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Interview | Beitrag vom 10.01.2020

Deutsch-dänische MinderheitenEine Grenzregion, die andere inspiriert

Jørgen Kühl im Gespräch mit Julius Stucke

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Schulkinder halten kleine deutsche und dänische Fahnen. (picture alliance/dpa/Axel Heimken)
Kinder aus Schulen der dänischen Minderheit erwarten im Flensburger Hafen Dänemarks Königin Margrethe. (picture alliance/dpa/Axel Heimken)

Vor 100 Jahren trat der Versailler Vertrag in Kraft. Dann entstand nach Volksabstimmungen eine neue Grenze zwischen Deutschland und Dänemark. Das Zusammenleben der Menschen dort gelte bis heute als Vorbild, sagt Minderheitenforscher Jørgen Kühl.

Ob es der Zaun zwischen zwei Gärten ist oder die Grenze zwischen zwei Staaten: Immer wieder ist der Verlauf von Grenzen strittig, im schlimmsten Fall ist er Grund für Konflikte und Krieg. Eine besondere Grenze feiert in diesem Jahr ihr 100. Jubiläum: die zwischen Dänemark und Deutschland.

Am 10. Januar 1920 trat der Friedensvertrag von Versailles in Kraft. Er sah auch eine Volksabstimmung für die nördlichen Teile Schleswigs vor. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs begann damit ein Neuanfang in der deutsch-dänischen Grenzregion: Bei der Volksabstimmung im Februar 1920 sprach sich eine klare Mehrheit in Nordschleswig für eine Wiedervereinigung mit Dänemark aus.

Einen Monat später stimmten die Menschen in Südschleswig für einen Verbleib in Deutschland. So wanderte Nordschleswig zu Dänemark, Südschleswig zu Deutschland, und es entstanden beiderseits der Grenze Minderheiten.

Geld für eigenständiges kulturelles Leben

Weil Dänen und Deutsche demokratisch darüber abstimmen konnten, wo genau die Grenze gezogen werden wird, gilt dieser Prozess bis heute als eine Besonderheit. Er sei auch der Grund für das friedliche Zusammenleben von Minderheiten auf beiden Seiten der Grenze, sagt Jørgen Kühl, der eine dänische Schule in Schleswig leitet und sich an der Universität Flensburg mit europäischer Minderheitenforschung befasst.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die zwei Länder 1955 gemeinsame Minderheitenregelungen gefunden. Diese seien bis heute der Grund dafür, dass das Zusammenleben in der Grenzregion als Vorbild angesehen wird: "Man hat ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt, um eben den Minderheiten das eigenständige kulturelle Leben zu ermöglichen."

"Es gibt übergeordnete Interessen"

Man könne daraus lernen, auf gemeinsame Interessen zu achten, sagt Kühl: "Zu sehen, was verbindet, anstatt sich darauf zu fokussieren, was teilt. Denn es gibt ja übergeordnete Interessen."

Dieses Verbindende sei im Kalten Krieg auch der gemeinsame Feind Sowjetunion gewesen, eine sicherheitspolitische Zusammenarbeit ebenso wie eine wirtschaftliche Zusammenarbeit. "Und, was ganz wichtig ist: eine Wertegemeinschaft, die Demokratie."

Das Besondere sei auch die Symmetrie: In beiden Ländern leben die jeweiligen Minderheiten etwa 50 Kilometer von der Grenze entfernt: "Wir haben hier also einen gemeinsamen national-kulturellen Raum. Nur diese Symmetrie, aus der auch eine Balance entsteht, die finden wir nicht überall in Europa, wo Minderheitenprobleme gegeben sind. Zum Beispiel in Katalonien, da ist das nicht der Fall." Die deutsch-dänische Grenzregion sei deshalb keine Blaupause für Regionen mit Minderheitenproblemen, aber eine Inspiration.

(sed/dpa)

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