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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.08.2007

Deutsche Geschichte zwischen Masuren und Osnabrück

Arno Orzessek: "Schattauers Tochter", Steidl Verlag, Göttingen 2007, 648 Seiten

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Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Der Roman spielt konsequent auf zwei Ebenen: In der Regel ein Kapitel in der Kriegszeit, das nächste in der nahen Vergangenheit und Gegenwart. Das Scharnier ist die Titelgeberin: Marie, Schattauers Tochter. Orzessek erzählt diese Liebes- und Familiengeschichte äußerst amüsant und findet großartige Wortkombinationen zum Beschreiben von Stimmungen und Situationen.

"Schattauers Tochter" ist der Debütroman von Arno Orzessek. Die Hauptfigur Marie bildet eine Klammer zwischen den beiden Erzählsträngen des Buches, die sich kapitelweise abwechseln: Zunächst erleben wir Marie, ein hübsches 18-jähriges Mädchen, aufgewachsen in einer streng pietistischen Bauernfamilie in Masuren. Parallel wird Marie als blinde weltabgewandte alte Frau am Ende ihres Lebensweges gezeigt.

Der junge Wehrmachtsoffizier Hermann Eckstein verliebt sich in die junge Marie, so wie es mit keiner seiner zahlreichen Liebschaften davor war. Die beiden heiraten kurz vor Kriegsbeginn in der Heimatstadt des Leutnants, die auch die Heimatstadt des Autors ist: Osnabrück. Hermann muss an die Ostfront, läuft zu den Sowjets über, kämpft als Partisan gegen die Wehrmacht. Marie glaubt nicht mehr an die Rückkehr ihres Mannes und erlebt 1945 eine Affäre mit einem jungen Mann, von dem sie schwanger wird. Marie wird von Reue erfasst und fühlt sich schuldig, weil sie nicht mehr zu Gott zurückfinden könne.

Die treibenden Kräfte des zweiten Erzählstrangs sind Eduard, der Schulfreund des Erzählers, und der Rhetoriklehrer von beiden, Gustav Eckstein. Er ist der Sohn von Marie, mit dem sie zwar unter einem Dach wohnt, aber keine Kommunikation mehr pflegt. Eckstein nutzt seine Erscheinung als Mädchenschwarm weidlich aus: wohlhabend, gut aussehend, geschmackvoll und sehr gebildet. So gebildet und vielseitig beschlagen, wie der Autor ihn beschreibt, gerät die Menschenzeichnung mitunter ins Komische.

Dennoch bleibt der Eindruck, dass der Autor mit souveräner Distanz erzählt. Er umgeht keine grausame Einzelheit, der der Leser entgegenbangt, sondern schildert sie geradlinig und sachlich. Gleichzeitig beobachtet Orzessek exakt und formuliert amüsant, findet passende Wortkombinationen zum Beschreiben von Stimmungen und Situationen. Trotz hoher Dramatik trägt der fröhliche Erzählstil über 650 Seiten, ohne nach einer Seite hin abzurutschen, zu erlahmen oder durch Redundanzen zu langweilen.

Der Autor bedient sich dabei nicht nur seines beachtlichen Sprachschatzes und seiner sprachlichen Wendigkeit, sondern auch des Stilmittels häufiger Orts- und Genrewechsel: Mal findet sich der Leser in Weißrussland, mal in New York, mal in der Schweiz, mal in Mexiko wieder. Orzessek beschreibt einen Segeltörn ebenso präzise wie den Grundwehrdienst bei der Bundeswehr. Er zeigt Fachwissen beim Thema Pferde ebenso wie im Bereich der Philosophie, die der Autor unter anderem studiert hat.

Gelungen sind nicht nur die in sich stimmigen Charaktere, köstlich sind auch die in wenigen Nebensätzen liebevoll detailreich abgehandelten Professionen, Biografien und Liebhabereien der unzähligen Randfiguren. Dies geschieht in opulenten Kombinationen, was dem Buch zusätzlich Buntheit und Witz verleiht. Arno Orzessek, freiberuflicher Journalist und Autor, hat für diese Liebes- und Familiengeschichte den Uwe-Johnson-Förderpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt der Jahre 2004/2005 erhalten.

Rezensiert von Stefan May

Arno Orzessek: Schattauers Tochter
Steidl Verlag, Göttingen 2007, 648 Seiten, 17,90 Euro

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