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Studio 9 | Beitrag vom 20.06.2018

Deutsche KolonialzeitEin Schädel mit Geschichte

Von Ita Niehaus

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Gerhard Ziegefuß, pensionierter Biologielehrer, mit einem Schädel aus Namibia - geerbt von seinem Großonkel, einem Missionar in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. (Markus Matzel)
Gerhard Ziegenfuß mit dem Schädel aus Namibia. (Markus Matzel)

Ein Totenschädel aus Namibia, der jahrzehntelang im Keller lagerte. Ein Großonkel, der zu Kolonialzeiten eine unrühmliche Rolle in Deutsch-Südwestafrika spielte. Gerhard Ziegenfuß will den geerbten Schädel zurückgeben und stößt auf viele Hürden.

"Und das ist das Corpus Delicti, was vom Schädel geblieben ist. Unterkiefer fehlt, Zähne fehlen ..."

Gerhard Ziegenfuß, ein schlanker Mann mit kurzen, grauen Haaren, holt ganz vorsichtig einen alten Totenkopf aus dem Karton. Seit mehr als 100 Jahren ist er in Familienbesitz. Sein Großonkel, Aloys Ziegenfuß, war katholischer Missionar in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika – dem heutigen Namibia.

"Die Geschichte ist, dass dies der Schädel eines Häuptlings sein soll, dessen Stamm von ihm bekehrt worden ist. Die Stammesmitglieder hätten ihm den Schädel überreicht später als Zeichen der Dankbarkeit, dass sie nun dem christlichen Glauben anhingen."

Zunächst war es nur ein namenloser Totenkopf

Das Erbstück aus der deutschen Kolonialzeit ist für Gerhard Ziegenfuß zunächst nur ein namenloser Totenkopf. Jahrzehntelang liegt er gut verpackt im Keller. Gerhard Ziegenfuß hat ihn schon fast vergessen. Dann meldet sich sein Gewissen. Er will, dass der Schädel dorthin zurückgebracht wird, wo er ursprünglich herstammt.

"Wenn es da Verwandte noch gibt, dass man da Dinge in Ordnung bringt, die falsch gelaufen sind. Das kann man einem Toten nicht antun. Er sollte seine Ruhe haben."

DNA-Analysen brachten die Wahrheit

Doch wer ist der Tote? Nach seiner Pensionierung als Biologielehrer, im Jahr 2008, beginnt Gerhard Ziegenfuß intensiv nachzuforschen. Er nimmt Kontakt auf mit der Namibischen Botschaft und dem Auswärtigen Amt. Dort heißt es, dass er erst einmal die Herkunft des Schädels belegen muss. Das aber dauert. Auch, weil es schwer ist, ein eindeutiges wissenschaftliches Ergebnis zu erhalten.

"Hier ist etwas Knochensubstanz entnommen worden für die DNA. Eine Expertise habe ich auch noch."

Endlich, nach gut sechs Jahren und mehreren Anläufen, steht immerhin fest: der Schädel stammt tatsächlich von einem Mann aus dem Raum südlich der Sahara. Während seiner Recherchen erfährt Gerhard Ziegenfuß auch immer mehr über seinen Großonkel und dessen Verstrickungen mit der Kolonialregierung in Deutsch-Südwestafrika.

"Das ist datiert 1.11.1900, und da schreibt er: Lieber, bester Bruder Josef, bin glücklich und wohlbehalten angekommen. Die erste Karte, die er geschickt hat."

Großonkel missionierte nicht nur

Darauf zu sehen: gefangene Männer vom Stamm der Herero mit dicken Ketten um den Hals. Der völkisch-national denkende Pater missionierte nicht nur, er zog als Feldgeistlicher mit in den Krieg, war auch dabei, als der Aufstand der Herero und Nama ab 1904 brutal niedergeschlagen wurde. Es war, so Historiker, der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.

"Da hat er die Kämpfe miterlebt am Waterberg und beschreibt die Kriegsszenen, wie die reingeritten sind - und haben da ein Blutbad angerichtet. Unerträglich."

Gerhard Ziegenfuß möchte dem Schädel seine Würde zurückgeben. Doch die Politik tut sich schwer. Erst 2011 kommt zum ersten Mal eine Delegation aus Namibia nach Berlin, um 20 Schädel entgegenzunehmen. 2014 erfolgt eine weitere Restituierung. Der Totenkopf von Ziegenfuß ist nicht mit dabei - die Herkunft noch immer ungeklärt. Zwischendurch fährt der engagierte Mann sogar selbst nach Namibia.

"Wenn ich jetzt mal Fazit ziehe: Über den Menschen, zu dem der Schädel gehört, habe ich fast nichts gefunden. Da werden mir auch die Zugänge verweigert, also von politischer Seite. Wahrscheinlich gibt es Informationen von kirchlicher Seite, niemand lässt mich ran. Ich komme nicht in die Archive rein, wo ich vermute, dass Informationen vorliegen."

Nichts bewegt sich

Mehr als zehn Jahre sind vergangen. Gerhard Ziegenfuß fühlt sich hingehalten. Hinzukommt, dass alles immer komplizierter wird, sagt er. Denn seit einigen Jahren verhandeln die Regierungen von Deutschland und Namibia nun schon. Es geht um die Anerkennung des Völkermords an den Herero und um Wiedergutmachung. Vor einem guten Jahr haben Vertreter der Herero und Nama auch noch vor einem Gericht in New York eine Klage eingereicht.

"Ich sitze zwischen allen Stühlen, das ist das Problem. Weil ich versucht habe, das ordentlich zu Ende zu bringen und das gelingt mir nicht."

In den kommenden Wochen ist ein neuer Rückerstattungstermin geplant, auch der geerbte Totenkopf steht auf der Liste. Gerhard Ziegenfuß aber bleibt skeptisch. Und hat auch deshalb zusammen mit einem Co-Autor ein Buch geschrieben. Um, wie er sagt, dem Schädel eine Art neues Leben zu geben. Und sei es auch nur rein erzählerisch.

Ende Juni erscheint das Buch zum Thema mit historischen Abbildungen:

Helmut Rücker, Gerhard Ziegenfuß: Ein Schädel aus Namibia
Anno-Verlag, 2018, 128 Seiten, 14,95 Euro

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