Seit 20:03 Uhr Konzert
Freitag, 17.09.2021
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Thema / Archiv | Beitrag vom 11.04.2012

Deutsche Umwelthilfe: Bio-Plastiktüten sind "vorsätzliche Verbrauchertäuschung"

Geschäftsführer Resch: Es wird nichts kompostiert

Jürgen Resch im Gespräch mit Joachim Scholl

Dann doch lieber das Kunststoff-Original: ein Mann mit gefüllten Plastiktüten. (picture-alliance)
Dann doch lieber das Kunststoff-Original: ein Mann mit gefüllten Plastiktüten. (picture-alliance)

Handel und Industrie preisen sie als ökologische Alternative zu herkömmlichen Plastiktüten an, doch die Deutsche Umwelthilfe hält gar nichts von Ökoplastiktüten: In den deutschen Kompostwerken würde keine einzige dieser Tüten verwertet. Ihre Herstellung sei noch umweltschädlicher als die der Kunststoffplastiktüte.

Joachim Scholl: Sie sind schon praktisch, man kann sie für alles mögliche verwenden und sie sind allgegenwärtig: Plastiktüten. Ihr ökologisch schlechtes Image versuchen seit einiger Zeit verschiedene Handelsunternehmen aufzupolieren, indem sie biologisch abbaubare, also umweltfreundliche Plastiktüten anbieten. Für ein paar Cent mehr als für herkömmliche kann man diese Ökoplastiktüten kaufen und so sein Gewissen beruhigen. Macht der Kunde das? Eva Reisig hat sich im Supermarkt umgehört.

"Die sind ja auch entsprechend teurer. Ich nehme meistens die billigere."
"Ich bin kein Freund von diesen Plastiktüten. Wenn's denn sein muss, dann sollten sie schon kompostabel sein."
"In Kuba gab's mal beim Karneval Bierbecher, die konnte man hinterher aufessen. Das fände ich natürlich fantastisch, aber ich weiß nicht, ob die das hier hinkriegen."

Joachim Scholl: Das wohl nicht. Kunden und Kundinnen über ihr Verhältnis zur Plastiktüte. Im Studio ist jetzt Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. Guten Morgen, Herr Resch!

Jürgen Resch: Einen schönen guten Morgen!

Scholl: In gut einer Stunde werden Sie auf einer Pressekonferenz den Traum platzen lassen, den Traum von der ökologisch guten, sprich biologisch abbaubaren Plastiktüte. Was haben Sie herausgefunden?

Resch: Ja, wir sind mal diesem Phänomen nachgegangen, dass ganz große Handelskonzerne und auch Discounter plötzlich mit Bio-Plastiktüten zu höheren Preisen versuchen, dem Verbraucher den Eindruck zu vermitteln, sie tun was Gutes für die Umwelt, wenn sie dieses Einwegprodukt kaufen. Und wir haben dann einfach mal nachgefragt bei den Kompostierwerken in Deutschland, die eben den Biomüll ja annehmen, was macht ihr eigentlich mit diesem Bioplastiktüten?

Und wir waren doch sehr überrascht, dass 80 befragte Unternehmen, also 80 Kompostwerke haben uns die Antwort gegeben, praktisch ausnahmslos gesagt haben, wir haben mit diesem Stoff ein Riesenproblem, wir müssen es aussortieren und wir können es nicht kompostieren, wir müssen es quasi verbrennen lassen. Und wir sind dann der Sache ein bisschen weiter nachgegangen und haben eben festgestellt, das ist seit Jahren ein bekanntes Problem, dennoch wird der Verbraucher getäuscht, es wird behauptet, das sei 100 Prozent kompostierbar, und das ist es in Wirklichkeit nicht, es wird nichts kompostiert.

Scholl: Warum ist es denn nicht kompostierbar? Ich meine, wenn da steht, 100 Prozent kompostierbar, dann ist es ja eine Mogelpackung, ja?

Resch: Exakt. Man hat sich aber rechtlich abgesichert und verweist im Kleingedruckten auf der Tüte auf eine DIN-Norm, und diese besagt nur, dass unter bestimmten Bedingungen 90 Prozent des Materials innerhalb von 12 Wochen zerfallen muss. Diese Bedingungen herrschen aber nicht in Kompostwerken, wie sie existieren. Das heißt, theoretisch könnte man 90 Prozent dieser Tüte zerfallen lassen, in der Praxis findet dieses aber nicht statt, weil man eben keine speziellen Kompostwerke für Tüten aufbaut, sondern bestehende Kompostanlagen hat. Und das weiß man natürlich seitens der Industrie, und deswegen sprechen wir auch von einer vorsätzlichen Verbrauchertäuschung.

Scholl: Sie wollen sogar herausgefunden haben, dass die Öko-Plastiktüte, also jene Öko-Plastiktüte, noch umweltschädlicher ist als die herkömmliche. Wie schädlich ist sie denn?

Resch: Es ist so, dass die sogenannten biologisch abbaubaren Plastiktüten nur zu 30 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen, nämlich aus PLA, aus Maisstärke, und zwar witzigerweise noch aus gentechnologisch modifizierten Maispflanzen, besteht, und 70 Prozent aus Erdölprodukten. Damit haben wir einen Hybridkunststoff, der erstens in der Herstellung sehr viel aufwendiger, sehr viel energieaufwendiger ist, sich aber zum anderen auch nicht recyceln lässt. Selbst wenn man wollte, kann man diesen Kunststoff nicht recyceln, im Gegensatz zu anderen Plastiktüten, die wir ja auch ablehnen, die aber einen praktisch geringeren Ökonachteil, einen geringeren Umweltnachteil haben.

Scholl: Also ich kann die – also jetzt diese biologisch abbaubare Plastiktüte, die ich mir jetzt für 50 Cent eventuell kaufe, kann ich nicht mal in die Gelbe Tonne werfen?

Resch: Nein, die wird in der Gelben Tonne auch aussortiert, im günstigsten Fall, und dann verbrannt. Wenn sie nicht erkannt wird – und das ist in vielen Fällen ein Problem, wenn zum Beispiel dann die Beschriftung nicht mehr sichtbar ist oder eben halt dann der Sortierer sie in die falsche Fraktion tut –, verschlechtert sie auch die Recycling-Qualität der Kunststoffe, die man an und für sich im Kreislauf fahren könnte. Sie ist also überall ein Störfaktor, und das einzige, was man mit ihr machen kann, ist das Verbrennen, und das ist eigentlich nicht mehr vorgesehen für Wertstoffe, das ist nicht Wertstoffkreislauf, sondern das ist tatsächlich dann Abfallwirtschaft der 80er-Jahre.

Scholl: Es gibt aber auch extra Kunststofftüten für den Bio-Müll. Sind die dann auch nicht biologisch abbaubar?

Resch: Wir haben jetzt in unserer Untersuchung uns speziell auf die Tragetaschen konzentriert. Und von denen wissen wir, dass sie auf jeden Fall nicht abbaubar sind. Es kann sein, dass es einzelne Kunststofftüten gibt, die doch eine entsprechend andere Zusammensetzung, ein anderes Abbauverhalten haben. Dazu möchte ich also jetzt im Moment nichts sagen, weil wir eben wie gesagt die ganze Bandbreite nicht kennen.

Wir können jedenfalls für die Tragetaschen, die Sie in den Supermärkten bekommen, ganz klar feststellen, diese bauen sich nicht ab – zumindest nicht in herkömmlichen Anlagen, übrigens zu Hause auch in der privaten Kompostierung im Garten werden sie selbst Jahre nach dem Ausbringen immer noch diese Plastiktüte in Form von Fetzen finden.

Scholl: Die biologisch abbaubare Plastiktüte ist eine gezielte Täuschung der Verbraucher, behauptet die Deutsche Umwelthilfe. Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch ist hier im Deutschlandradio Kultur im Gespräch. Wir müssen vom Erdöl wegkommen, das ist auch eine ökologische Tatsache, und Plastiktüten verschlingen bei der Herstellung enorm viel Öl. Sie haben es jetzt schon erklärt, Herr Resch, also bei den Tüten, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, da ist der Erdölanteil auch nicht viel geringer. Man könnte ja jetzt aber trotzdem sagen, na ja, Hauptsache weniger Erdöl, immerhin ist es weniger Erdöl, ist nicht jede Reduktion eine gute Reduktion in der Beziehung?

Resch: Ja, man muss es aber insgesamt betrachten. Sie müssen sehen, dass sie für den Anbau von nachwachsenden Rohstoffen auch wiederum Erdöl einsetzen müssen für eben den Anbau selber, für die entsprechenden Geräte, und für die Weiterverarbeitungen. Deswegen kommen auch Ökobilanzen, die man ganzheitlich für solche Produkte angefertigt hat, zum Ergebnis, dass die CO2-Belastung, also letztendlich die eingesetzte Menge an Erdöl für eine solche Tüte, insgesamt höher ist, als wenn Sie eben von vornherein einen optimierten Kunststoff verwenden, den Sie dann auch recyceln können, das heißt, sie können einen Teil des Materials und auch einen Teil des eingesetzten Energiegehaltes rückgewinnen und durch die Kreislaufführung beides dann sparen, nämlich Rohstoffe und Energie.

Scholl: Raten Sie also, dass man diese angeblichen Bio-Tüten auf keinen Fall benutzen, dann lieber eine normale alte Plastiktüte nehmen soll, wenn es den gar nicht anders geht?

Resch: Also unsere Empfehlung ist ganz klar, dass der Verbraucher eine mehrfach verwendbare Tüte nimmt. Es ist tatsächlich nur eine Frage der Selbstdisziplin, dass man eben vor dem Einkaufen sich überlegt, welche Mengen an Produkten braucht man, möchte man kaufen, und eine entsprechende Anzahl an zum Beispiel Baumwolltaschen mitnimmt. Wir empfehlen ausdrücklich nicht, auf andere Kunststoffe auszuweichen, aber wenn Einweg eingesetzt wird, dann muss dieses, wie zum Beispiel eine Papiertüte, problemlos und dann auch komplett kompostierbar sein oder in Form einer Kunststofftüte im Recyclingprozess doch funktionieren.

Auf keinen Fall empfehlen wir allerdings den weiteren Gebrauch dieser angeblich kompostierbaren Tüten, weil diese eben nicht nur diese Probleme im direkten dann nachfolgenden Kompostierungsprozess verursachen, sie entziehen sogar dem Kompost Material, denn mit jeder Aussortierung haben Sie natürlich eine Verunreinigung an der Tüte von anhaftenden organischen Stoffen, die ansonsten kompostiert würden. Das heißt, Sie ziehen auch noch Material aus der Kompostierung heraus und bringen sie in die Verbrennung hinein. Meist ist das Material auch feucht, Sie müssen das noch zusätzlich trocknen, und das belastet die Umwelt wirklich unnötig.

Scholl: Das Stoff-Jute-Säckchen ist also demnach weiterhin ohne Alternative. Wie wird denn die Zukunft aussehen, Herr Resch? Wird es ihn irgendwann geben, den definitiv umweltfreundlichen Kunststoff, die Plastiktüte mit einer super Ökobilanz?

Resch: Ich glaube es deswegen nicht, weil man mit sehr alten Kunststoffen arbeitet, PLA, was wir auch jetzt bei Joghurtbechern von Danone vor einigen Monaten als eine Verbrauchertäuschung entlarven konnten. Das ist ein Kunststoff aus den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts, und dieses PLA, also ein Kunststoff aus Maisstärke, hat nun einfach bestimmte Nachteile: Es ist nicht besonders stabil, es lässt sich auch in Tüten geformt nicht besonders belasten, das heißt, ich muss es immer mischen mit anderen Kunststoffen.

Wir sind nicht optimistisch, ob es wirklich gelingen wird, auf dem Einwegpfad umweltfreundliche Produkte zu entwickeln, die hundertprozentig abbaubar sind in entsprechenden Anlagen, die noch dazu in der Gesamtbetrachtung einen ökologischen Vorteil haben gegen andere recycelbare Kunststoffe, und auf keinen Fall werden sie einen Vorteil haben gegen eben Taschen, die teilweise jahrelang verwendet werden können.

Scholl: Die biologisch abbaubare Plastiktüte – von wegen! Das war Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe. Die Ergebnisse Ihrer Recherche werden heute um elf Uhr im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin präsentiert. Herr Resch, ich danke Ihnen für Ihren Besuch!

Resch: Gern geschehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur