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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.06.2012

Detektiv in surrealen Sphären

Philippe Claudel: "Die Untersuchung", Kindler Verlag, Reinbek 2012

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Claudels Ermittler lässt sich von absurdem Geschehen einfangen. (AP)
Claudels Ermittler lässt sich von absurdem Geschehen einfangen. (AP)

"Die Untersuchung" ist ein wahrer Albtraum ohne Logik, aus dessen Bann der Leser sich aber nicht mehr befreien möchte. Ein namenloser Ermittler soll Selbstmorde in einer Firma aufklären und gerät immer tiefer in eine absurde Welt hinein.

Philippe Claudel ist nicht gerade ein Meister heiterer Sujets, doch war die Melancholie der "Grauen Seelen", dem Roman, mit dem er international bekannt wurde, voller Poesie, und bereits der deutsche Titel seines zweiten hierzulande erschienenen Romans, "Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung", offenbart, dass selbst ein Flüchtlingsschicksal nicht nur grau sein muss. Eine harte Parallelwelt zeichnet Claudel in "Das Geräusch der Schlüssel", Momentaufnahmen aus seiner elfjährigen Lehrertätigkeit im Untersuchungsgefängnis von Nancy.

In eine wiederum andere, fremde und völlig bizarre Welt führt sein neuester Roman mit dem relativ unverdächtigen Titel "Die Untersuchung". Ähnlich allgemein wird auch der Protagonist vorgestellt, namenlos schlicht "der Ermittler", der in einer ebenfalls namenlosen Stadt Selbstmordfälle in "der Firma" aufklären soll. Wir erfahren wenig Konkretes über diesen Helden ohne Eigenschaften, obwohl wir ihn auf Schritt und Tritt seiner sonderbaren Mission begleiten: "Er war nicht groß gewachsen, etwas rundlich und hatte schütteres Haar. Alles an ihm war unauffällig, von der Kleidung bis zum Gesichtausdruck [ ... ] Seine Erscheinung war so wenig greifbar wie Nebel, wie Träume oder Atem."

Diese kurze Beschreibung ist kennzeichnend für Claudels Vorgehen. Von banalen, allgemein verbreiteten Realitäten - nicht groß gewachsen, rundlich, schütteres Haar - gleitet er sukzessiv in geradezu surrealistische Sphären, was auch für die Handlung gilt. In der Stadt angekommen, steht der Ermittler auf dem Bahnhofsvorplatz, einem "Ensemble aus gesichtslosen Gebäuden", das aussieht "wie unzählige andere Bahnhofsvorplätze auch", wartet offensichtlich darauf, abgeholt zu werden. Doch bereits hier beginnen die Bizarrerien: "Eine Viertelstunde lang stand der Ermittler reglos da", ohne irgendetwas zu unternehmen oder sich auch nur gegen den Schneeregen zu schützen.

Als er schließlich in einer Bar einen Grog bestellt, erklärt man ihm lakonisch, der sei in der elektronischen Kasse nicht vorgesehen. Von diesem banalen, wohl bekannten Irrsinn des modernen Alltags gerät der Protagonist immer tiefer in eine völlig absurde Welt, in der er aber ständig mit Bruchstücken einer Realität konfrontiert wird, die jedem von uns geläufig ist, und die gleichzeitig an die Negativutopien von Huxley oder Orwell erinnern.

Immer tiefer verheddert sich der Ermittler in den Mäandern dieser surrealen Szenerie, ein wahrer Albtraum ohne jede Logik, bar jeder Schönheit und voller Absurditäten. Also eine Geschichte, die man eigentlich nicht lesen möchte. Aber so wie der Ermittler sich von den Geschehnissen einfangen lässt, ohne den Rückzug anzutreten oder auch nur zu versuchen, den Kontakt mit der normalen Außenwelt, aus der er in dieses groteske Universum gelangt ist, aufzunehmen, genauso lässt sich der Leser von dieser Geschichte gefangen nehmen. Denn Philippe Claudel gelingt es, durch ständig neue Überraschungsmomente eine Spannung aufzubauen, obwohl eigentlich bald klar ist, dass es aus diesem Labyrinth kein Entkommen geben kann.

Besprochen von Carolin Fischer

Philippe Claudel: "Die Untersuchung"
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Kindler Verlag, Reinbek 2012
222 Seiten, 18,95 Euro

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