisch, türkisch. Und ihre Betreiber und Familien sind also das Problem, oder anders gesagt, sie werden zum Problem gemacht, zur Parallelgesellschaft, in der die dänischen Werte nicht gelten. Um eine ihrer Stimmen selbst einmal zu hören, empfiehlt uns Jonas einen Besuch bei Aysha Amin.

Abriss der Erinnerung

"Ich will es nicht Verlust der Identität nennen. Aber das Gefühl ist schon irreal, wenn man seinen Kindergarten nicht mehr finden kann, weil er abgerissen wurde. Also ich sage es mal so: Jetzt muss man es alleine schaffen, sich seiner Kindheit zu erinnern."

Aysha, Anfang Zwanzig, selbstbewusst und engagiert. Sie wohnt mit ihrer Mutter in der Siedlung und betreibt mit anderen Jugendlichen neben dem Sleep Inn den Projektraum Andromeda. Sie bezeichnet ihn als Kunstplattform nichttraditioneller Art. Die Gruppe um Andromeda will das alte Zentrum für seine Bewohner erhalten und vor allem eigene Initiative zeigen. Dazu gehören Workshops, Ausstellungen und Filmvorführungen, neuerdings auch Führungen durch die Siedlung mit dem sprechenden Namen "Demolition-Tours", also Abrisstouren.

"Ich habe auch von anderen gehört, dass es sich schräg anfühlt, wenn alte Dinge, die ja alte Erinnerungen darstellen, abgerissen werden, weil sie nicht gut genug waren. Also: Das war ein schlechtes Gebäude, das war ein schlechter Kindergarten. Aber dann denken die Leute: Aber da bin ich doch aufgewachsen, daran habe ich doch meine schönen Erinnerungen. Heißt das, die Dinge, die ich erlebt habe, sind schlecht? Das sind psychische Dinge, die ins Spiel kommen."

Verunsicherung in der Bevölkerung

Aysha berichtet, dass es am Anfang nur um drei Blöcke ging, die abgerissen werden sollten, daraus wurden später fünf und man wisse nicht, was da noch kommen wird. Die Menschen in Gellerupparken sind verunsichert, auch wenn ihnen die dänische Mieterdemokratie in gemeinnützigen Wohnungen grundlegende Mitbestimmungsrechte einräumt. Die Mieter haben in allen Gremien die Mehrheit und wenn sie nicht zugestimmt hätten, wäre aus dem Ganzheitsplan Gellerup nichts geworden. Aber sie trauen dem Frieden nicht.

"Dieses Gebiet ist ja extrem politisch, ob man will oder nicht. Das hier draussen ist Dänemarks größtes Bauprojekt, nicht wahr? Man lebt ja darin, man lebt in einer Zwischenzeit, man lebt in der Renovierung. Wenn man hier draussen lebt und arbeitet, dann ist das ein beständiger Kampf. Man muss psychisch gut auf sich aufpassen. So ist es jetzt geworden, mehr und mehr. Die offizielle Rhetorik und was man so rundum hört: Da fühle ich mich immer mehr unwillkommen. Aber grade darum bestehe ich darauf, hier zu bleiben. Da soll niemand herkommen und mir vorschreiben, ob ich in meinem Quartier bleiben darf oder nicht."

Keine Mietsenkung in Gellerupparken

"Das ist ja weitestgehend ein ideologischer Kampfplatz", erklärt Claus Bech-Danielsen, Architekturprofessor an der staatlichen Bauakademie Aalborg. "Das gilt auch für Gebiete wie dieses hier, wo Gemeinschaft und Solidarität einmal die Kernbegriffe waren. Heute will man hier in hohem Grad privatisieren, nicht nur Grundstücke verkaufen, sondern auch die gemeinsamen Areale zur privaten Aneignung freigeben."

Bech-Danielsen ist Experte für Sanierungsmaßnahmen in Großwohnsiedlungen und hat gerade ein Buch publiziert: "Vom Ghetto zur gemischten Stadt". Er hat für seine Recherche zahlreiche Großwohnsiedlungen weltweit besucht, und uns besuchte er zu einem Gespräch in Gellerupparken.

"Der soziale Wohnungsbau ist in Dänemark mit Bankkrediten finanziert, die wie üblich über 30 Jahre abbezahlt werden, und wenn die Schulden getilgt sind, könnte man eigentlich die Mieten senken. Der Staat hat in Dänemark etwas anderes beschlossen: Die Mieter zahlen die gleiche Miete. Aber was früher für die Schuldentilgung benutzt wurde, geht jetzt in den Landesbaufond. Das ist ein riesiger Fond, der Milliarden von Kronen verwaltet und solidarisch Renovierung und Umbau im sozialen Wohnungsbau abdeckt."

Marktbereinigung von oben - die Spirale dreht sich weiter

Nun versuchen die Regierungen unter Venstre seit Jahren, den Landesbaufonds zu schwächen. Immerhin finanziert er den Erhalt von 550.000 gemeinnützigen Wohnungen, und die dänischen Politiker könnten gerade in Berlin gelernt haben, wie man derart große Volumen an gemeinnützigem Eigentum verschiebt. Berlin hat seit 1999 ein Viertel seiner kommunalen Wohnungen verkauft. Bund, Länder und Kommunen haben in Ost und West bis 2011 fast 2 Millionen Wohnungen regelrecht verschoben. Die Zahl enthält nur Großverkäufe ab 800 Einheiten.

Aber der dänische Ghettoplan hat seine eigene Dynamik: Der jüngste Vorstoß unter Lars Løkke sah eine fast vollständige Leerung des Landesbaufonds vor. Er bekam zwar keine Mehrheit im Parlament dafür, aber die Entnahme von 10 Milliarden Dänischen Kronen für die Finanzierung des Ghettoplans wurde abgesegnet. Wenn jetzt die Wohnbaugesellschaften ihre Wohnungen nicht mehr in Schuss halten können, dann wird die gemeinnützigen Siedlungen die Marzahn-Logik erfassen: Wer die Mittel hat, zieht weg, wer wenig Geld hat, zieht ein. Und das könnten doch gerade die Leute sein, die nach Lars Loekkes 40%-Regel in den nächsten 12 Jahren durch Privatisierung und Abriss aus den "harten Ghettos" vertrieben werden. So könnte sich die Spirale immer weiter drehen.

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