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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.01.2017

Deutsche Identität und AuschwitzDas Schweigen der Intellektuellen

Peter Trawny im Gespräch mit Joachim Scholl

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Blick auf den Eingang des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau (dpa / Fritz Schumann)
In Auschwitz erkenne man den "industriellen, logistischen Charakter" des Massenmordes - das sei die "deutsche Signatur, sagt Peter Trawy. (dpa / Fritz Schumann)

Am 27. Januar 1945 wurde das NS-Vernichtungslager Auschwitz durch die Rote Armee befreit. Angesichts erstarkender rechter Kräfte hält der Philosoph Peter Trawny den heutigen Gedenktag für besonders wichtig. Den deutschen Intellektuellen macht er schwere Vorwürfe.

Peter Trawny ist sich sicher: Der Philosoph Theodor W. Adorno hätte längst Stellung gegen die Forderung des AfD-Politikers Björn Höcke bezogen, wonach es einer 180-Grad-Kehrtwende in der deutschen Erinnerungskultur bedürfe. Die Öffentlichkeit biete den "rechten Diskursen" viel Raum, sagt Trawy. Das habe ihn zu seinem Buch "Was ist deutsch?" bewogen:    

"Was passiert hier, dass sich Philosophen, Intellektuelle so weit zurückziehen, dass solche Dinge tatsächlich zur Erscheinung kommen könnnen? Darin steckt natürlich auch eine Kritik an der gerade aktuellen Frankfurter Schule, an den Erben der Adornoschen Philosophie."

Gemeint sind beispielsweise Jürgen Habermas und Axel Honneth. Sie würden gar nicht reagieren und sich dem "Gespräch mit den so genannten Abgehängten" nicht aussetzen wollen. Ihm mache die "Unfähigkeit der Intellektuellen und auch der Feuilletons", auf Attacken wie die Höckes zu reagieren, Angst. Allerdings: 

Schwindendes Bewusstsein für den Schrecken

"Ich denke nicht, dass wir schon da sind, dass wir uns tatsächlich kurz vor 1933 befinden, wenn auch es gewisse historische Ähnlichkeit zwischen heute und der Endzeit der Weimarer Republik gibt."

Trawny unterstreicht, wie bedeutsam der Holocaust-Gedenktag sei:

"Gerade in Zeiten des verschwindenden Bewusstseins der Verwicklung in diesen Schrecken sind solche Tage wichtig. Ich tendiere zwar dazu zu sagen, dass die Erinnerungskultur schon etwas Künstliches hat und dass es natürlich eigentlich viel besser wäre, wenn wir uns ohne diese Anlässe auch erinnern würden - aber da (…) wir in einer Situation stehen, in der ganz offensichtlich das deutsche Selbstverhältnis zu seiner Geschichte verändert werden soll, halte ich solche Gedenktage für besonders wichtig."

In Auschwitz zeige sich die "deutsche Signatur des Massenmordes", die in seinem "industriellen, logistischen, in seinem organisatorischen Charakter" liege:

"Diesen Charakter erfährt man unmittelbar, wenn man dort das Tor durchschreitet und auf der Rampe steht und sieht, wie diese Todesmaschine gearbeitet hat."

Einem Flüchtling würde Trawny Auschwitz-Birkenau zeigen, um ihm etwas über Deutschland zu erklären - über die "Ambivalenz der Fähigkeit zum Logistischen, Organisatorischen", über den "Schrecken, der dahintersteckt, auch das Schreckliche, die Indifferenz". Allerdings könne man einem dann "wahrscheinlich auch etwas ratlosen Gast" auch mitteilen, "dass es - wie Adorno sagt - das Großartige und auch das Gastfreundliche" gebe: "Wenn man sagen würde, das ist das Deutsche schlechthin, dann wäre es natürlich eine Reduktion", so Trawny .  

Peter Trawy: "Was ist deutsch? Adornos verratenes Vermächtnis", Verlag Matthes & Seitz, Berlin, 107 Seiten, 10 Euro   

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