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Die Reportage | Beitrag vom 25.07.2021

Deutsche IS-Frauen zurück in der Heimat "Ich bezeichne mich nicht als radikal"

Von Joseph Röhmel

Illustration: Menschen mit Kind an der Hand in einem Stacheldraht-Haus. (imago / Ikon Images / Gary Waters)
Nur wer sich intensiv mit der eigenen Schuld befasst, wird den Weg zurück finden in die Normalität, ist Ahmad Mansour überzeugt. Seit Jahren betreut der Psychologe IS-Rückkehrerinnen. (imago / Ikon Images / Gary Waters)

Sie versuchen in Deutschland wieder Fuß zu fassen, suchen den Weg zurück in ein normales Leben. 80 Rückkehrerinnen vom sogenannten Islamischen Staat zählt das Bundesinnenministerium. Sind sie noch eine Gefahr für unsere Gesellschaft?

Ich bin mit "Sabine" verabredet. Sie ist Ende 20 und sitzt im Gefängnis. Fast viereinhalb Jahre soll sie bei der dschihadistischen  Terrororganisation Islamischer Staat gelebt haben. Dort hat sie angeblich in sozialen Netzwerken gegen Ungläubige gehetzt.

Aber Sabine ist auch Mutter von drei kleinen Kindern, sie alle wurden in Syrien geboren. Seit ihrer Festnahme leben sie in Pflegefamilien. Und Sabine möchte ihre Kinder unbedingt zurück haben. So wie ihr altes Leben in Deutschland. Vor Gericht beteuert Sabine, sie habe sich losgesagt vom IS. Und ich frage mich, ob das einfach so möglich ist nach viereinhalb Jahren. Bereut sie wirklich ihre Zeit beim IS? Oder sind das nur Lippenbekenntnisse? Und sollen wir IS-Rückkehrerinnen wie sie wieder in unsere Gesellschaft aufnehmen?

Der Polizist im Hintergrund

Ein Besuch im Gefängnis ist wegen Corona nicht möglich. Darum läuft mein erster Kontakt via Skype. Weil Sabine nicht erkannt werden möchte, heißt sie in Wirklichkeit anders.

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Sabine hat ein schmales Gesicht. Auf mich wirkt sie angespannt und irgendwie genervt. Vielleicht, weil in dem kargen Raum ein Polizist hinter ihr sitzt. Der LKA-Ermittler muss bei diesem Treffen dabei sein. Schließlich läuft der Prozess noch, und sollte sie mir gleich etwas Strafbares sagen, dann wird das ins Verfahren eingebracht.

"U-Haft is halt schwierig", sagt Sabine. "Man muss viel warten, sehr geduldig sein." Sie zuckt mit den Schultern, ich lächele sie an. Die Situation entspannt sich langsam und Sabine fängt an, zu erzählen. Schon lange sei sie auf der Suche nach dem richtigen Glauben gewesen. Eigentlich schon als kleines Kind. Sie habe heimlich gebetet. "Das war keine große Sache, die ich publik gemacht habe", sagt sie.

Kontakt zu salafistischen Kreisen

Sabine wächst allein mit ihrem Vater auf, macht Abitur, beginnt ein duales Studium im Bereich Gesundheitswesen. Alles läuft ganz normal, bis sie über ihre Arbeit und in ihrem Wohnort Kontakt in die Salafisten-Szene bekommt. "Das gab dann so viel Sinn, wie sie den Islam erklärt haben als Ein-Gott-Glauben ohne die Vergötterung anderer Sachen. Und ich habe mich halt mehr damit beschäftigt, bis ich schlussendlich den Islam angenommen habe. Das war ein Prozess von drei, vier Monaten, würde ich sagen", erinnert sie sich.  

In diesen Kreisen lernt Sabine auch ihren ersten Ehemann kennen. Damian, er heißt in Wirklichkeit anders, hat einen Migrationshintergrund. Er ist eine prägende Figur in ihrem Leben, er zieht sie immer tiefer hinein in salafistische Kreise. Bei Damian fühlt sie sich aufgehoben, sie schätzt seine Gutherzigkeit und heiratet ihn Ende 2013 nach islamischem Recht. Damian macht Sabine klar, dass es als Moslem nicht erlaubt ist, in Deutschland zu leben: "Er hat es damals auch so gesagt. Ich war unwissend und habe ihm das dann so geglaubt."   

Im Herbst 2014 geht Sabine mit Ehemann Damian nach Syrien. Als er dort ein Trainingscamp für Kämpfer besucht, ist sie eigentlich dagegen. Zumindest sagt sie das heute, überprüfen kann ich das nicht. Geweint habe sie, weil sie Angst hatte, ihn zu verlieren. Sie bekommt ihr erstes  Kind. Doch nur drei Monate später stirbt Damian an der Front – bei einer Schlacht gegen die Kurden in Nordsyrien.

Marianne und der IS

Mehr als 1070 Personen haben sich nach Zahlen des Bundeskriminalamtes in den vergangenen Jahren von Deutschland aus zum IS und anderen dschihadistischen Terrorgruppen aufgemacht. Ein Viertel davon sind Frauen. Fast 80 dieser Frauen sind laut Bundesinnenministerium nach Deutschland zurückgekehrt. Zu ihnen gehört auch Marianne.

Mehr als sechs Jahre ist es her, dass sie in die IS-Hochburg Rakka nach Nordsyrien aufbricht. Marianne zeigt mir den Vollschleier, den sie in Syrien getragen hat. "Du kannst durch den Mist nicht atmen", sagt sie. "Und wenn du 50 Grad im Schatten hast, dann sind schon welche umgekippt. Und das ist ja auch doppellagig. Den hat mir noch einer geschenkt, als ich in Nordsyrien war."  

Marianne war nur knapp ein Jahr beim IS. Dann ist sie zurück nach Deutschland. Heute fürchtet sie, dass irgendwann Dschihadisten vor ihrer Tür stehen könnten. Deshalb habe ich auch ihren Namen geändert.

Vor Gericht muss sie nicht. Es gibt keine Beweise. Keine Zeugen oder Fotos, dass sie an irgendwelchen Kämpfen oder Terroraktionen beteiligt war. So wie bei vielen anderen IS-Rückkehrerinnen auch. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums liegen bei weniger als zehn Rückkehrerinnen überhaupt Informationen vor, dass sie in Syrien oder dem Irak Kampferfahrung gesammelt haben.  

"Du hast das Gefühl, du hast ein Messer im Kopf"

An ihre Zeit beim IS denkt Marianne nur noch mit Grausen zurück. In Syrien wird sie mehrmals verheiratet. Ihre Ehemänner behandeln sie schlecht. Einer sperrt sie ein. Das traumatisiert sie. Immer wieder kehrten diese Gedanken daran zurück, sagt sie: "Du bist ständig müde, bist kaum noch belastbar. Du hast das Gefühl, du hast ein Messer im Kopf. Du brauchst einfach ganz viel Ruhe und kannst nachts nicht schlafen, weil Gedanken kommen."

Marianne lebt in einer Großstadt im Norden Deutschlands – mitten in einer ruhigen Gegend mit viel Grün. Sie wohnt allein, verbringt viel Zeit mit ihrer Katze mit dem dunkelbraunen buschigen Fell. Wir sitzen in Mariannes Wohnzimmer auf einem roten Sofa. Auf einem Tisch vor uns liegt eine dicke blaue Mappe.

"Genug Leute, die Süßholz raspeln und gefährlich sind"

Marianne blättert in ihrem Leben vor dem IS: Sie ist in der DDR aufgewachsen, hat eine Ausbildung zur Bauzeichnerin gemacht, arbeitet aber nur wenige Jahre in diesem Beruf. Sie jobbt, etwa als Bürohilfe. In dieser Phase, mit Anfang 30, konvertiert sie zum Islam und lernt einen Mann kennen, einen Muslim. Sie bekommt eine Tochter mit ihm. Eine stressige Zeit. Das Ehepaar lebt sich auseinander, streitet nur noch. Es kommt zur Trennung.

Aus dem Stapel zieht sie ein Dokument hervor: der Sorgerechtsstreit um ihr einziges Kind. Diesen Streit verliert sie und danach auch den Kontakt zur Tochter. Marianne sagt, ihr Ex habe sie damals zu Unrecht als Extremistin dargestellt. Zu diesem Zeitpunkt ist Marianne arbeitslos, fürchtet, dass sie obdachlos werden könnte. Sie sucht über soziale Netzwerke Kontakt zum IS – und bekommt ihn auch.

Bereut sie ihren Gang nach Syrien? Sie holt tief Luft. Dann sagt sie, dass IS-Rückkehrer eigentlich zu gut behandelt werden in Deutschland: "Eigentlich hätte ich ja Gefängnis verdient. Ich könnte ja jetzt hier Süßholz raspeln. Und es gibt genug Leute, die Süßholz raspeln und gefährlich sind."

Menschen wie Sabine? Sie sitzt ja im Gefängnis. Ihr Prozess läuft noch immer, und wie das Urteil am Ende lauten wird, das ist offen. In unserem Skype-Gespräch erzählt mir Sabine, wie geschockt sie damals war nach dem Tod ihres ersten Mannes und wie sie anschließend manipuliert wurde. Andere Frauen beim IS hätten auf sie eingeredet: Ihr Mann sei jetzt ein Märtyrer. In Sabine staut sich nur noch mehr Hass auf, vor allem auf die Kurden und den Westen. Ein Hass, der ihr heute leid tue, sagt sie:

"Ein bis anderthalb Jahre später kamen mir dann Zweifel. Da ist mir dann einfach aufgefallen, dass die Frauen immer das Gleiche reden, dass es keinen Sinn ergibt, dass alles krampfhaft ist. Blinder Gehorsam halt." 

Sabines Flucht nach Deutschland

Als immer mehr Terrorkämpfer des Islamischen Staates sterben, und die Kurden immer mehr IS-Gebiete erobern, flieht Sabine mit ihren Kindern Richtung Norden. Schließlich nehmen türkische Soldaten sie fest. Anfang 2020 wird sie dann gemeinsam mit ihren drei kleinen Kindern nach Deutschland abgeschoben. Angekommen am Frankfurter Flughafen nehmen Polizisten sie sofort fest.

Sabine berichtet, dass die Beamten ganz nett waren und mit ihren Kindern gespielt hätten: "Es war dann irgendwann der Zeitpunkt, wo es hieß, es sei Zeit, dass ich mich jetzt verabschieden soll von den Kindern." Ein Moment der Stille. Sabine rollt eine Träne über die Wange, dann noch eine. Sabine schluchzt.

Getrennt von den Kindern

Die Trennung von ihren Kindern fällt ihr sichtlich schwer. Sabine lächelt verlegen, holt ein Taschentuch aus der Hosentasche, wischt sich damit die Tränen weg. Und dann urplötzlich wechselt ihr Lächeln in Wut. Es ist die Wut einer Mutter. Sie erzählt, dass sie ihre Kinder nach der Verhaftung monatelang nicht sehen durfte. Dann endlich einmal vor Ort im Gefängnis und zweimal coronabedingt nur virtuell.

Dem Jugendamt Frankfurt, das für ihre Kinder zuständig ist, macht sie schwere Vorwürfe: "Also das Jugendamt hat wirklich aktiv geholfen, dass die Kinder sich von mir entfremden. Die Kinder haben keinen Bezug mehr zu mir. Wenn ich sage, ich habe dich lieb, dann sagt er: Ich kenn dich ja gar nicht."      

Sabine erzählt, wie gern sie wieder ein normales Leben führen würde – gemeinsam mit ihren Kindern. Diesen Weg ins normale Leben, den versucht auch IS-Rückkehrerin Marianne zu finden. Aber das fällt ihr offensichtlich schwer.

Mariannes Verschwörungstheorien

Bei unseren Gesprächen schweift sie gerne mal ab. Sie glaubt zum Beispiel, Barack Obama sei der Gründer des IS. Sind solche Gedankengänge Zufall? An ihrer Eingangstür hängt ein Aufkleber mit einem großen Q. Das Symbol der apokalyptischen QAnon-Bewegung. Marianne ist davon überzeugt, dass diese Bewegung auf "rechtsstaatlichem Wege Gerechtigkeit herstellt". Korruption, Wahlbetrug, Drogenhandel und Terrorismus werde bekämpft.

Achselzuckend meint Marianne, dass Leute wie Kanzlerin Angela Merkel den Bogen längst überspannt hätten. Deshalb brauche es QAnon. Auch um die Folgen der Coronakrise zu bekämpfen. Die Regierenden wollten mit Hilfe von Corona Kleinunternehmen kaputt machen: "Dass die großen Konzerne die fressen, die Menschen in Abhängigkeit gebracht werden." Und es gehe darum, die Menschen zum Impfen zu zwingen.

Marianne lebt in ihrer eigenen Welt. Vom IS habe sie sich distanziert, sagt sie, und das glaube ich ihr. Aber offenbar braucht sie radikale Zugänge in ihrem Leben. Ich frage mich, was mit ihr passiert wäre, wäre sie länger in Syrien geblieben – so wie Sabine.

IS-Frauen und das Jugendamt

Ein paar Tage später: Besuch beim Jugendamt Frankfurt, das für Sabines Kinder zuständig ist. Ich bin mit zwei Mitarbeiterinnen verabredet. Ich merke schnell: Diesen Frauen kann man nur schwer etwas vormachen. Mir gegenüber sind sie zugänglich. Aber kritisch, wenn es um IS-Rückkehrerinnen geht.

Über Sabines Fall können die beiden Jugendamtsmitarbeiterinnen mir nichts erzählen. Datenschutz. Zudem sei das familiengerichtliche Verfahren in diesem Fall noch nicht abgeschlossen, heißt es vom Jugendamt.   

Aber ganz allgemein berichten die Frankfurter Jugendamtsmitarbeiterinnen von ihrer Arbeit mit IS-Familien. Sobald das hessische Landeskriminalamt sie darüber informiert, dass IS-Frauen mit ihren Kindern in Frankfurt landen, dann laufe das in der Regle so ab:

"Dann erhalten wir grundlegende Informationen über die Frau, über das Kind: Wo kommt die Frau her? Wo hat sie vor ihrer Ausreise gelebt? Unsere Aufgabe ist es dann, auf das Kind zu gucken, das Kindeswohl im Blick zu haben. Das heißt, wir prüfen: Wie ist die Versorgung des Kindes praktisch in Deutschland gesichert? Und das erfolgt in Kooperation gegebenenfalls mit anderen Jugendämtern – da, wo die Frau ursprünglich herkam oder wo sie vielleicht hingehen will, weil es dort Angehörige gibt."

Seit 2018 gehe das so. Von den IS-Rückkehrerinnen haben die beide eine klare Meinung: "Sie sind ja wissentlich in ein Kriegsgebiet gereist und wussten, dass sie wissentlich dort Kinder auf die Welt bringen, die in Situationen gebracht werden, die sicherlich für ihre kindliche Entwicklung nicht gut sind: durch Bombenhagel, durch Schüsse, durch was auch immer. Sicherlich haben die Kinder ganz viel Schlimmes erlebt. Die haben sicherlich auch andere Tote gesehen. Und die Folgen, die werden wir erst später sehen."

Schwer traumatisierte Kinder

Sie erzählen mir, dass sie die Kinder nicht einfach willkürlich ihren Müttern wegnähmen. Jeder Fall werde genauestens geprüft. Aber immer wieder stellen sie fest: Die Kinder sind schwer traumatisiert: "Zwei- oder Dreijährige haben vor Silvesterknallern Angst oder vor Flugzeugen. Sie haben Albträume, Wutausbrüche, wachen nachts auf und fangen an, zu weinen."

Aktuell beschäftigt die beiden Frauen das Schicksal von zwei Mädchen im Grundschulalter: "Bei dem einen Mädchen ist die Frage, wie sie tatsächlich in zehn Jahren selbstständig leben kann. Sie nässt und kotet ein – auch in der Schule. Sie quält Tiere. Sie kann sich schwer konzentrieren. Bei dem anderen Mädchen ist es so: Sie hat ein niedriges Selbstwertgefühl, bezeichnet sich selber als ein Stück Scheiße. Gegenüber Betreuerinnen hat sie formuliert, dass sie lieber sterben wolle, als ihr scheiß Leben zu leben. Und sie verfällt oftmals in Weinkrämpfe." 

Ich muss mich daran erinnern, was mir Sabine während unseres Skype-Gesprächs im Gefängnis gesagt hat. Ihre Kinder würden keinerlei psychische Auffälligkeiten zeigen. Ob das wirklich stimmt, erfahre ich auch hier im Jugendamt nicht.

IS-Rückkehrerin in Freiheit 

Gut zwei Monate später treffe ich Sabine wieder. Diesmal in Freiheit: In Wachtberg bei Bonn bin ich mit ihr und ihren Anwälten Martin Heising und Serkan Alkan verabredet. Ein Jahr lang saß sie in U-Haft. Ihre Strafe: zwei Jahre auf Bewährung, denn Sabine hat umfassend über ihre IS-Zeit ausgepackt. Das Gericht glaubt der jungen Mutter: Sie habe ihre Radikalisierungsphase hinter sich gelassen, steht im Urteil. Weitere Straftaten seien von ihr nicht mehr zu befürchten. Und es kommt zum Schluss: Die Mutter war in Haft zu lang von ihren drei Kindern getrennt. Zum Treffen trägt Sabine ein schwarzes Sakko und Jeans. Keine Kopfbedeckung.

Idyllisch zwischen Wiesen und Feldern hat Anwalt Martin Heising seine Arbeitswohnung. Er ist ein drahtiger Mann mit Vollbart. Er und sein Kollege Serkan Alkan verteidigen gemeinsam schon seit Jahren Terrorverdächtige vor Gericht. Sich selbst bezeichnen sie als Szeneanwälte, beide sind Muslime und kennen ihre Community gut.

Die Arbeitswohnung ist lichtdurchflutet: bodentiefe Fenster, hellbraunes Parket. Wir setzen uns auf einen weißen Teppich. Sabine wirkt viel entspannter als beim letzten Mal. Sie lächelt viel öfter. Sie erzählt, dass sie bei einer Bekannten wohnt. Freunde helfen ihr, wieder Fuß zu fassen und stellen ihr auch viele Fragen. Zum Beispiel zeigen sie Sabine Netflix-Serien über den IS, wollen wissen, ob die Spielfilme der Wahrheit entsprechen.

"Da wurde irgendwie eine Glaubenspolizei gezeigt, also Männer: Ich weiß nicht, ob die da jemanden bestrafen wollten. Und da stand eine Frau mit einer Kalaschnikow daneben", schildert Sabine. "Das ist auf jeden Fall nicht realistisch, denke ich, dass die Männer und die Frauen sich da so vermischen in der Öffentlichkeit."

Sabines Kampf um die Kinder

Martin Heising hat für uns türkischen Tee gekocht. Auf einem Tablett: die Teegläser, kleine goldene Löffel, getrocknete Datteln und Honig. Am Teetisch überwiegt die Freude über das Urteil. Aber Sabine bleibt wegen ihrer Kinder angespannt. Anwalt Heising beugt sich immer wieder zu ihr herüber, will wissen, wie die ersten Treffen in Freiheit mit den Kindern abgelaufen sind. Und Sabine erzählt von einer Begegnung mit einem ihrer Kinder, dass sie das Kind nicht umarmt habe: "Ich traue mich nicht. Ich habe Angst, dass der Nein sagt."   

Eigentlich ist Sabine mit den Pflegefamilien sehr zufrieden. Aber sie würde gerne jede Woche ihre Kinder sehen und streitet deshalb mit dem Jugendamt. Ich erzähle ihr von meinem Besuch. Davon, dass mir die Mitarbeiterinnen gesagt hätten, IS-Frauen seien wissentlich in das Kriegsgebiet gereist und hätten ihre Kinder ganz bewusst einer großen Gefahr ausgesetzt.

Sabines Gesicht versteinert sich. Sie sagt, dass sie einerseits die eingeschränkte Sicht verstehe. Aber sie findet, das Jugendamt solle sich ein "bisschen intensiver mit der Materie befassen". Sie selbst sei auf Propagandavideos hereingefallen. Videos, die das Familienleben angepriesen hätten: "Da muss man schon verstehen: Wer nach Syrien gegangen ist, der ist nicht unbedingt vom Schlimmsten ausgegangen."

Alltag beim IS

Von den Hinrichtungen oder den vergewaltigten Frauen und Mädchen habe sie nichts mitbekommen, sagt sie. Sie sei vor allem Hausfrau gewesen: "Morgens aufstehen, bisschen die Bude putzen, Frühstück machen, Wäsche waschen, rausgehen, was einkaufen gehen. Wenn das Wetter gut ist, gehe ich gerne auch in den Park mit meinem Kind. Ich habe zum Beispiel auf meinem Balkon einen Pool für Kleinkinder. Da haben die im Sommer schön gespielt." 

Ich hake nach: Wie geht das? Wie kann sie bei solch einer Terrorgruppe leben und nichts mitbekommen? Sabine antwortet: "Wenn man sich mit dem IS versteht und wenn man die Ideologie teilt, dann ist alles gut. Und wenn man die Ideologie nicht teilt, dann ist eben nichts gut, weil es ein autoritäres System ist. Und es ist einfach bekannt, wenn man sich dagegen stellt, dann gibt es dort rigorose Strafen wie Todesstrafen."   

Die Zeit beim IS bereut

Bereut sie es denn, dass sie nach Syrien gegangen ist? Sie nickt, erzählt davon, dass sie Menschen enttäuscht habe: "Ich habe meinen Kindern einen sehr sehr schweren Start ins Leben geschaffen. Es war falsch. Grundsätzlich." 

Von ihrer Vergangenheit will sie sich lossagen, stattdessen ihre Zukunft planen. Sie möchte eine Ausbildung machen. Im Moment nimmt sie an einem staatlich geförderten Aussteigerprogramm teil. Und sie hat inzwischen Bücher gelesen über den Islam und den Islamismus. Zum Beispiel vom Psychologen Ahmad Mansour, der seit Jahren IS-Rückkehrerinnen betreut. Mansour ist davon überzeugt: Nur wer alle Karten über seine Zeit beim IS offenlegt und sich intensiv mit seiner eigenen Schuld befasst, der wird den Weg zurück finden in unsere westliche Normalität. Sabine sagt, sie sei zu dieser Auseinandersetzung bereit.

Mein Eindruck: Sabine will ihre IS-Zeit schnellstmöglich hinter sich lassen – zum Wohl ihrer Kinder. Denn jetzt sind sie es, die ihr den Rückhalt geben, den sie im Leben braucht.

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