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Tonart | Beitrag vom 28.08.2019

Deutsche PopmusikIm Dauerloop ohne Wünsche und Ziele

Daniel Gerhardt im Gespräch mit Vivian Perkovic

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Mark Forster steht auf der Buehne bei dem Finale von "The Voice Kids". (dpa-Zentralbild)
Popsänger Mark Forster: Dessen Song "Wir sind groß" sei beispielhaft für den aktuellen Zustand der deutschen Popmusik, sagt Daniel Gerhardt. (dpa-Zentralbild)

Bequem, in sich gekehrt, festgefahren: Mit solchen Attributen beschreibt der Musikkritiker und ehemalige "Spex"-Chefredakteur Daniel Gerhardt die aktuelle deutsche Popmusik. Die müsse diverser, queerer, uneinheitlicher werden, fordert er.

"Die Welt ist klein und wir sind groß und für uns bleibt das so", singt Popsänger Mark Forster in seinem Song "Wir sind groß". Dass alles "für uns so bleibt", zumindest in der deutschen Popmusik, das befürchtet auch der Musikkritiker Daniel Gerhardt.

Denn aus seiner Sicht ist es um die heutige deutsche Popmusik mit Größen wie Mark Forster schlecht bestellt: Diese stecke fest und wolle nichts verändern, meint der Autor von "Spiegel Online", "Zeit Online" und ehemalige Chefredakteur des Musikmagazins "Spex".

Ein ewiges "Sommermärchen"

In Mark Forsters Popsong "Wir sind groß" gehe es beispielsweise um ein "generelles Fernweh", sagt Gerhardt. Gleichzeitig sei es aber völlig irrelevant, wovon man wegwolle, wo man hin wolle oder was infrage gestellt werde. Befinden wir uns mit den heutigen Popmusikprodukten also quasi in einer Dauerschleife ewiger Wunsch- und Ziellosigkeit?

Als Startpunkt für den vermeintlichen popmusikalischen Dauerloop sieht Gerhardt die Fußballweltmeisterschaft 2006 – "diesen Jodiho-Patriotismus, der sich damals entwickelt hat. Das war furchtbar weltoffen und wollte niemandem wehtun und das war ja auch ganz schön, zwei oder vier Wochen lang", sagt der Musikkritiker.

Jetzt, 13 Jahre später, würden Musiker wie Mark Forster oder Helene Fischer aber noch immer den damaligen Zeitgeist besingen, kritisiert Daniel Gerhardt. Dabei hätten wir alle doch inzwischen gemerkt: "Von dieser weltoffenen Stimmung ist nicht mehr so viel geblieben, hier in Deutschland."

Popmusik ist "für den Moment gemacht"

Aus Sicht Gerhardts ist dies eine gefährliche Entwicklung, denn eine "bequeme, in sich gekehrte, festgefahrene" Popmusik könne "eine Art Nährboden" für so etwas wie Nicht-Offenheit liefern. Er fordert deswegen: Deutsche Popmusik muss diverser, queerer, migrantischer und insgesamt uneinheitlicher werden.

Schließlich sei Popmusik "für den Moment gemacht" und könne deswegen auf den Zeitgeist eingehen, in den hinein sie veröffentlicht wird. "Popmusik ist das, was im Moment Antworten geben soll oder kommentieren soll", sagt der Musikkritiker.

Die vollständige Analyse zum Zustand der heutigen Popmusik von Daniel Gerhardt ist in dem Buch "Kein schöner Land. Angriff der Acht auf die deutsche Gegenwart" veröffentlicht, in dem außerdem Autorinnen und Autoren wie Katharina Herrmann, Noemi Schneider, Quynh Tran oder Simon Strauß den aktuellen Zustand von Mode, Literatur, Kunst, Theater, Essen, Musik, politischen Debatten, Film und Fernsehen analysieren und kritisieren.

(lkn)

"Kein schöner Land. Angriff der Acht auf die deutsche Gegenwart"
Von Daniel Gerhardt, Katharina Herrmann, Noemi Schneider, Leander Steinkopf, Annekathrin Kohout, Lukas Haffert, Quynh Tran und Simon Strauß
C.H. Beck Verlag , 255 Seiten, 18 Euro 

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