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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.08.2018

Deutsche Bücherei in LeipzigBücher sammeln im Kampf gegen den Klassenfeind

Christian Rau im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Der Altbau der Deutschen Nationalbücherei spiegelt sich in dem Erweiterungsbau in Leipzig.  (picture alliance / dpa / Peter Endig)
Die Deutsche Bücherei wurde 1912 gegründet, während die Nationalbibliothek in Frankfurt erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstand. (picture alliance / dpa / Peter Endig)

Die Deutsche Bücherei in Leipzig war kein "kommunistisch infiltriertes Zensurinstrument der SED", urteilt Christian Rau. Und dennoch: Bücherei und SED-Regime hätten voneinander profitiert, meint der Historiker, der die Institutsgeschichte erforscht hat.

Liane von Billerbeck: Bei ihrem 100. Geburtstag war es versprochen worden, die Geschichte des Gründungshauses in Leipzig, der Deutschen Nationalbibliothek, zu erforschen. Nun, im 106. Jahr, hat die Nationalbibliothek ihr Versprechen eingelöst. Zwei Historiker haben die Rolle der Büchereien in der NS-Zeit und nach 1945 in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR aufgearbeitet. Der Historiker Christian Rau ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Institut für Zeitgeschichte und hat sich der Geschichte der Deutschen Bücherei zwischen 1945 und 1990 gewidmet. Jetzt ist er am Telefon. Schönen guten Morgen!

Christian Rau: Guten Morgen!

von Billerbeck: Was heute die Deutsche Nationalbibliothek heißt, das sind ja lange Jahre zwei getrennte Bibliotheken gewesen, heute sind es zwei Standorte. Einmal die 1912 gegründete Deutsche Bücherei in Leipzig, die über die Zeit der DDR weiter bestand, und die 1946 in Frankfurt am Main gegründete Deutsche Bibliothek. Wurde also wegen dieser Trennung die Deutsche Bücherei nach dem Zweiten Weltkrieg komplett neu organisiert und aufgestellt?

Rau: Das kann man nicht sagen. Ganz im Gegenteil, die Deutsche Bücherei konnte gerade wegen der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main weiterexistieren. Denn man muss sich ja vorstellen, dass die Deutsche Bibliothek in den Augen der Kulturfunktionäre und Wissenschaftsfunktionäre in der Deutschen Demokratischen Republik ja im Prinzip den Klassenfeind darstellte. Und man hat ja alles getan, um gegenüber der Bundesrepublik zu bestehen im Kampf um die Alleinvertretung Deutschlands und um internationales Prestige. Und in dem Sinne hat man alles getan, um die Deutsche Bücherei weiter zu fördern, ihr weiterhin den Anspruch auf den Titel Nationalbibliothek zu geben. Und man hat alles vermieden, um der Bundesrepublik irgendwie ein Signal zu senden, dass hier in die Tradition eingegriffen wird.

Konkurrenz zur Nationalbibliothek in Frankfurt

von Billerbeck: Sie haben diese Zeit erforscht, sowjetische Besatzungszone DDR, also von '45 bis 1990. Wie war denn das Verhältnis der DDR-Führung zu der Bibliothek, zur Deutschen Bücherei?

Rau: Man kann im Grunde genommen sagen, dass die Deutsche Bücherei weder ein kommunistisch infiltriertes Zensurinstrument der SED war, wie das ja viele Zeitgenossen gerade in der Bundesrepublik in den 1950er- und 60er-Jahren behauptet haben. Aber man kann auch nicht behaupten, dass die Deutsche Bücherei eine weitgehend dem Einfluss der SED entzogene Bibliothek blieb. Das hat zum Beispiel der langjährige Generaldirektor Helmut Rötzsch behauptet, der die Deutsche Bücherei von 1961 bis 1990 geführt hat. Der hat nach seiner Tätigkeit diesen unpolitischen Charakter betont, bis seine Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter für die Staatssicherheit im Jahr 2012 bekannt wurde.

Ich würde dagegen eher sagen, dass die Deutsche Bücherei und das SED-Regime wechselseitig voneinander profitiert haben. Die Deutsche Bücherei etwa hat das Regime, das kann man schon sagen, stabilisiert, indem sie die Propaganda der SED, die nationale Propaganda gestützt hat, um der Bundesrepublik den Alleinvertretungsanspruch abspenstig zu machen. Die Deutsche Bücherei hat aber zugleich auch das Wissenschaftssystem der DDR gestützt, indem sie im Grunde den einzigen Ort darstellte, wo Forscherinnen und Forscher die gesamte westdeutsche Literatur studieren konnten, natürlich unter Auflagen und kontrolliert. Und sie lieferte zudem der Staatssicherheit Literatur etwa über als Klassenfeinde deklarierte Gruppen, über oppositionelle Gruppen, aber auch über ihre Westkontakte und über auffällige Benutzerinnen und Benutzer.

Da kann man fragen, was hatte die Deutsche Bücherei davon? Sie konnte, unterstützt durch die Institution des SED-Regimes, ihren Anspruch auf den Titel Nationalbibliothek festigen. Diesen Anspruch hat sie im Grunde seit ihrer Gründung 1912 verfolgt, auch gegen Widersacher, etwa die Staatsbibliothek in Berlin. Und sie konnte weitgehend selbständig mit den westdeutschen Verlegern um die kostenlose Belieferung der Deutschen Bücherei verhandeln. Sie konnte internationale Kongresse besuchen, sie konnte die Frankfurter Buchmessen und andere Buchmessen im internationalen Raum besuchen, und sie konnte letztlich leistungsmäßig bis weit in die 1970er-Jahre mit der Deutschen Bibliothek in Frankfurt mithalten.

Es gab eine einzige Ausnahme, die so ein bisschen paradox erscheint. Die Deutsche Bücherei unterstand ja verwaltungsmäßig dem Wissenschaftsministerium in der DDR. Das Kulturministerium hingegen, das also für die Verlagstätigkeit in der Deutschen Demokratischen Republik zuständig war, förderte im Grunde genommen die Deutsche Bibliothek in Frankfurt allein, weil man nämlich dort der Meinung war, dass nur eine kostenlose Belieferung der Frankfurter Bibliothek dafür sorgt, dass die ostdeutsche Literatur im Westen bekannt würde.

Die beiden Leiter waren erbitterte Feinde

von Billerbeck: Sie haben es ja schon erwähnt, es war ganz wichtig, dass man sich gegenseitig beliefert hat. Also ohne die Bücher aus dem Westen hätte die Leipziger Bibliothek diesen Anspruch, selber Nationalbibliothek, deutsche Nationalbibliothek zu sein, auch wenn sie Deutsche Bücherei hieß, nicht einlösen können, und andererseits hat man eben auch die DDR-Bücher, die Bücher von DDR-Autoren in den Westen geschickt. Wie war denn das gegenseitige Verhältnis dieser beiden Bibliotheken?

Rau: Das hing sehr stark an den Personen. Wenn wir uns also die Frühzeit anschauen, da haben wir auf der einen Seite Hanns-Wilhelm Eppelsheimer in Frankfurt am Main und Heinrich Uhlendahl in Leipzig. Heinrich Uhlendahl hat seit seiner Zeit als Generaldirektor – er war ja schon seit 1924 Generaldirektor –, alles getan, um die Deutsche Bücherei gegenüber Widersachern zu verteidigen. Und das ist ganz interessant, als nun Eppelsheimer die Deutsche Bibliothek 1946 in Frankfurt am Main gründet, wird aus den einstigen Freunden – die waren also beide befreundet, auf einmal erbitterte Feinde.

von Billerbeck: Klar, sie waren Konkurrenz.

Der Lesesaal in der Deutschen Bücherei in Leipzig im Jahr 1920 (picture alliance / akg-images)Die Deutsche Bücherei in Leipzig im Jahr 1920 (picture alliance / akg-images)

Rau: Sie waren Konkurrenten, und das haben sie auch auf einer persönlichen Ebene ausgetragen. In der Zeit, in der Eppelsheimer Direktor der Deutschen Bibliothek war – bis 1959 gab es im Prinzip keine Kontakte mehr.

von Billerbeck: Der Historiker Christian Rau war das vom Berliner Institut für Zeitgeschichte. Er hat die Geschichte der Deutschen Bücherei in Leipzig, also den Teil der Nationalbibliothek im Osten, zwischen 1945 und 1990 erforscht. Und zusammen mit einem zweiten Teil, der die NS-Zeit untersucht hat, werden die beiden Bände über 2000 Seiten – oder drei Bände sind es sogar – heute Abend in Leipzig und morgen dann in Frankfurt am Main vorgestellt. Herr Rau, ich drücke die Daumen für diese Premiere!

Rau: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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