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Zeitfragen | Beitrag vom 30.10.2018

Deutsche Gartenbaubibliothek in BerlinHofgärtnerwissen für Urban Gardening

Von Ernst-Ludwig von Aster

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Bücher stehen in einem Regal in der deutschen Gartenbaubibliothek. (Deutsche Gartenbaubibliothek e.V.)
Schätze im in der deutschen Gartenbaubibliothek. (Deutsche Gartenbaubibliothek e.V.)

Die Deutsche Gartenbaubibliothek an der TU Berlin zählt zu den größten Gartenliteratursammlungen in Europa. Sie kann mit hervorragenden historischen Quellen aufwarten - ein Fundus für Fachleute und Hobbygärtner.

Leise unterhalten sich die beiden Gartenfreunde zwischen den Bücherregalen. Streng blickt ein Bibliotheksmitarbeiter herüber. Dr. Clemens Wimmer kennt das schon: "Wir stören eigentlich nur hier, das ist unsere Hauptfunktion. Wir stören den Bibliotheksvollzug, wie ich immer sage."

Der Gartenarchitekt lächelt verschmitzt. Seine Kollegin, Dr. Sylvia Butenschön, vom Fachgebiet Gartendenkmalpflege erklärt selbstbewusst: "Wir sind die größte Spezialbibliothek für Gartenbau und Gartenkultur im deutschsprachigen Raum, auf jeden Fall. Die Bestände sind bei über 50.000 Titeln, Monografien, Zeitschriften."

Eine Bibliothek mit vielen Büchern und einigen Hinweistafeln Pomologisches betreffend. (Ernst-Ludwig von Aster/Deutschlandradio)Die Deutsche Gartenbaubibliothek in der TU Berlin - über 50.000 Titel lagern hier. (Ernst-Ludwig von Aster/Deutschlandradio)

50.000 Titel – ausgeliehen an die Technische Universität Berlin. Von ihrem Verein, dem "Deutsche Gartenbaubibliothek e.V..". Der hat heute gerade mal 200 Mitglieder. Und eine Geschichte, die zurückgeht bis 1822. Da gründete Peter Joseph Lenné den "Verein zur Beförderung des Gartenbaus". Seine Buchbestände gehören heute ebenso dem Verein wie die Bücher der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und die Bestände des Reichsverbandes des Deutschen Gartenbaus.

Eine historische Obstdatenbank

Clemens Wimmer holt einen Schlüssel aus der Tasche, steuert auf einen großen Glaskubus am Rande des Lesesaals zu. Zwei künstliche Lorbeerbäume flankieren den Eingang. "Archiv" steht an der Scheibe. Wimmer schließt auf, Butenschön geht nach rechts, zieht ein dickes, ledergebundendes Werk aus dem Regal:

"Birne Band 4" steht darauf in Goldlettern. Butenschön klappt den Buchdeckel auf. Darunter, in einem Sammelkasten, eine Loseblattsammlung.

"Das ist natürlich ein Unikat, eine ganz besondere Zusammenstellung von hunderten Obstsorten, sehr schön aufgemacht. Es sieht aus wie echte Buchrücken, dicke Bücher, es sind Kartons, dicke Schachteln, in denen dann über jede Sorte diverse Auszüge aus verschiedener Literatur liegen."

Ein altes, aufgeschlagenes Buch mit altmodischen Lettern.  (Ernst-Ludwig von Aster/Deutschlandradio)Altes Gartenbauwissen: Hier ein Pflanzbüchlein von 1529. (Ernst-Ludwig von Aster/Deutschlandradio)

In diesem Band findet sich alles über die Bergamotte-Birne. Informationen aus unterschiedlichsten Büchern. Herausgetrennt und zusammengestellt in der sogenannten Friesenschen Sammlung. Der Freiherr von Friesen bewirtschaftete Obstplantagen in Sachsen, er besaß tausende Apfel- und Birnenbäume. Und hinterließ eine Obstdatenbank. Mit mehr als 20.000 Blättern. Die steht jetzt hier.

"Systematischer als Google"

Und noch heute gibt es in Rötha bei Leipzig eine kleine Firma, die Fruchtsaft produziert, die daraus hervorgegangen ist."

Clemens Wimmer steht zwei Meter weiter, beugt sich über alte, hölzerne Schubkästen. Die sogenannte Zander-Kartei, benannt nach dem ehemaligen Bibliotheksleiter. Literaturnachweise aus 30 deutschsprachigen Gartenbauzeitschriften für den Zeitraum von 1783 – 1920. Insgesamt mehr als zweihunderttausend Karteikarten. "Damit sind wir systematischer als Google", witzelt Wimmer: "Es gibt zum Beispiel einen Phlox, der heißt Iris, die Sorte Iris. Suchen sie mal Phlox Iris. Da kommen lauter schöne Damen, die Iris heißen, aber Phlox Iris kommt nicht."

Ganz anders als in der Karteikartensammlung:

"Phlox Iduna, Phlox Imperator... und dann hat man ihn hier haben wir einen Hinweis: Gartenwelt 1909. Und dann kann dort auf Seite 520 online, wir haben das digitalisiert, gleich nachlesen."

Eine Chronik der Züchtungsgeschichte

Der Fundus der Gartenbaubibliothek - ein Paradies für Wissenschaftler, Gartenarchitekten, Hobbygärtner, Fruchtforscher. Viele Werke können über die Zentralbibliothek der TU bestellt und dann im Lesesaal studiert werden. Im Internet findet sich nur ein Bruchteil der Sammlung. Ein Zuschuss der Berliner Lotto-Stiftung soll nun dafür sorgen dass mehr Material online gestellt werden kann. Eine studentische Hilfskraft unterstützt den Verein bei der Inventarisierung, ausgewählte Werke werden von externen Firmen professionell gescannt und dann von der Bücherei online gestellt.

"In Thüringen da ist wieder ein Gärtner gestorben, und er hatte aus den 50er-Jahren einige Gärtnereikataloge, die bei uns noch fehlten."

Collage alter Drucksachen zum Gartenbau. (Deutsche Gartenbaubibliothek e.V.)Vintage Gardening aus der Deutschen Gartenbaubibliothek (Deutsche Gartenbaubibliothek e.V.)

Clemens Wimmer blättert in einer seiner Neuerwerbungen. Ein Sortenkatalog von 1953. Den hat er vor einigen Wochen online ersteigert. Für die Sammlung der Gärtnerei- und Sortenkataloge. Das Material reicht für einige Unternehmen zurück bis 1865. Eine Chronik der Züchtungsgeschichte.

"Da kann man natürlich ablesen, welche Sorten waren verbreitet. Und man kann auch ablesen, wann sind sie entstanden."

Königliches Hofgärtnerwissen fürs Urban Gardening

Die ältesten Gartenbau-Bücher lagern, gut gesichert und wohltemperiert, im Keller. Die Universität kauft Neuerscheinungen. Und bezieht mehr als 130 aktuelle Gartenbauzeitschriften. Der Verein kümmert sich um Werke der Vergangenheit. Das ist die Arbeitsteilung. Clemens Wimmer öffnet erst eine Stahltür, dann einen Stahlschrank:

"Hier sind zum Beispiel die größeren Formate drin, und das ist das, was lange Zeit das Älteste war, das habe ich gekauft, das ist ein Hausvaterbuch."

Hausvaterbücher – das waren Ratgeber für den Landadel und Gutsbesitzer. Nachschlagewerke in Sachen Pflanzenanbau, Kochen und Kinder-Erziehung. Wimmer blättert in einem Band von 1682. Ein historischer Einblick in das Alltagsleben. Mit Informationen auch für die Jetztzeit. Sylvia Butenschön hat neulich erst ihre Studenten auf Entdeckungstour in die Vergangenheit geschickt.

"Und da geht es in einem Studienprojekt um historische Küchengärten, die Anknüpfung ist natürlich das Thema urban gardening, was gerade so aktuell ist."

Die Literaturauswahl liegt noch auf dem Tisch. Schwere, alte Bücher.

Das ist der ökonomische praktische Gartenkatechismus, oder kurze Anweisung zum Gartenbau von Furtmann, von 1784, oder von Wendland, dem Küchengärtner, dem königlichen Gartenmeister aus Herrenhausen, aus Hannover. Tipps vom königlichen Gartenmeister fürs urban gardening in der Hauptstadt. Vier Stunden haben ihre Studenten darin fasziniert geblättert, erzählt sie. Und gestaunt.

Clemens Wimmer blickt auf die Uhr. Er muss zurück an den Schreibtisch. Sylvia Butenschön zu ihren Studenten. Die Büchersammlung werden sie weiter ehrenamtlich betreuen. Damit die Gartenbaugeschichte weitergeht.

Literaturhinweis:
Sylvia Butenschön und Clemens Wimmer: "Die Geschichte der Gartenkultur."
L + H Verlag GmbH, 2015
288 Seiten, 39,80 Euro

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