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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 21.01.2015

Deutsch-deutsche GeschichtenDer Blues aus Buschdorf

Von Dieter Bub

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Ein abgestorbener Baum auf einem Feld in Brandenburg. (imago/blickwinkel)
Ein abgestorbener Baum auf einem Feld in Brandenburg. (imago/blickwinkel)

Der Lebensweg von Hans Minge und seiner Frau Karola führt von Ost- nach Westberlin in die Südsee und zurück nach Brandenburg. Eine Odyssee voller Abenteuer und Gefahren - und mit einem Happy End mit Blues.

"Das ist eine dreisaitige Gitarre, die ich aus einer Zigarrenkiste gebaut habe, mit reichlich Mühen, mit der ich seit zwei Jahren Musik mache. Die klingt sehr eigenartig. Ich spiele die normal mit Fingern und ich spiele die auch mit dem Stahlrohr."

Wer Hans Minge und seine Frau Karola besuchen will, reist vom Berliner Bahnhof Lichtenberg mit dem "Polen-Express" Richtung Küstrzyn. Von Seelow aus sind es nur wenige Kilometer nach Buschdorf – drei Straßen mit kleinen Bauern- und Siedlungshäusern, eine Kapelle, eine alte Schule, die heute vom Kulturverein genutzt wird.

Hier draußen, im äußersten Osten Deutschlands, haben sich Künstler aus der Großstadt auf der Suche nach Ruhe zurückgezogen. Zu ihnen gehören auch die Minges.

Hans Minge ging es früher in der DDR als Isotopentechniker in der Krebsforschung sehr gut: eine solide Ausbildung, ein guter Arbeitsplatz, ein vergleichsweise hohes Einkommen. Nebenbei leitete der begeisterte Musiker eine Rockband. Dennoch wollte er immer, schon als Kind, die DDR verlassen.

"Ich fühlte mich seit dem Tag des Mauerbaus eingesperrt. Ich war elf Jahre alt und fühlte mich eingesperrt. Die ganzen Jahre fühlte ich mich eingesperrt."

Als Jugendlicher unternahm Hans Minge seinen ersten Fluchtversuch

Mit 13 unternahm der Junge Hans Minge 1962 seinen ersten Fluchtversuch. Zusammen mit einem Freund hatte er bereits die Berliner Mauer erreicht. Mit Hilfe einer Leiter waren sie nach oben geklettert – und wollten gerade auf der anderen Seite herunterspringen, als sie eine Streife der Grenztruppen entdeckte und zurückholte. Die Strafe waren vier Tage Arrest, bis die Aureißer ihren Eltern übergeben wurden.

1978 begegnete Hans Minge auf dem Flur der Akademie der Wissenschaften Karola. Für beide war es die große Liebe. Beide leben lebten in Scheidung, zogen zusammen, hatten ein gutes Leben, aber – die DDR war nicht ihr Land. Ausreiseanträge: abgewiesen. Es gab nur einen Ausweg: die Flucht.

Zwei Vorhaben mussten abgebrochen werden: mit einem großen Heißluftbollon und mit einem selbst gebauten Hubschrauber.

Beim dritten Versuch, den Hans Minge mit Karolas Sohn Andreas in einem Faltboot auf der Ostsee unternimmt, geraten sie in stürmische See, werden an Land zurückgetrieben und festgenommen. Nach ihrer Verurteilung und 14 Monaten Gefängnis werden sie im Juni 1983 freigekauft. Vier Monate danach folgen seine Frau Karola mit den Kindern Maria und Uwe nach Westberlin. Karola findet eine Anstellung als Lehrerin. Hans reist als Spezialist für zerstörungsfreie Werkstoffprüfung quer durch die Bundesrepublik und kontrolliert Werkstoffe mit Röntgengeräten. Doch die Minges sind noch nicht am Ziel. Schon in der DDR hatten sie von der Südsee geträumt.

"Dieses Fernweh ließ ja nicht nach und nachdem wir das Buch 'Die Insel hinter den Inseln' gelesen haben, hat uns das völlig infiziert und wir dachten sogar, wir suchen diese Insulaner auf den Fidschi–Inseln auf. Um vielleicht in einer Community mit denen zusammenleben zu können."

Waghalsiges Abenteuer mit Piratenangriffen, Stürmen und haushohen Wellen

Hans Minge erwarb als Schiff einen englischen Trimaran. Nach vier Jahren intensivem Training auf der Nordsee begann der große Törn.

"Wir waren vier Leute an Bord, hatten drei Betten. Es ging im Drei-Schicht-Betrieb. 14 Monate auf See. Natürlich mit Zwischenaufenthalten in irgendwelchen Häfen mal. Karola, ich, Andreas, der etwa 22 Jahre alt war, und die kleine Maria, die mit neun Jahren aufs Schiff ging und mit elf Jahren runterkam."

Es war ein waghalsiges Abenteuer mit Piratenangriffen, Stürmen und haushohen Wellen.

"Wir träumten mehr von einem alternativen Leben, in der Natur, zum Beispiel auf einer Insel mit einem kleinen Fischerboot, einer Ziegenfarm, alternativer Energie und all das wollten wir dann dort verwirklichen."

Bei ihrer Ankunft im Südseeparadies erlebten sie im September 1990 eine Überraschung: Sie landeten nicht in der Welt, von der sie geträumt hatten.

"Weil sich die Struktur der Familie so verändert hat, dass jetzt die Familie Tourismus wollte und Konsum."

Enttäuscht kehrten sie auf die Hauptinsel Suwa zurück. Hans wurde Unternehmer, schaffte die Voraussetzungen für die Gewinnung und Verarbeitung von einheimischem Honig für Fluggesellschaften im Pazifik und lieferte jährlich 30 Tonnen Kawa-Wurzeln für die deutsche Pharma-Industrie. Karola baute ein Atelier für Textilgestaltung auf.

Zurück im Osten Deutschlands: Begegnung mit alten SED-Genossen

Vier Jahre später musste Karola nach Deutschland zurück. Ihre Eltern waren schwer erkrankt. Hans folgte ihr. Von seinem Geschäftspartner um die Ersparnisse betrogen, mussten sie in Deutschland noch einmal von vorn beginnen - Hans Minge als Strahlenschutzfachmann, der weltweit in Kernkraftwerken Kontrollen durchführte. Als die Minges der Hektik müde wurden, beschlossen sie 1999 noch einmal auszusteigen. Ihr neues Südseeparadies: Buschdorf im Oderbruch.

"Wenn man für wenig Geld mit viel Land etwas kaufen wollte, dann war das eigentlich nur realisierbar im Oderbruch, weil die Preise da so sind, dass wir es uns leisten konnten."

Hier unterrichtet der einstige Rockmusiker nun mit Erfolg Gitarre an der Musikschule, während Karola Kurse in Textildesign gibt. Hans baut ungewöhnliche Instrumente, Musik ist sein Leben.

"Seit acht Jahren hat mich das immer mehr bewegt. Und ich beschäftige mich überwiegend mit altem Blues. Stimmungen mit alten Gitarren und mit alten Stücken."

Nach DDR, Westberlin, Südsee nun: Blues in Buschdorf. Zurück im Osten Deutschlands, in dem sie sich heimisch fühlen und sich zugleich erinnert fühlen. Was sie zuweilen stört, ist die Begegnung mit der Vergangenheit, mit alten SED–Genossen, die der DDR noch immer nachtrauern.

 

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