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Zeitfragen | Beitrag vom 09.05.2018

Deutsche Theologiestudenten in IsraelHimmlisches Jerusalem, irdisches Jerusalem

Von Ofer Waldman

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Sperrmauer mit Graffito von Banksy auf der palästinensischen Seite, zwischen Bethlehem, Westjordanland und Jerusalem. (imago stock&people)
Sperrmauer mit Graffito von Banksy auf der palästinensischen Seite, zwischen Bethlehem, Westjordanland und Jerusalem. (imago stock&people)

Theologische Gesprächen auf dem WG-Balkon, Bombenalarm und koscherer Abwasch – wenn deutsche Studenten in Jerusalem Theologie studieren, verändert sich ihr Blick auf die israelische Gesellschaft und das Judentum. Vor 40 Jahren wurde das Programm "Studium in Israel" ins Leben gerufen.

Eine Vorlesung in jüdischer Theologie an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Hier werden Talmud und Mishna, die Basis der jüdischen Riten und Bräuche, gelernt und kritisch diskutiert. In die hebräischen Gespräche mischen sich deutsche Stimmen. Fiona Lauber studierte christliche Theologie in Marburg und Göttingen, bevor sie mit dem Programm "Studium in Israel" für ein Studienjahr nach Jerusalem zog.

"Es gibt sonst nirgendwo die Möglichkeit, auch so gut das Judentum kennenzulernen. Wenn man sich dann wirklich in der Tiefe für christliche Theologie interessiert und verstehen möchte, was Drumherum außerhalb des eigentlichen Horizontes noch stattfindet, dann ist das Programm ideal geeignet. Dass man aus der Innenperspektive mit den jüdischen Studierenden zusammen sich die Tradition, die Religion im Studium erarbeitet, das ist schon eine einmalige Chance."

Ein Jahr Jerusalem

Seit nunmehr vierzig Jahren studieren junge deutsche Theologiestudentinnen und -studenten ein Jahr lang an der Hebräischen Universität. Studienalltag in Jerusalem: Pfarrerin Melanie Mordhorst-Mayer ist Studienleiterin des Programms vor Ort. 

"Um es ganz konkret zu machen, haben wir im letzten Semester Gebetszeiten studiert, wann man wie die Schacharit-Gebet betet und was es da zu beachten gibt. Das sind tausend Jahre, 500 Jahre alte Texte. Aber Sie sehen hier jeden Morgen Juden zum Schararit-Gebet gehen und insofern setzen Sie hier auch Bilder wieder zusammen, die Sie vorher so in der Verknüpfung eben nicht haben konnten, und das ist das Besondere, eben hier gerade in Jerusalem zu studieren."

Blick auf den Felsendom auf Jerusalems Tempelberg. (Josh Appel / Unsplash )Blick auf den Felsendom auf Jerusalems Tempelberg. (Josh Appel / Unsplash )

Fiona Lauber erklärt:

"Wenn man dann in die biblischen Texte reinschaut oder auf religiöser Ebene mit Menschen redet, dann ist Jerusalem nicht mehr die Stadt, in der man lebt, dann ist Jerusalem ein Wunschbild und ein Traum und etwas, wonach sich die Menschen sehnen, verzehren, eben dieses himmlische Jerusalem. Man bekommt von beidem etwas mit."
 
Himmlisches Jerusalem, irdisches Jerusalem: In diesem Spannungsfeld bewegen sich die Studierenden. Melanie M. Mayer sagt:

"Viele kommen hierher mit ganz vielen Ideen und Vorstellungen, wie Israel ist. Mit einer ganz großen Neugier, Judentum kennenzulernen, gelebtes Judentum. Auf der einen Seite im Alltag, auf der anderen Seite wissenschaftlich an der Uni. Und während des Jahres merke ich, wie sie immer weiter ihren Blick erweitern, wie sie plötzlich nicht mehr für selbstverständlich nehmen, was sie vorher so ganz klargesehen haben, wie sie anfangen, ganz neue Fragen zu stellen."

Ohne das Judentum kann man das Christentum nicht verstehen

Autor Christian Stäblein ist Propst der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. 1991 studierte er im Rahmen von Studium in Israel an der Hebräischen Universität.
"Das Grundmotiv des Programms ist, dafür zu sorgen, dass christliche Theologie sich immer wieder darin gewahr wird, dass sie gar nicht Theologie sein kann ohne Bezug auf jüdische Quellen und jüdische Gesprächspartner. Weil ich gar nicht formulieren kann, was Christsein ist ohne Bezug zum Judentum und ohne in der Sprache des jüdischen Glaubens auch mich bewegen, zu Hause sein können, im angemessen Sinne jetzt."

Das Eintauchen in die israelische Gesellschaft und Kultur hat Christian Stäblein nachhaltig beeindruckt. 

"Ich habe in Jerusalem gelebt, und ich weiß, dass ich das immer vermisst habe und es heute immer vermisse. Ich war in Jerusalem zu Hause und das Leben zwischen Altstadt und Rahavia und Theater und in Parks, das habe ich mitgenommen, inklusive dem herrlichen ständigen fröhlichen, manchmal auch streitenden Gerede, das man überall hat."

Zwei jüdische Männer in der Altstadt von Jerusalem. (Zoltan Tasi  / Unsplash )Zwei jüdische Männer in der Altstadt von Jerusalem. (Zoltan Tasi / Unsplash )

Voraussetzung, um dieses Gerede verstehen und um in die israelische Gesellschaft eintauchen zu können, ist das Lernen der hebräischen Sprache. 


"Auf Hebräisch, auf Ivrit, reden, heißt, zuhause sein. Und ich liebe diese Sprache, es ist so anders, man ist so in einer anderen Welt und ich weiß doch, wie ich auch, als ich nach zwei Monaten anfing, das ganze Leben von rechts nach links und nicht mehr von links nach rechts gewissermaßen zu träumen. Ich glaube, ohne die Sprache geht gar nichts an der Stelle, ohne die Sprache komme ich in die Kultur nicht rein."

Deutsch-israelische Begegnungen auf dem Balkon

Melanie M. Mayer erinnert sich:

"Als ich promoviert habe, habe ich mit zwei Juden zusammengewohnt, zwei Männer, einer war Rabbinatsstudent. Und dann ich als junge Promovendin, christliche Theologin dazu, und in der WG wurde z.B. auch Schabbat und Kashrut gehalten, das heißt, ich musste plötzlich koscher kochen. Und mit dem Rabbinatsstudenten einen Kaffee zu trinken auf unserem Balkon, und wirklich zu überlegen, wie die verschiedenen Themen, die uns beschäftigen, für ihn als angehender Rabbiner und für mich als angehende Pastorin, was wir doch da auch für ähnliche Themen haben und wo es aber auch ganz unterschiedliche Themen gibt. Ich fand das super bereichernd."

Eine junge Frau macht auf der palästinensischen Seite der Sperrmauer zwischen Bethlehem, Westjordanland und Jerusalem ein Foto. (imago stock&people)Eine junge Frau macht auf der palästinensischen Seite der Sperrmauer zwischen Bethlehem, Westjordanland und Jerusalem ein Foto. (imago stock&people)

Das Programm, das seit 2006 von der EKD unterstützt wird, bietet zurzeit 15 Studienplätze wie auch Weiterbildungsprogramme in Jerusalem an. Die Studierenden müssen auf eigene Faust nach Wohnmöglichkeiten suchen; viele von ihnen ziehen in israelische WGs ein. Über ihre deutsche Mitbewohnerin Judith sagt Shani:
 
"Mich reizte die andere Mentalität, vielleicht das Stigma über Deutsche, die Ruhe, die Kultur, die Höflichkeit. Ich dachte, es wird eine besondere Erfahrung, die mir gefallen wird, und mit Judith ist es auch so. Sie ist so rücksichtsvoll und höflich, sehr angenehm."

Am Küchentisch ihrer WG sitzen Shani, Neu und Judith. Sie wohnen gemeinsam in einer ruhigen, kleinen Straße im israelischen West-Jerusalem.  Judith findet den kulturellen Austausch in der WG besonders wichtig:
 
"Was auch Lebensalltag betrifft vor allem zu sehen irgendwie und am Anfang auch koscher mitgemacht zu haben, bei Shani, und ja also Freude, sich so intensiv austauschen zu können, deswegen war es mir unglaublich wichtig, mit Israelis zu wohnen, nicht mit Deutschen, viele bei uns wollten das auch, besonders viel Hebräisch sprechen und weiter, aber mir ging es vor allem um den kulturellen Austausch, und es bietet nichts anderes besser als direkt zusammen zu leben."

Drei junge Soldatinnen auf dem Mahane Yehuda Markt in Jerusalem. (imago stock&people)Drei junge Soldatinnen auf dem Mahane Yehuda Markt in Jerusalem. (imago stock&people)

Shani sagt über das Zusammenleben mit Judith:

"Es ist verwirrend, wenn man nicht aus dieser Welt kommt, die Trennung von milchigem und fleischigem Geschirr, und Judith ist immer etwas nervös und möchte sich nicht irren. Sie zeigt unheimlich viel Respekt."

Judith Damian kommt aus der Pfalz. Sie möchte Pfarrerin werden. In Israel, in der das orthodoxe Judentum staatlich privilegiert wird, gibt es selten Frauen in religiösen Führungspositionen. Das Judith Pfarrerin wird, überrascht viele Menschen, sagt Shani:

"Wir sitzen zusammen am Esstisch und dann sage ich, ja, sie wird Pfarrerin, und alle sind völlig aus dem Häuschen. Es ist so cool, dass Du mit einer angehenden Pfarrerin zusammenwohnst. Und dann wird gefragt, Moment mal, sie ist eine Frau, darf sie überhaupt? Und Judith erzählt uns vom Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten und generell vom Christentum. Aber wir werden auf jeden Fall unseren Enkelkindern noch erzählen, wir haben mit einer Pfarrerin zusammengewohnt! Ihre Sicht auf die Religion ist spannend, auf den Platz von Frauen in der Religion. Ich bewundere es, bei uns ist es nicht selbstverständlich, schön wär´s. Und ich bewundere es, wie sie sich einbringt und sich da auch verwirklichen möchte."

Die eigene Stadt aus einer anderen Perspektive erleben

Jerusalem ist eigentlich die Stadt religiöser Vielfalt, aber die unterschiedlichen Gruppierungen bleiben meist unter sich: Juden mit Juden, Christen mit Christen, Muslime mit Muslimen. Das WG-Leben mit Judith eröffnet Shani jedoch ganz neue Perspektiven:

"Ich war mit Judith an Weihnachten in ihrer Kirche, es war so besonders, ich hätte sonst nie sowas erlebt. Nach der Messe sind sie nach Betlehem gegangen, wir sind mitgegangen, natürlich nicht bis nach Betlehem, hinter der Trennmauer, aber um die Altstadt in Gegenden, die wir nie besucht haben. Und es war ein starkes Erlebnis, wir waren unter Deutschen, keiner hat uns erkannt. Touristen für einen Tag."

Eine orthodoxe Familie überquert in Jerusalem eine Straße. (imago stock&people)Eine orthodoxe Familie überquert in Jerusalem eine Straße. (imago stock&people)

Deutsche Studierende in Jerusalem, in einer WG gemeinsam mit Israelis: Da ist es unausweichlich, dass die Vergangenheit zum Thema wird, die Verbrechen in der Großelterngeneration, die im Kontakt miteinander nicht einfach ferne Vergangenheit sind. Shani sagt:

"Klar erregt die deutsche Sprache bei mir zuerst gewisse Konnotationen. Meine Urgroßmutter floh aus Deutschland kurz vor dem Krieg. Ihre Familie wurde ermordet. Ich glaube aber, mein Bezug zum Holocaust ist wie bei anderen in meinem Alter, die nicht unbedingt Oma und Opa haben, die den Holocaust überlebt haben. Aber klar, es ist immer im Hintergrund."

Auch für Judith war die deutsche Geschichte ein wichtiges Thema:

"Es ist einfach so präsent, ich bin am Anfang richtig vorsichtig gewesen, auch hab´s immer bei der Wohnungssuche vorsichtig thematisiert, so viele Worte wie nötig irgendwie gefunden um so eine Art Entschuldigung zu sagen dafür. Und dann irgendwann gemerkt dass es positiv – wie sagt man? – positiv angenommen wurde, aber kein großes Thema mehr. Aber vielleicht habe ich gemerkt, es war ein Thema für mich?"

 Shani sagt über das deutsch-israelische Verhältnis:

"Judith sagt, sie tragen die Schuldgefühle als Volk, als Deutsche, und erzählte ein wenig über ihren Vater, der beeindruckt ist, dass jüdische Mädchen mit deutschen Mädchen zusammenwohnen wollen. Und ich musste ein wenig lachen, in unserem Bewusstsein ist es nicht so präsent. Als ich Judith sah, dachte ich nicht, oh Mann, ich wohne mit einer Deutschen, wie sehr haben sich die Zeiten verändert! Bei den Deutschen ist es offensichtlich schneller Thema." 

Offenes Verhältnis zu Deutschland

Als Fiona Lauber zu ihrem Studienjahr nach Jerusalem aufbrach, spielte die Frage, wie stark die Geschichte in die Gegenwart hineinreicht, für sie eine Rolle. 

"Ich habe in Deutschland damit gerechnet, dass man als Deutsche hier auch nach der Geschichte der Shoah immer noch mit Vorurteilen oder mit Vorbehalten von israelischer Seite zu kämpfen hat. Aber gerade in der jungen Generation, mit der ich ja jetzt vor allem in Kontakt stehe, ist Deutschland momentan wirklich als Partnerland gesehen worden. Viele Israelis, die selbst Deutschland bereist haben, dort waren oder dort lernen möchten und das hat mich dann erstaunt, aber irgendwie auch ganz positiv gestimmt und ich glaube, dass es dann auch eine Frage der Generationen ist, ob man jetzt mit den älteren Menschen zu tun hat oder mit jüngeren Menschen. 

Als ein deutscher Flüchtlingsjunge im Nachkriegsdeutschland von Israel träumte

Im idyllischen Dorf Ein Kerem bei Jerusalem, in einem von Obstbäumen gesäumten Garten, sitzt Michael Krupp, Mitgründer des Programms "Studium in Israel".

"In Deutschland wird Judentum immer auf diese Stufe gestellt wie Holocaust und die Verfolgung der Juden. Das ist natürlich richtig, die Verfolgung der Juden durch die Jahrhunderte hindurch und dann vor allen Dingen im Holocaust, ist natürlich etwas, was so überhaupt unvergleichbar ist. Aber Judentum ist doch mehr als das. Judentum hat eine sehr reiche Geschichte, die eigentlich unbekannt ist, oder war. Und dafür sind wir und deswegen auch das Studienprogramm in Israel angetreten, das bekannt zu machen."

Mit seiner weißen Mähne und klarem Blick erscheint Krupp wie eine biblische Figur. Ein weiter Weg führte den einstigen Flüchtlingsjungen aus Ostpreußen in die judäischen Berge. 

"Mein Vater war in der Bekennenden Kirche, war mehrfach im Gefängnis und ich habe ihn schon besucht im Gefängnis, im Mutterleib. Merkwürdigerweise habe ich schon als Sieben- oder Achtjähriger angefangen, die Bibel zu lesen und Gestalten wie Moses und Aaron, wie Miriam und David und Jonathan, die waren meine Helden. Ich war zehn Jahre alt 1948, dann erzählte mir meine Mutter, der Staat Israel ist gegründet. Irgendwie hatte man so gedacht, es gibt keine Juden mehr. Die Deutschen haben alle umgebracht. Und plötzlich wurde die Staat gegründet, also da war alles lebendig anscheinend, und dann wollte ich unbedingt dorthin."

Der erste Deutsche nach dem Holocaust

Ende der Fünfzigerjahre traf Krupp zum ersten Mal in Israel als Volontär ein.

"Ich war ja in der Regel der erste Deutsche, den die Leute nach dem Holocaust zu Gesicht bekamen. Leibhaftig. Man konnte nicht immer nachrechnen, wie alt ist der und wie alt war er damals und so. Ein Deutscher. Und das war sehr schwierig für viele Leute, da habe ich alle möglichen Erfahrungen gemacht. Aber wenn das Eis mal gebrochen war, dann hat sich ein Verhältnis entwickelt, das ein ganzes Leben angehalten hat, bis heute."

Ende der Siebzigerjahre trafen sich etwa 50 Israel-afine deutsche Theologen in der evangelischen Akademie im hessischen Arnoldshain. Ihr Ziel war die Entsendung deutscher Theologen an die Hebräische Universität in Jerusalem zu institutionalisieren. Einer von ihnen war Michael Krupp.

"Alle waren der Meinung, Jerusalem ist der ideale Ort. Natürlich - Judentum kann man an vielen Orten lernen. In Amerika, in England, in Frankreich, sogar jetzt neuerdings in Deutschland, aber das ist nicht dasselbe, das ist, hier ist alles ringsherum auch jüdisch, israelisch. Das Judentum hat viele Gesichter, und alles das ist Judentum. Es gibt Kibbuzniks, es gibt religiöse Kibbuzniks, es gibt säkulare, es gibt rechte, es gibt ganz linke. Eben alle Schattierungen gibt es und die kann man so in dieser Intensität nur in Jerusalem kennenlernen."

Blick auf Jerusalem ( Rob Bye / Unsplash)Blick auf Jerusalem ( Rob Bye / Unsplash)
Als 1978 das Programm "Studium in Israel" startete, wurde Krupp zum ersten Studienleiter ernannt. Er ist in Israel geblieben, hat geheiratet, eine inzwischen große Familie gegründet, hat Kinder und Enkelkinder. 

"Wir haben angefangen `78, das war also noch vor der Wende. Dann kam plötzlich `90 die Wende, da kamen auch sogenannte ‚Ossis‘ zu uns , das war schon ein interessanter Haufen, die waren unwahrscheinlich mehr interessiert an allem als die Wessis, weil die sind viel mehr rumgereist, die haben viel mehr unternommen und waren auch viel mutiger, in irgendwelchen gefährlichen Gebieten rumzureisen, wo man sich so sonst nicht traute, ich hab da auch eher abgeraten, dorthin zu fahren."

Der israelisch-palästinensische Konflikt hat sich verändert

Israel, Jerusalem – das war natürlich nicht nur das Eintauchen in die Welt des Judentums, sondern auch in die Realitäten des israelisch-palästinensischen Konflikts. Und dieser Konflikt ist heute ein anderer als in den frühen Jahren, in denen Krupp Israel kennengelernt hat. 

"Das war alles irgendwie ein kleines Israel, aber ein sehr viel friedliebenderes Israel. Ich erinnere mich, nach `67, direkt `68 war ich hier, da war, meine alten Freunde sagten, jetzt kommt der Frieden. Leider war das ein Traum, der sich nicht erfüllte. Und dann radikalisierte sich vor allem die Jugend stärker. Wenn wir eben keinen Frieden bekommen, dann, na gut, dann machen wir Stärke, und dann bleiben wir hier und bleibt uns das alles. Das ist diese Entwicklung, die dann angefangen hat von Besetzern und Besetzten, Besetzung verändert immer Leute zum Schlechten, sowohl die Besetzten als die Besetzer, es korrumpiert."

Konfliktbeladenen Facetten der israelischen Realität

Während das Studienprogramm hauptsächlich um jüdische Theologie kreist, entdecken die Studierenden durch das Begleitprogramm die konfliktbeladenen Facetten der israelischen Realität. Diesmal geht die Reise zu archäologischen Grabungsstätten in Samaria, ins palästinensische Westjordanland. Man passiert die Mauer, Checkpoints, Militärposten. Die Reiseleiterin erklärt:

"Wir fahren jetzt erstmal nach Beiitin, ein arabisches Dorf, ein bisschen nordöstlich von Ramallah, wo wir uns eine andere Art von Archäologie anschauen, bevor es richtig los geht ins Samaria, Nablus und Sebastia. Wir fahren zur ersten Station ungefähr eine gute halbe Stunde."

Milena Hasselmann blickt aus dem Fenster des Busses auf das Westjordanland. Sie war schon oft in Israel als Teil des Programms, ist jetzt Mitglied im Vorstand und ist Pfarrerin in Berlin. 

"Du verstehst vieles besser, wenn du dort warst, auf der politischen Ebene. Es hilft mir ungemein und ich das merke ich, wenn ich hier bin und Freunde treffe, die hier leben, meine Position, die ich in Deutschland habe zu stärken, in einem Freundeskreis, der sehr kritisch ist gegenüber Israelischer Politik und stark für die Palästinenser einsetzt, wo ich in der Sache viel zustimme und in der Form nicht, oft merke, der Diskurs in Deutschland ist zu eindimensional oder zu einfach."

Anders als Israelis dürfen Deutsche in die palästinensische Autonomiegebiete reisen

Der Bus nähert sich Nablus, im Herzen der palästinensischen Autonomiegebiete. Für Israelis ist die Einreise hierher verboten. Die deutschen Studierenden dürfen sich aber zwischen den Welten bewegen, die Trennmauer passieren. Sie haben die Möglichkeit, die Realitäten dieses Konflikts zu erleben, ohne, wie das in Deutschland so oft geschieht, sofort schematisch Partei zu ergreifen. Milena Hasselmann:

"Es gibt es mir eine Argumentationskraft und Stärkung, in Deutschland zu argumentieren und Verständnis dafür, gar nicht für eine Seite, sondern für die Situation, die man aus deutscher Sicht sich nicht vorstellen kann. Weder wie es ist und die Notwendigkeit eines Staates nur für Jüdinnen und Juden, noch die historische Entwicklung dieses Landes, dieser Länder in diesem Kontext im Nahen und Mittleren Osten überhaupt."

In den Gesprächen im Bus schwingt eine gewisse Nervosität mit; es sind die Tage nach der Ankündigung Donald Trumps, die US-amerikanische Botschaft nach Jerusalem zu verlegen. 

Eine junge Frau macht auf der palästinensischen Seite derr Sperrmauer zwischen Bethlehem, Westjordanland und Jerusalem ein Foto. (imago stock&people)Eine junge Frau macht auf der palästinensischen Seite derr Sperrmauer zwischen Bethlehem, Westjordanland und Jerusalem ein Foto. (imago stock&people)

Zurück in Jerusalem steht die Reisegruppe auf einem imposanten Areal, einst vom deutschen Kaiser erbaut: der Auguste Viktoria-Stiftung mit Krankenhaus, Pilgerzentrum und Himmelfahrtskirche. Es liegt hoch auf dem Ölberg im nordöstlichen Jerusalem, zwischen der jüdisch-israelischen Hebräischen Universität und dem palästinensischen Ostjerusalem. Pfarrer Michael Wohlrab, der viele Jahre in Jerusalem, unter anderem auf der Auguste Viktoria, tätig war, erzählt:

"Es ist auch die Situation der Christen vor Ort, die sich auch so ein bisschen zwischen den beiden Mühlsteinen des Konflikts bewegen müssen und immer Gefahr laufen, zwischen den beiden Fronten zerrieben zu werden. Direkt an dem Gelände gab es eine ‚jüdische Siedlung‘, würde man politisch korrekt sagen. Und auf der anderen Seite gab es eine Moschee, die direkt auf unserem Grundstück gebaut wurde in einer Nacht- und-Nebel-Aktion, von Palästinensern, die gesagt haben: ‚dieses Kirchengelände war ursprünglich mal muslimisch und wir wollen’s zurück‘. Wir erlebten quasi, wie wir zwischen diesen beiden Fronten so ein bisschen Gefahr liefen, zerrieben zu werden. Das war so eine typische Jerusalem-Erfahrung, die einen natürlich auch geprägt hat."

Melanie Mordhorst-Mayer, die Studienleiterin, erzählt:

"Im Oktober 2015 gab es hier viele Messerstechereien, auch gerade in der Altstadt, und da waren die Studierenden manchmal ganz eng, ganz unmittelbar damit konfrontiert. Wir hatten hier ein Blockseminar, das haben wir ausnahmsweise in der Altstadt abgehalten. Und dann war abends das Blockseminar zu Ende, und ich habe den Studierenden gesagt, heute sind Unruhen in der Stadt, geht bitte nicht durchs Damaskustor, und eine Viertelstunde später war hier großes Geheule, viel Polizei, die Altstadtmauern alle gesperrt und es gab eine Messerstecherei und hinterher eine Schießerei am Damaskustor. Wir haben eine Telefonkette und eine WhatsApp-Gruppe, dass wir dann sofort, wenn etwas passiert, miteinander in Kontakt stehen. Und sich alle kurz zurückmelden, geht mir gut. Sie waren wirklich durch andere Stadttore gegangen, durchs Neue Tor, aber sie haben die Schießerei gehört und das ist natürlich schon beängstigend, klar."

Zurück in Berlin

Nach dem Ende des Jerusalem-Jahres bietet das Programm zur Weiterbildung die Möglichkeit, immer wieder nach Israel zu reisen, sich zwischen den Welten zu bewegen. Wenn Pfarrerin Milena Hasselmann jetzt aus dem Fenster blickt, sieht sie nicht mehr auf Nablus im Westjordanland, sondern auf den Arkona-Platz im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. 

"Ich versuche, beide Seiten zu verbinden. Meine persönliche Begeisterung, die darüber hinaus fundiert ist, eine klare Loyalität gegenüber dem Staat Israel sowieso und gegenüber den Menschen im Einzelnen erst recht, zu verbinden mit einer dieser Loyalität erwachsenen kritischen Haltung, zumindest was die israelische Politik in den letzten Jahren zunehmend verstärkt veranstaltet. Ich komme aus Jerusalem zurück mit einer sichtbaren Begeisterung für die Zeit, die auch persönlich begründet ist, und werde haftbar gemacht für alle möglichen halben Informationen, Vorurteile, stereotypen Annahmen, die man immer schon mal hatte."

Israels widersprüchliche Realitäten

Es gibt viele Länder mit sehr widersprüchlichen Realitäten, aber keines, das so sehr zu eindimensionalen Parteinahmen reizt wie Israel. In Berlin die Komplexität der israelischen Realitäten zu vermitteln, ist wie eine Sisyphus-Arbeit. 

Das Programm, das angehenden christlichen Theologen seit 40 Jahren den einjährigen Jerusalem-Aufenthalt ermöglicht, heißt "Studium in Israel", bietet aber vor allem das Studieren alter jüdischer Quellen. Das berührt eine Kernfrage der Studienaufenthalte - und auch der aktuellen Antisemitismusdebatte in Deutschland: wie ist das Verhältnis zwischen Judentum und Israel, Religion und Nationalstaat: sind sie synonym? Milena Hasselmann sagt dazu:

"Israel und Judentum sind zu unterscheiden, aber nicht zu trennen. Ich finde das Unterscheiden sehr wichtig, aber es zu trennen… ich hätte auch in der jüdischen Hochschule und Hochschule für jüdische Studien studieren können oder an JTS in New York studieren können, habe ich aber nicht. Sondern ich habe in Jerusalem im Land Israel gelebtes Judentum studiert. Allein das erlegt mir eine gewisse Verantwortung auf."

Wie berücksichtigt man die Perspektive von Minderheiten?

Das Credo von Pfarrerin Milena Hasselmann. Ihre Erfahrungen in Israel wirken sich auf ihre Arbeit in Deutschland aus. Aber wie? Das Gespräch über Judentum in Israel oder über die judeo-christliche Kultur in Deutschland – wo bleibt da die Wahrnehmung der Palästinenser in Israel, oder der muslimischen Minderheit in Deutschland? Milena Hasselmann erklärt:

"Eigentlich würde ich jedem wünschen, der ein religiöses oder anderes Bewusstsein hat, diese Minderheitserfahrung zu machen. Das Leben in Jerusalem als christliche Minderheit und als Minderheit nimmt man stärker wahr. Also an Karfreitag und Palmsonntag sind die einzigen Tage, an denen mit Großaufgebot die Altstadt frei gehalten wird für die Prozession für die Christen und Christinnen. Plötzlich das Gefühl zu haben, in diesem so muslimisch-jüdisch geprägten Alltag wird etwas nur für uns gemacht, da stehen sie hier damit wir hier durch können. Jetzt mal positiv und irgendwie visionär gedacht frage ich mich, ob das nicht eine Möglichkeit ist, wie man hier stärker das Miteinander prägen könnte, indem man solche Dinge, da gäbe es sicher Übertragbarkeiten, hier möglich wären. Um auf einer positiv besetzen Art zu zeigen, es gehören auch andere Religionen zu Deutschland, die nicht Christentum oder Atheismus sind."

Fiona Lauber hat in Israel auch etwas über den Islam gelernt:

"Wir hatten in diesem Jahr tatsächlich ein großes Blockseminar zum Islam. Aber auch über mehrere Wochen abendliche Vorträge bei Mustafa Abu Sway, der selbst an einer Universität in dem Westbank lehrt und auch als Lehrer tätig ist in der Al Aqsa Moschee."

Blick auf Jerusalem ( Rob Bye / Unsplash)Blick auf Jerusalem ( Rob Bye / Unsplash)

Für Milena Hasselmann findet aber auch hier das eigentliche Lernen außerhalb des Seminarraums statt: 

"Dass die Absolventen von 'Studium in Israel' nicht nur in einem Land mit einer großen jüdischen, sondern auch mit einer großen muslimischen Präsenz gelebt haben und insofern muslimische Freunde haben. Und deswegen finde ich, die Absolventen von "Studium in Israel" ein ganz großes Potential haben. Gerade die, die in Gemeinden gehen oder in Schulen gehen, mit jungen Leuten arbeiten, dass sie viel davon profitieren können, beitragen, von dieser Weitsicht, die sie selber mitgebracht und erfahren haben."

Seit 40 Jahren machen die Studierenden des Programms "Studium in Israel" die Erfahrung, dass der irdische Alltag in Jerusalem im harten Kontrast zum Traum vom himmlischen Jerusalem steht. Damit müssen sie umgehen, wenn sie ihre Erfahrungen in Jerusalem verarbeiten. Studienleiterin Melanie Mordhorst-Mayer sagt:

"Manchmal hat das irdischere Jerusalem mit dem himmlischen ganz wenig zu tun. Manchmal denke ich aber auch, es muss ja noch einen Sehnsuchtsort geben, das himmlische Jerusalem, wie wir es uns erträumen, wie das Leben sein könnte, wenn wirklich Frieden herrschte zwischen den Religionen und insofern steht das himmlische Jerusalem auch für mich so ein Stück weit wie so ein Ziel, auf das es sich lohnt hinzuarbeiten, auf das es sich lohnt zu warten, auch wenn die Wirklichkeit manchmal doch so anders ist."

Der Traum von Jerusalem – und die Realität

Die 40 Jahre des Programms umfassen drei deutsche Generationen mit ihrem Blick auf Israel: von der Befangenheit durch die Last der Vergangenheit über die Suche nach Verbundenheit bis hin zu den Versuchen, Erfahrungen in Israel fruchtbar zu machen für Fragen der heutigen deutschen Gesellschaft, in der der Umgang von Kulturen und Religionen miteinander eine andere Rolle spielt als früher. 

Das letzte Wort in dieser Sendung soll Michael Krupp haben, mit dem das Programm "Studium in Israel" vor 40 Jahren gestartet ist und der heute in Israel lebt:

"Es gibt diese Vorstellung im Judentum von einem himmlischen Jerusalem und einem irdischen, die kommt ja auch im Neuen Testament vor. Dass dann später das himmlische Jerusalem aus den Wolken herunterfährt, auf die Erde, und dann die messianische Zeit beginnt. Wenn wir meinen, dass das irdische Jerusalem sich immer mehr dem himmlischen angleichen sollte oder müsste, dann glaube ich, irrt man sich. Das irdische Jerusalem ist ein irdisches Jerusalem, in jeder Beziehung irdisch. Und das ist unsere Wirklichkeit, das himmlische Jerusalem ist eine Art Traum oder eine Vorstellung für die Zukunft, auch in der Verzweiflung ein Hoffnungsschimmer."

(mw)

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