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Profil / Archiv | Beitrag vom 08.03.2011

Detailbesessener Shooting-Star

Die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen

Von Tobias Wenzel

Oksanens literarisches Können ist genauso ungewöhnlich wie ihr Look. (Toni Härkönen)
Oksanens literarisches Können ist genauso ungewöhnlich wie ihr Look. (Toni Härkönen)

Ein Roman, in dem eine Fliege eine bedeutende Rolle spielt, ist die Literatursensation aus Finnland. Geschrieben hat ihn - mit ungewöhnlich scharfem Blick - die preisgekrönte und aufsehenerregende 34-jährige Autorin Sofi Oksanen.

"Ich hatte das nicht groß geplant, eine Fliege in meine Geschichte einzubauen. Sie flog einfach hinein."

"Aliide Truu starrte die Fliege an, und die Fliege starrte zurück. Ihre Augen standen hervor, und Aliide wurde übel. Eine Schmeißfliege. Ungewöhnlich groß, laut und fleißig beim Eierlegen. Sie lauerte darauf, in die Küche zu gelangen, und rieb sich auf der Gardine in der Stube Flügel und Beine, wie um sich auf eine Mahlzeit vorzubereiten."

Eine Fliege als Leitmotiv. Als Metapher für den allgegenwärtigen feindlichen Blick, für das Ausspionieren. Auf dem Schutzumschlag der deutschen Ausgabe des Romans "Fegefeuer" ist eine überlebensgroße schwarze Fliege abgebildet, auf violettem Grund, darauf in weißer Schrift ein Name: Sofi Oksanen. Schwarz, Violett, Weiß - es sind die drei Farben der finnisch-estnischen Autorin. Schwarze Dreadlocks mit violetten Akzenten, schwarze Augenbrauen, violetter Lippenstift. Weiß geschminktes Gesicht.

Diese Frau erregt Aufsehen, nicht nur mit ihrem Gothic-Look, sondern auch mit ihrem literarischen Können. Zum Beispiel mit der Technik, sich beim Schreiben bis zu den Härchen einer Fliege heranzuzoomen, bis zu den Essensresten, die zwischen den Zähnen einer Romanfigur festhängen:

"Mein finnischer Kollege Pentti Holappa hat einmal gesagt: Wenn man nicht pornografisch sein möchte, muss man ins Detail gehen. Je mehr man ins Detail geht, desto einfacher kann man - im wahrsten Sinn des Wortes - über Sex schreiben. Pornografie ist nämlich nie sehr detailliert. Und das gilt, glaube ich, für alle anderen Themen und Gegenstände."

Sofi Oksanen zündet sich eine Zigarette an, auf der Terrasse eines Frankfurter Hotels. Durch eine große Nickelbrille blicken grüne Augen, die hellwach wirken. Und das, obwohl die 34-jährige Autorin, die in Helsinki lebt, verschlafen hat. Der ungewöhnlich scharfe Blick von Sofi Oksanen auf ihre Romanfiguren und auf die Geschichte Estlands und Finnlands hat sie zum Shooting-Star der finnischen Literatur gemacht. Ein Kritiker prophezeit ihr gar den Nobelpreis.

"Fegefeuer" ist Sofi Oksanens dritter Roman. Er verkaufte sich in Finnland besser als "Harry Potter", erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den renommierten Literaturpreis des Nordischen Rates. "Fegefeuer" schildert das Leben und die Begegnung zweier estnischer Frauen. Die eine wird zur Prostitution gezwungen und ist vor ihren Zuhältern auf der Flucht, die andere litt vor einem halben Jahrhundert unter dem Einmarsch der Russen in Estland

Erst misstraut die alte der jungen Estin, bis sie erkennt, dass beide Frauen Opfer der Unterdrückung gewesen sind. Die eine im Kommunismus, die andere im Kapitalismus. Die Geschichte Estlands spielte schon in Oksanens erstem Roman eine wichtige Rolle.

"Ich bin inmitten der estnischen Geschichte aufgewachsen. Geschichte war allgegenwärtig im sowjetischen Estland. Allein wegen der Besatzung. Viele Menschen wussten doch nicht, was sich auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs befand. Aber das wurde mir und meiner Familie immer dann klar, wenn wir wieder nach Finnland reisten. Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert. Man muss sich nur die estnische Architektur ansehen. Darin sind überall die unterschiedlichen Schichten der Zeit gespeichert."

Geboren wurde Sofi Oksanen 1977 in Jyväskylä in Mittelfinnland als Tochter eines finnischen Elektrikers und einer estnischen Ingenieurin. Sie wuchs zweisprachig auf, größtenteils in Finnland, reiste aber immer wieder nach Estland, studierte später in Helsinki Literaturwissenschaft und Dramaturgie.

Sie mischt sich gern in gesellschaftspolitische Diskussionen ein und ist bekennende Feministin:

"Selbst als Kind kam es mir vollkommen normal vor, eine Feministin zu sein. Ich habe viele feministische Autorinnen gelesen. Ich dachte also: 'Alle Frauen sind doch Feministinnen!' Als ich dann meinen ersten Roman veröffentlichte, sprach ich auch über den Feminismus, war dann aber sehr überrascht, als dieser Aspekt Schlagzeilen machte. Das sollte doch keine Schlagzeilen machen. Jeder, der sich für Gleichheit ausspricht, ist doch in gewisser Weise ein Feminist."

Einige Menschen können offensichtlich nicht damit umgehen, dass Sofi Oksanen so vieles zugleich ist: Feministin, junge charismatische Frau mit einem schillernd-anderen Äußeren, die Finnisch schreibt, aber auch Estnisch spricht, Finnlands literarischer Exportschlager. Eine Schriftstellerin, die eine Fliege zum Leitmotiv ihres Romans gemacht hat. Wohl auch wegen einer Erfahrung, die aus jener Zeit ihrer Kindheit stammt, in der sie besonders oft zwischen Finnland und Estland pendelte:

"Für mich war der größte Unterschied zwischen Ost und West die Anzahl der Fliegen. Wenn man die Grenze zur Sowjetunion überschritt, stieg die Anzahl der Fliegen bis ins Unerträgliche. In Finnland haben wir nicht so viele Fliegen."

Service:
Der Roman "Fegefeuer" von Sofi Oksanen, aus dem Finnischen von Angela Plöger übersetzt, ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

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