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Studio 9 | Beitrag vom 06.11.2015

Deutsch-griechische Freundschaft100 Bürgermeister aus Hellas in Berlin

Von Panajotis Gavrilis

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Bürgermeister und Gouverneure aus Griechenland in Berlin (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis )
Bürgermeister und Gouverneure aus Griechenland zu Besuch im Berliner Abgeordnetenhaus. (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis )

Wie kann eine Stadt grüner und der Tourismus angekurbelt werden? Unter dem Motto "Kommunen durchbrechen die Mauer der Krise" haben sich dazu mehr als 100 Bürgermeister und Gouverneure aus Griechenland in Berlin ausgetauscht.

Vom Abgeordnetenhaus in Berlin Mitte geht es per Bus in Richtung Neukölln, rein ins Berliner Kiez-Leben. Mit dabei ist auch Efthimios Fotopoulos, Bürgermeister von Delta, einem kleinen Bezirk bei Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands. Er erhofft sich viel von seinem Besuch:

"Wir wollen sehen, wie in Berlin mit Situationen umgegangen wird, vor allem soziale Aspekte. Die Bedürfnisse der Menschen hier kennenlernen und wie ihnen begegnet wird. Nur so können wir etwas Brauchbares mitnehmen – für unsere Bürger, für unsere Mitmenschen."

Wie sich Anwohner in Berlin beteiligen können, um eine lebendige Nachbarschaft zu fördern, will das Berliner Quartiersmanagement im Neuköllner Körnerkiez zeigen. Gespannt hören die deutschen und griechischen Regionalpolitiker zu, was die Mitarbeiterin Öznur Büker vom Quartiersmanagement berichtet.

"Wir stärken das Netzwerk, also die ganzen Einrichtungen, die sollen sich kennenlernen, die sollen zusammen arbeiten. Unser Ziel ist, dass wenn wir irgendwann weg sind, das Gebiet, der Kiez weiß, wie er sich helfen kann."

Viele leben von Sozialhilfe

Hier in der Nachbarschaft wohnen über 12.000 Menschen. Über die Hälfte davon sind Familien mit Einwanderungsgeschichten, viele leben von Sozialhilfe. Vor zehn Jahren galt Neukölln noch als verrufen, heute ist es hip.

Kinder spielen auf einem umzäunten Platz Fußball. Öznür Büker führt die rund 20 Gäste vorbei, weiter durchs Viertel und zeigt auf einen verwahrlosten Spielplatz.

"Wie man sieht, spielen hier keine Kinder. Auf den ersten Blick sieht es gar nicht so schlimm aus. Aber wenn man genauer hinschaut: Keine Bänke, ein Mülleimer fehlt, Holz ist durch, ist morsch. Ist auch nicht mehr sicher, hier zu spielen. Ja und hierfür stehen Gelder von 400-500.000 Euro bereit."

Quartiersmanagement Körnerpark (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis )Die griechischen Gäste im Gespräch mit Vertretern des Berlin Quartiersmanagements Körnerpark. (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis )

Als Efthimios Fotopoulos die Übersetzung des Dolmetschers auf seinem Headset hört, muss er erst einmal schlucken.

"Diese Zahl ist absurd. 400.000 Euro für einen Spielplatz! Natürlich kann es sein, dass er das Geld Wert ist. In Griechenland jedenfalls machen wir keinen Spielplatz für 400.000, wir machen drei."

Fotopoulos verwaltet einen Bezirk mit knapp 50.000 Bürgern. Die Region außerhalb der großen Stadt Thessaloniki ist industriell-ländlich geprägt. Viele Reis-, Baumwoll- und Maisfelder gibt es dort, Fischerei ist ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor. Spielplätze – dafür gibt es kein Geld. Er muss ganz andere Herausforderungen meistern.

"Unser zentrales Problem ist, dass die Industrie zusammenbricht. Die Unternehmen gehen woanders hin, nach Bulgarien. Es gibt kein sicheres Umfeld für Investitionen und das führt zu Arbeitslosigkeit. Deswegen haben wir auch einen Lebensmittel-Laden und eine Apotheke, die wir mit Geldern unterstützen – und bieten auch Nachhilfe an."

Engagement für eine bessere Nachbarschaft

Der 56-Jährige ist beeindruckt. Besonders die Teilhabe in dem Kiez, das Engagement der Menschen für eine bessere Nachbarschaft begeistert ihn. Zurück in Griechenland möchte er die Bürger ebenfalls stärker in Entscheidungen einbinden.

"Wir müssen mit den Bewohnern sprechen. Das haben wir noch nie gemacht. Wir wollen einen Spielplatz bauen, was möchtet ihr für einen? Es macht keinen Sinn einen so zu bauen, wie ich es möchte, der nicht zu 100 Prozent sinnvoll ist für die, die ihn nutzen."

Neben ihm steht Frank Edelmann, Bürgermeister der Gemeinde Steinach im Schwarzwald und Mitarbeiter in der Deutsch-Griechischen Versammlung, die den Austausch zum fünften Mal organisiert. Der Kommunalpolitiker findet gerade jetzt die persönliche Begegnung so wichtig. Und das hier jeder spürt, er kann auch etwas vom anderen lernen.

"Er sagt uns, wie unendlich groß die Hilfsbereitschaft auch in Griechenland ist, im ehrenamtlichen Bereich. Wo es ja oftmals an den erforderlichen Strukturen staatlicherseits noch viel mehr mangelt, als es bei uns der Fall ist. Sie zeigen uns, wie viel durch Ehrenamt tatsächlich im Bereich der Flüchtlingsbetreuung auch erledigt werden kann. Da können wir auch von unseren griechischen Kollegen sehr viel lernen."

Die deutsch-griechische Versammlung hat in diesem Jahr das Motto: "Die Kommune durchbricht die Mauer der Krise." Und irgendwie scheint es, als ob der Spielplatz am Ende der Tour dann auch für Efthimios Fotopoulos mehr und mehr in den Hintergrund tritt.

"Ich bin hergekommen, um die deutsch-griechische Freundschaft zu stärken und zu sehen, was wir gemeinsam erreichen können. Die Kommunikation ist wichtig und darin liegt das Hauptinteresse. Miteinander reden und nicht anderen das Feld überlassen, das führt nur zu Problemen und Feindschaften."

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