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Vollbild | Beitrag vom 05.12.2020

Detlev Buck über seinen Film "Wir können nicht anders""Ich feiere die Gewalt nicht, sondern die passiert"

Moderation: Susanne Burg

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Szene aus "Wir können nicht anders" mit Peter Kurth (l), Merlin Rose und Kostja Ullmann. Zwei Männer stehen vor einer verschlossenen Sauna, wo sich ein anderer Mann befindet. (Netflix)
Auf Netflix statt im Kino: "Wir können nicht anders" mit Peter Kurth (l.), Merlin Rose und Kostja Ullmann. (Netflix)

Fast 30 Jahre nach seinem Film "Wir können auch anders" kehrt Regisseur Detlev Buck in die ostdeutsche Provinz zurück. In seiner weihnachtlichen Gangster-Groteske "Wir können nicht anders" trifft ein Liebespaar auf Eifersucht, Rache und Mord.

Susanne Burg: "Wir können auch anders", das war der Film, mit dem Detlev Buck 1993 berühmt wurde, eine skurrile Komödie über Ostdeutschland kurz nach der Wende, ein Roadtrip zweier Brüder. Detlev Bucks neuer Film heißt nun "Wir können nicht anders". Eigentlich sollte er ins Kino kommen, aber jetzt ist er bei Netflix zu sehen. Es ist eine schwarze Komödie mit Liebe, Eifersucht, Rache, Mord und einer durchaus blutigen Handlung.

Im Zentrum Edda und Samuel, ein Paar, das in die Provinz reist und dort auf den selbst ernannten Gangsterboss Herrmann und die außer Rand und Band geratenen Männer von der Freiwilligen Feuerwehr trifft. Ich habe mit Detlev Buck gesprochen und ihn erst mal gefragt: "Wir können auch anders" ist vor 27 Jahren erschienen, fanden Sie es jetzt mal wieder an der Zeit, in die ostdeutsche Provinz zu gucken?

Detlev Buck: Das hat mich gereizt. Damals war das ja so ein Neuland, und das war für mich der wilde Osten, und es standen ja auch noch Sowjetsoldaten überall rum, und jetzt haben wir diese andere Reise – es ist eine Rückkehr eines jungen Mädchens nach Hause, die in der Stadt mehr oder weniger lost war, bankrott und muss zurück, bisschen gedemütigt, und nimmt aber einen jungen Professor mit und gerät da unter die Räder. Es ist schon auch ein Porträt, und jetzt, 27 Jahre nach dem Aufbau Ost, weiß man ja, hier und da ist es gelungen, aber hier und da ist aber auch es nicht gelungen.

Und es ist aber nicht nur im Osten der deutschen Provinz so, auch in der westdeutschen, dass teilweise gähnende Leere ist. Der Dorf-Tycoon sagt einen entscheidenden Satz: "Da es euch egal ist, was wir hier machen, machen wir, was wir wollen." Das ist letztendlich auch ein entscheidendes Thema in dem Film.

"Wir können auch anders" von 1993 mit den Schauspielern Joachim Krol, Sophie Rois und Horst Krause. Drei Personen vor einem Auto. (picture-alliance/dpa/United Archives/KPA)"Wir können auch anders" von 1993 mit den Schauspielern Joachim Krol (l), Sophie Rois und Horst Krause. (picture-alliance/dpa/United Archives/KPA)
Burg: Noch mal zur Anlage, es gibt schon so ein paar Vergleichbarkeiten, Sie haben es ja schon erwähnt: Zwei Menschen, dieses Mal kein Bruderpaar, sondern ein Liebespaar reist durch die Provinz, sie stoßen zwar nicht auf Wegelagerer, aber auf Gangster in Uniform, und es entsteht dann so eine Kette von Unliebsamkeiten, denen sich das Paar ausgesetzt sieht. Wie ähnlich haben Sie die Grundstory ganz bewusst angelegt?

Buck: Nein, habe ich nicht bewusst angelegt. Das ist das Heimkehren eigentlich, und man denkt ja immer, da verändert sich nichts, aber da ändert sich alles, und auch die Tonalität ist schärfer geworden. Sie denkt, sie erkennt das nicht mehr wieder, wo sie vor fünf Jahren abgehauen ist, und es ist die Freiwillige Feuerwehr, nach einem desolaten Weihnachtsfest, wo die Emotionen hochschlagen.

Eifersucht kommt auf, Insolvenz, der große Dorf-Tycoon ist insolvent, der dreht völlig am Rad, und dadurch will er eigentlich mal, ich sag mal, zu früh eine Silvesterrakete starten lassen und dreht am 6. Dezember, also am Nikolaustag, völlig durch. Das passiert ja hier und da auch ab und zu. Ich weiß, ja, in der Stadt ist man dann aufgeklärt und sagt, ja, da können wir drüber reden und so was, im Dorf, wenn die Eifersucht durchschlägt und der Betrug da ist – Sophia Thomalla spielt die Ehefrau von dem Sascha Geršak, der den Dorf-Tycoon spielt –, dann gehen da ganz schnelle Handlungen. Ich glaube, pro Jahr werden ja 200 Frauen aus Eifersuchtsgründen umgebracht, das ist auch eine starke Zahl.

"Woher kommt diese Frustration"

Burg: In "Wir können auch anders" gab es ja auch so eine gewisse Wildwest-Mentalität. Hat sich für Sie jetzt diese gewisse Gesetzlosigkeit irgendwie auch durchgesetzt?

Buck: Es passieren solche Dinge schon mal. Klar, ich meine, ich greife zu verstärkten Mitteln, weil sonst nichts deutlich wird, weil es sonst ja boring ist. Ich übertreibe es vielleicht ein bisschen, aber die grundsätzliche Anlage, die da zustande kommt, von der hab ich schon gehört, dass Leute wirklich plötzlich, eben weil sie privat insolvent sind und den Betrug haben, dass sie dann eben alles kurz und klein schlagen. Diese Wut, das ist ja auch eine Wut, die da hochkommt, und die hören wir ja immer. Ich will da jetzt nicht mit der AfD und sonst was ankommen, weil es mir dann auch zu einfach ist, sondern das ist ja viel untergründiger. Ich will es nicht so profan machen, sondern: Woher kommt diese Frustration, die sich dann entlädt in einer Gewalt? Das ist schon ein Thema, finde ich.

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Burg: Diese Frustration, die zeigt sich auch so in anderen Szenen, auch in den Bildern, es herrscht so eine gewisse Hoffnungslosigkeit. Die Jugendlichen, die Sie zeigen, wirken ziemlich grob und verroht, ist schon fast so ein bisschen an der Grenze zur Groteske. War das für Sie in dem Fall das adäquate Mittel der Wahl?

Buck: Ja, ich bin ein großer Bewunderer der Coen-Brüder. Und wenn die "Fargo" machen oder "Fargo", selbst die Serie hat eine ähnliche Tonalität, da ist ja auch alles verroht, und Deutschland ist oft so in filmischen Mitteln zu kleinkariert. Das ist ein Film, und ein Film will etwas ausdrücken, und dadurch greift er zu expressiveren Mitteln, um etwas auszudrücken, sonst ist es ja eigentlich nur dokumentarisch, und das kann dann ein Dokumentarfilm machen. Für mich ist es ein Spielfilm, der zu größeren Mitteln greift und der aber auch eine Sehnsucht hat. Die Musik, die von Konstantin Gropper gemacht wird, ist ja völlig sehnsuchtsvoll, denn dieses verlassene Stahlwerk, wo Peter Kurth ist, da hört man dann die Musik der glorreichen vergangenen Tage. Und ich habe auch viele Leute getroffen, die von dieser Zeit auch immer wieder reden, besonders in der ehemaligen DDR.

"Dann ist das schon eine Bestandsaufnahme"

Burg: Die Coens zum einen, es wird ja auch recht viel geschossen und getötet, und auch das ist überzeichnet, daher kam auch häufiger der Vergleich mit Quentin Tarantino als Inspirationsquelle auf. Würden Sie da auch mitgehen?

Buck: Ich feiere die Gewalt ja nicht, sondern die passiert, und dann ist es eben so. Und bei den Coen-Brüdern wird das auch nicht abgefeiert. Das halte ich für den falschen Vergleich, "Pulp Fiction" da reinzunehmen oder Quentin, der eben das manchmal so übertreibt, dass es dann wieder auch verdaulich wird, oder jeder weiß, das ist jetzt nicht mehr Realität. Wie gesagt, das passiert halt. Wenn der eine da den Degen durch die Brust kriegt und da lange hängt und es heißt: "Wie ist das denn passiert?" "Ja, ich war das nicht." Das hat auch einen, man nennt es den lakonischen Humor von mir aus, das ist mir dann auch wurscht, wie das andere Leute bezeichnen. Ich will da was mit ausdrücken, und wenn man da genau hinguckt, dann ist das schon eine Bestandsaufnahme, oder wundert euch nicht, dass das passiert, was passiert – das sagt der Film aus.

Burg: Dann hat es ja auch so ein bisschen was Westernhaftes, oder?

Buck: Mit dem habe ich ja schon bei "Wir können auch anders" gespielt. In dem Moment, wenn eine Landschaft da ist, und ganz hinten sieht man ein Auto fahren durch einen tiefen, dichten Wald, wobei die Landschaft eben auch zerhackt ist durch große Stromtrassen und durch die neue Pipeline für Gas und was weiß ich, wo das alles für die Stadt mehr oder weniger gespeist wird, damit die Stadt Energie bekommt, und das Land ist ein bisschen nicht idyllisch – es ist nicht alles idyllisch. Ja, also Western, klar, ich bin jemand, der sehr gerne mit solchen Dingen rumspielt, obwohl die Coen-Brüder, die spielen da ja auch genauso mit rum.

Detlev Buck beim NRW Empfang während der Berlinale 2020. Ein Mann im grauen kurzen Haaren schaut in die Kamera. (imago images/Future Image/D. Bedrosian/ Future Image)Detlev Buck: "Für mich ist es ein Spielfilm, der zu größeren Mitteln greift und der aber auch eine Sehnsucht hat." (imago images/Future Image/D. Bedrosian/ Future Image)
Burg: Der Film ist als Kinofilm angelegt gewesen, er sollte jetzt auch Ende des Jahres ins Kino kommen, nun kommt er beim Streaming-Dienst. Machen Sie sich Sorge ums Kino?

Buck: Ja, aber das mache ich mir schon länger, weil das ist natürlich – dieses Angebot, was über Streaming-Dienste – in diesem Fall ist es Netflix – kommt, das finde ich ja auch alles sehr, sehr erfrischend, weil dann was aufgebrochen wird und die alten Gesetzmäßigkeiten durcheinandergebracht werden. Das finde ich immer sehr positiv, was teilweise aber, wo ich denn eben Bedenken sehe, ist, dass eine bestimmte Art von mittleren oder Kleinkinos, dass eine Parallelwelt entstand. Es gibt diese sogenannte Arthouse-Welt, die in den Festivals stattfindet, wenn dieser Film dann einen Preis bekommt, dann kann es sein, dass er dann mit 20.000 Besuchern nach Hause geht, obwohl der in Cannes einen Preis gekriegt hat. Das sind zwei Welten, die stattfinden.

Dann hast du eben die Popcorn-Kinos oder den Mainstream, die großen Events, die Jahrmarktfüller, die dann eben die Kinos dicht machen und dann wie Staubsauger funktionieren. Die Vielfalt im Kino ist noch da, sie wird aber sicherlich nach dieser Krise Corona – ich hoffe, dass das die meisten überleben, aber es hat ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden, wo viele eben was auf kleinen Bildschirmen gucken und nicht mehr so bereit sind, sich im Kino zu treffen. Ein bisschen schade ist das schon, aber andererseits, wie gesagt, es liegt auch an einer Möglichkeit in den Streaming-Diensten, die wirklich neue Dinge probieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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