Freitag, 14.12.2018
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 09.03.2017

Deutsch-türkischer Fernsehsender?"Türken leben immer noch am Rande"

Joachim Schulte im Gespräch mit Anke Schaefer

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Türkische Frauen verteilen vor Beginn einer Kundgebung von Erdogan-Anhängern in Köln deutsche und türkische Fahnen. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
Vor einer Kundgebung von Erdogan-Anhängern in Köln werden deutsche und türkische Flaggen verteilt. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)

Der Migrationsforscher Joachim Schulte plädiert wie Grünen-Chef Cem Özdemir dafür, einen deutsch-türkischen Fernsehsender à la Arte einzuführen. Damit könne der Medienkonsum türkischer Migranten in Deutschland beeinflusst werden.

Anke Schaefer: Präsident Erdogan und seine Minister machen Propaganda für das Präsidialsystem, das in der Türkei eingeführt werden soll. Diese Propaganda machen sie auch in Deutschland, und die Frage ist, wie kann man dieser Propaganda entgegentreten? Grünen-Chef Cem Özdemir hat da eine Idee. Er sagt, wir brauchen einen öffentlich-rechtlichen deutsch-türkischen Fernsehsender, so à la Arte, also wie der deutsch-französische Sender aufgebaut ist, so könnte dieser deutsch-türkische Fernsehsender auch sein. Das hat er der heutigen Ausgabe der 'Rheinischen Post' gesagt. Für uns jetzt am Telefon Joachim Schulte, Geschäftsführer der Data for You, Gesellschaft für Kommunikationsforschung, und er untersucht seit 25 Jahren den Medienkonsum der türkischen Migranten in Deutschland. Guten Tag, Herr Schulte!

Joachim Schulte: Ja.

Schaefer: Wie finden Sie diese Idee von Cem Özdemir, einen deutsch-türkischen Sender à la Arte aufzubauen?

Schulte: Ich begrüße das erst mal ganz ausdrücklich. Ich habe auch gerade in den letzten Monaten ein paar Mal mit türkischen Freunden über das Thema gesprochen, und das Thema liegt in der Luft, und ich halte es auch für sehr notwendig aus der aktuellen Situation heraus, aber auch generell, um die türkische Community in Deutschland besser einzubinden, macht es sehr viel Sinn, sie nicht einer einseitigen Propagandamaschine auszusetzen.

Schaefer: Jetzt weiß man, dass Arte ein Sender ist, der wirklich lange gebraucht hat, bis er wirklich in der Spur war, bis er gut arbeiten konnte. Hat man denn so viel Zeit?

Schulte: Ganz sicher nicht. Ich denke, das Problem drängt, und bei Arte – ich mag den Sender sehr, ich schaue auch gern hin und wieder mal rein. Aber da mangelt es natürlich auch insgesamt an Reichweite, an Zuschauern. Hier müsste ein Kanal geschaffen werden, der sehr schnell eine sehr große Reichweite aufbaut und auch Akzeptanz in der türkischen Bevölkerung hat. Die Situation bislang ist so, dass Türken in Deutschland zu 80, 90 Prozent türkische Fernsehsender sehen. Andere Medien werden im Vergleich relativ selten genutzt. Zum Beispiel bei Tageszeitungen ist es, dass noch nicht mal 30 Prozent der Türken in Deutschland täglich in eine Tageszeitung reinschauen. Und wenn dort gelesen wird, dann auch überwiegend türkische Printmedien.

Schaefer: Was wird denn da gezeigt? Ist das dann so eine Art Erdogan-Fernsehen?

Schulte: Nein, im Fernsehbereich, das ist jetzt keine offene Propagandamaschine in dem Sinne, sondern es ist seichte Unterhaltung. Ich würde es vergleichen, also die erfolgreichsten Sender der Türkei sind zum Beispiel ATV, Kanal-D, Euro-D, Eurostar, das sind Sender, wie wir sie hier aus Deutschland auch kennen, vergleichbar mit ProSieben, Sat.1, RTL, das heißt also, ein sehr hoher Anteil von Filmen, Shows, sehr viele Soap-Operas, türkische Serien mit viel Herz und Schmerz. Ergänzen wollte ich noch, ein relativ kleiner Nachrichtenanteil, aber der ist halt sehr eindeutig auf AKP-Linie.

Schaefer: Heißt das dann letztendlich, diese Bevölkerungsgruppe bekommt nichts mit von deutscher Politik?

Schulte: Ja, das kann man so sagen. Die leben, medial leben die tatsächlich mitten unter uns, also die nehmen vielleicht im Alltag natürlich auch Plakate wahr im Straßenbild und Ähnliches, aber medial ist das wirklich eine Insel. Ich habe da in der Vergangenheit ganz schöne Erfahrungen sammeln können, also zum Beispiel, vor einigen Jahren gab es ja um die Veröffentlichung von Herrn Sarrazin eine große Debatte, die in den deutschen Medien über Wochen Schlagzeilen auf der ersten Seite produziert hatte. Und im Nachgang dieser Debatte haben wir mal die türkische Community befragt, was sie denn von den Thesen von Herrn Sarrazin halten, und mussten dabei feststellen, dass 60, 70 Prozent überhaupt nichts von dieser Debatte mitbekommen haben.

Schaefer: Das ist ja ein Thema, das es durchaus wert ist, dass man darüber spricht, dass man darüber nachdenkt, was getan werden kann. Warum ist sich die Gesellschaft dessen so wenig bewusst?

Schulte: Türken leben immer noch am Rande. Sie haben meistens – in der Vergangenheit ist der Fehler gemacht worden, dass Türken in bestimmten Wohnquartieren zusammengepfercht, sag ich jetzt mal, worden sind. Das hatte natürlich auch finanzielle Gründe. Das waren in Berlin zum Beispiel Kreuzberg an der Mauer und Neukölln vielleicht noch und Ähnliches. Das heißt, es waren preiswerte Wohnquartiere. Es hat sich dort gebündelt. Die Türkei gehörte ja auch zu den Anwerberstaaten, das heißt also, bestimmte Arbeitsämter in Deutschland haben in bestimmten Regionen in der Türkei Arbeitskräfte angeworben und die dann auch in bestimmten Stadtteilen gebündelt sozusagen. Das führt dazu, dass es eine relativ große Isolation dieser Gruppen gibt. Die leben aus sich heraus. In diesen Stadtteilen gibt es ja auch für einen Türken gar keine Notwendigkeit, Deutsch zu sprechen zum Beispiel. Die haben einen türkischen Friseur, eine türkische Autowerkstatt, einen türkischen Arzt, eine türkische Apotheke, einen türkischen Bäcker und so weiter. Das heißt, sie müssen sich überhaupt nicht aus ihrer Welt herausbewegen. Auf der anderen Seite sehe ich aber auch genauso große Defizite aufseiten der deutschen Bevölkerung oder der deutschen Politik, dass Integrationspolitik erst jetzt in den letzten Monaten oder vielleicht Jahren ernsthafter betrieben wird.

Schaefer: Insofern kommt ja diese Idee, nach dem deutsch-türkischen Sender zu rufen, eigentlich zur rechten Zeit, aber gleichzeitig viel zu spät. Haben Sie denn das Gefühl, das ist eine realistische Vorstellung? Werden wir vielleicht in zwei, drei Jahren deutsch-türkisches Fernsehen gucken können?

Schulte: Ich würde es auf jeden Fall begrüßen. Es wäre ein Mammutprojekt, und es ist sicherlich auch nicht einfach. Die Mediennutzungsgewohnheiten bei den Türken sind ja eher viel Unterhaltung. Anliegen eines solchen Senders müsste es ja sein, viel Information rüberzubringen, und da ist sicherlich ein sehr großer Spagat zu machen. Dieser Sender müsste auch einen sehr hohen Unterhaltungsanteil haben. Aber ich denke, es ist ganz wichtig eben auch, um eine gewisse Gegenöffentlichkeit gegenüber also den türkischen Sendern herzustellen, dass so ein Projekt angegangen würde.

Schaefer: Das sagt der Kommunikationswissenschaftler Joachim Schulte über Cem Özdemirs Idee, einen deutsch-türkischen Fernsehsender zu schaffen. Danke Ihnen, Herr Schulte, für dieses Gespräch!

Schulte: Ich bedanke mich für die Möglichkeit, das auszuführen.

Schaefer: Sehr gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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