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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 15.03.2006

Gefangen in Schwermut

Die Ausbreitung depressiver Erkrankungen

Von Robert Schurz

Manchmal kann man einfach nicht mehr weiter (AP-Archiv)
Manchmal kann man einfach nicht mehr weiter (AP-Archiv)

Laut der Weltgesundheitsorganisation sind Depressionen mittlerweile Volkskrankheit Nummer eins, und das nicht nur in westlichen Industrieländern. Laut Schätzungen erkrankt jeder 15. Bundesbürger mindestens einmal in seinem Leben an einer behandlungsbedürftigen Depression und es wird damit gerechnet, dass die Depression als Ursache für Arbeitsausfälle bald an erster Stelle aller Erkrankungen liegen wird.

Tagebucheintragung: "Mittlerweile schlief ich viele Nächte überhaupt nicht. Ich fühlte mich völlig kraftlos, zu gar nichts mehr fähig und musste mich doch da und dort hin schleppen. Eigentlich rechnete ich jeden Tag damit, dass ich vor Erschöpfung sterben würde, und das wünschte ich mir auch. Einfach nur Ruhe haben und alles ist vorbei."

Klaus Theweleit: "Nein, die Psyche ist im Prinzip genauso wenig an jede Welt anpassbar, wie die Lunge. Bei der Lunge ist das einfach beschreibbar: da kann man sagen, bei einer bestimmten Menge Sauerstoff, die nicht mehr da ist, und das Blut kann das nicht mehr umsetzen, dann klappt dieser Körper zusammen."

Laut übereinstimmenden Berichten der Kassen und diverser anderer Institutionen gibt es eine nicht-infektiöse Erkrankung, die im Laufe der letzten Jahre wie keine andere zugenommen hat. Während Herz-Kreislauf-Beschwerden und Schädigungen des Muskel-Gelenksystems konstante Häufigkeiten aufweisen, hat diese Erkrankung in den letzten zwanzig Jahren eine Steigerungsrate von mehreren hundert Prozent erfahren. Die Symptome laut Psychatrie-Lehrbuch von Redlich und Freedman sind:

"Typische Anzeichen einer depressiven Episode sind eine gedrückte Stimmung und eine deutliche Verminderung von Antrieb und Aktivität. Die Fähigkeit zur Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Ausgeprägte Müdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind fast immer beeinträchtigt. Typisch sind auch Früherwachen, Morgentief, deutliche psychomotorische Hemmung, Libidoverlust, Druck- und Schwergefühle."

Die Weltgesundheitsorganisation spricht von der Depression als Volkskrankheit Nummer eins. Sie hat epidemische Ausmaße erreicht, nicht nur in den westlichen Industrieländern. Die Ersatzkassen rechnen sogar damit, dass die Depression als Ursache für Arbeitsausfälle bald an erster Stelle aller Erkrankungen liegen wird. Jeder fünfzehnte Bundesbürger, so übereinstimmende Schätzungen, ist mindestens einmal in seinem Leben an einer behandlungsbedürftigen Depression erkrankt, mit steigender Tendenz.

Zynisch gesprochen also eine Erfolgsstory. Es liegt der Verdacht nahe, dass die Ausbreitung der Depression etwas mit der Verfassung unserer Gesellschaft, mit unserem Typus von Zivilisation zu tun hat. Der Psychohistoriker Klaus Theweleit beschreibt, wie dramatisch sich unsere soziale Umwelt für die einzelne Psyche innerhalb nur einer Generation gewandelt hat:

"Also wenn ich den Unterschied wirklich beschreiben wollte zwischen dem Hirn und Psyche meines Vaters und meiner, was der um 1910, da war er zehn Jahre alt und als der Krieg anfing vierzehn, gesehen hat von 'der Welt' das waren außer seinem ostpreußischen Land, der Schule, dem Weg dahin, die Felder, die Leute, die Häuser, die Pferde und was es da gab, ein paar Bilderbücher und sonst nichts. Und wenn ich dagegen setzte, was ich mit vierzehn im Kopf hatte an Klängen, was ich an Musik gehört hatte über Radio, über Schallplatten, was ich im Kino gesehen hatte, mit spätestens sechzehn nun alle Teile der Welt, das war das, was dieses Koordinatensystem im Kopf hergestellt hat. Könnte ich als Person, wenn ich meine Psyche beschreiben wollte und diesen Unterschied weglassen würde, dann käme Blödsinn raus."

Die Vorläuferin der Depression, die Melancholie gab es schon lange und bereits Albrecht Dürer stellte in seinem berühmten Bild Melencolia 1514 eine Stimmungszustand dar, der auch als Schwermut bezeichnet wurde. Die Schwermut ist jedoch nur ein Teil der Depression, wie die Psychotherapeutin Sigrid Lunk aus Frankfurt klarstellt:

"Also das mit der Schwermut trifft die Sache nur peripher. Klar grübelt man in so einer Lage über Gott und die Welt nach und findet alles sehr schrecklich, aber das ist nicht das Leitsymptom. Nach meiner Erfahrung ist das wie große Müdigkeit, -das Gefühl, Blei in den Gliedern zu haben."

Die Melancholie wurde ausgiebig als kulturelles Phänomen beschrieben: ein Weltschmerz, der einer bestimmten Welterfahrung folgt. Der Soziologe Wolf Lepenies definiert das Phänomen in seinem Buch "Melancholie und Gesellschaft" so:

"Melancholie ist ein Zustand der Psyche. Er bildet sich aus oder wird ausgebildet, wenn die Resignation den Charakter der Endgültigkeit angenommen hat. Handlungshemmung ist Ursache oder Folge, manchmal beides zugleich in dem Sinne, dass die erzwungene Handlungshemmung sich bis in Bereiche erstreckt, in die Macht von außen gar nicht gelangen kann. Davor ist Weltverlust in dem Sinne zu beobachten, dass in Richtung auf Welt gar nicht mehr gehandelt werden kann."

Soziologisch gesehen ist Depression oder Melancholie ein Zustand individueller Resignation, der durch äußere Fakten begünstigt wird. Dass eine bestimmte Epoche und eine bestimmte Kultur spezifische psychische Zustände fördert, scheint relativ plausibel. Es gibt in der Weltgeschichte in der Tat Perioden der Angst, der Euphorie oder der Aggression.

Klaus Theweleit: "Wenn jemand zu einem Krieger erzogen worden ist, auf eine bestimmte Weise gedrillt worden ist, dann hat er eine ganz bestimmte Psyche, die daraus resultiert. Die Depression als Melancholie blieb vor dem letzten Jahrhundert den oberen Schichten vorbehalten: wer um sein täglich Brot kämpfen musste, konnte sich einen Weltschmerz kaum leisten. Doch gerade die Ärmsten der Armen, etwa das vielzitierte Lumpenproletariat zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts hätte in seinem Elend massenweise resignieren und depressiv werden müssen, tat es aber nicht. So ist Depression nicht nur als Reaktion auf Chancenlosigkeit zu verstehen, aber sie ist heute auch nicht mehr ein Privileg der Besserverdienenden."

Sigrid Lunk: "Man kann das keiner Schicht oder Klasse zuordnen. Ich habe schwer depressive Menschen in Behandlung, die einfachste Arbeiter sind. Die Putzfrau aus dem Kosovo oder der arbeitslose Lagerarbeiter. Früher waren die Frauen stärker betroffen, aber die Männer holen auf."

Die Geschichte beginnt wahrscheinlich kurz vor dem ersten Weltkrieg: damals erlebte die Melancholie als kulturelle Attitüde einen Höhepunkt. Die Sinnlosigkeit des Daseins wurde vor der Kulisse eines drohenden Untergangs einer ganzen Epoche augenscheinlich und entsprechend schlug sich das in der Stimmung der Individuen nieder. Wie etwa beim Lyriker Georg Trakl in seinem düsteren Gedicht: Melancholie.

"Ein Stoppelfeld. Ein schwarzer Wind gewittert.
Aufblühn der Traurigkeit Violenfarben.
Gedankenkreis, der trüb das Hirn umwittert.

An Zäunen lehnen Astern, die verstarben.
Und Sonnenblumen schwärzlich und verwittert;
Da schweigt die Seele grauenvoll erschüttert
Entlang an Zimmern, leer und dunkelfarben."

Es ist sicher kein Zufall, dass Sigmund Freud ausgerechnet zu der Zeit, in der dieses Gedicht entstand, seinen Aufsatz über Trauer und Melancholie veröffentlichte, eine Studie die das psychoanalytische Verständnis der Depression bis heute prägen sollte. Kernstück bei ihm ist die Abgrenzung zur "normalen" Trauerreaktion.

"Die Melancholie ist irgendwie auf einen dem Bewusstsein entzogenen Objektverlust zu beziehen. Der Melancholiker zeigt etwas, was bei der Trauer entfällt, eine außerordentliche Herabsetzung seines Ichgefühls, eine großartige Ich-verarmung. Bei der Trauer ist die Welt arm und leer geworden, bei der Melancholie ist es das Ich selbst."

Sigrid Lunk: "Naja, es ist schon veraltet aber auch irgendwie nicht. Die Kernaussagen habennoch heute ihre Gültigkeit, bei den meisten Therapeuten. Entscheidend ist doch der Zusammenhang von Verdrängung und der Depression. Natürlich hatte Freud nicht das heutige Konzept. Wir gehen davon aus, das unbewusste Aggressionen ebenfalls eine große Rolle bei der Bildung eine Depression spielen. Und physiologisch gibt es auch Faktoren, die heute bekannt sind und eine Rolle spielen."

In der Tat hat die physiologische Forschung zur Depression in den letzten Jahren einige Fortschritte erzielt. So spielt der Botenstoff Serotonin bei der Entstehung depressiver Stimmungslagen wohl eine entscheidende Rolle. Die körpereigene Produktion von Serotonin wiederum ist von verschiedenen Faktoren abhängig: neben genetisch bedingten Unterschieden spielen auch die Sonne und das Licht eine Rolle.

Außerdem, und das macht die Sache erst recht kompliziert, sinkt die Serotonin-Produktion wiederum durch das typisch depressive Verhalten selber: wer lange Zeit inaktiv ist, bei dem bildet sich auch diese Substanz in geringerem Maße aus. Die physiologische Forschung und ihre Erfolge, welche insgesamt doch eher bescheiden ausfallen, dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei der Depression in erster Linie um ein psychisches Phänomen handelt.

"Aus dem Tagebuch einer Depression. Aber so einen richtigen Sinn habe ich nie gesehen. Warum lebe ich? Und was bleibt von mir, wenn ich mal sterbe? Was bleibt erhalten? Was habe ich den Menschen gegeben oder was kann ich überhaupt geben?"

Das Tagebuch, aus dem dieser Eintrag stammt, wurde im Internet in einem Forum veröffentlicht, in dem sich von Depression betroffene Menschen untereinander austauschen. Die Tagebuchschreiberin ist ein typischer Fall: etwa um das dreißigste Lebensjahr stellt sich die erste massive depressive Verstimmung ein, nachdem zuvor ihr Leben zwar nicht unkompliziert, aber doch ohne größere Krisen verlief.

Auslöser waren Schwierigkeiten in der Ehe: es folgte die Berufsunfähigkeit und trotz medikamentöser Behandlung gelang es der Tagebuchautorin nicht, sich aus dem Dunkel der Depression zu befreien. Erst eine langwierige Psychotherapie brachte allmähliche Besserung.

In den zwanziger Jahren verlor sich allmählich die melancholische Atti-tüde und ihr folgte, so könnte man es nennen, die manische Phase des deutschen Größenwahns, der schließlich im Zusammenbruch endete. Es war aber kein psychischer Zusammenbruch: die Arbeit in den Ruinen scheint damals eine depressive Epidemie verhindert zu haben.

In der Nachkriegszeit bis in die sechziger Jahre waren psychische Erkrankungen laut Statistik von völlig nebensächlicher Bedeutung. Doch eine Entwicklung bereitete sich schon damals vor. Klaus Theweleit erwähnt in diesem Zusammenhang den Soziologen Marshall MacLuhan.

Klaus Theweleit: "Wenn man Marshall MacLuhan nimmt, der in den Dreißigern solche Ideen hatte und in den Fünfzigern formuliert, um fünfzig herum, dass er sagt, die menschliche Psyche ist angefangen, auszuwandern aus dem menschlichen Körper und zwar in bestimmte Geräte hinein. Die Mikroelektronik gibt es noch nicht zu diesem Zeitpunkt, aber es gibt elektrische Geräte und der hat diese Idee genau schon am Elektrischen.

Im Moment der Elektrik, wo das Moment der Bewegung nicht mehr nachzuvollziehen ist, das Tempo des Stroms, man schaltet ein, er ist überall. Und die Psyche sozusagen der einzelnen Körper kommt dem jetzt hinterher und lernt das nach. Das beschreibt er mit diesem Begriff der Betäubung. Deswegen sagt er, sind alle neuen Techniken zuerst betäubend, weil sie einige Funktionen des menschlichen Körpers und der menschlichen Psyche besser können, besser beherrschen. Das hält der Mensch im Zusammenprall damit erst mal nicht aus und schaltet ab."

Mit der Studentenbewegung wurde auch die Psychoanalyse populär und das hatte Auswirkungen auf zwei Ebenen. Zum einen bildete sich eine gewisse Sensibilität für psychische Probleme, zum anderen wurde der Zusammenhang von Gesellschaft und psychischem Leiden thematisiert. Ein Modeautor dieser Zeit, Dieter Duhm schreibt:

"Der durch Herrschaftsverhältnisse, Warenbeziehungen, Konkurrenz- und Leistungsprinzip verstümmelte Mensch der kapitalistischen Gesellschaft, der Mensch, der seine Individualität und Autonomie aufgeben musste für den privaten Profit der Wenigen, der fremden Mächten ausgelieferte Mensch, dem es manchmal schlecht wird vor Angst, dieser durch und durch entfremdete Mensch reproduziert sein Elend in seinen Kindern. Er verliert sein Ich. Der so definierte Ich-Verlust ist also eine konsequente Erscheinung des fremdbestimmten Lebens."

Sigrid Lunk: "Tja, damals war der Kapitalismus schuld. Die Ausbeutung, die Entfremdung. Das schuf psychische Probleme, Ängste Depressionen und so. Das war so herrlich einfach aber leider war es viel komplizierter. Viel komplizierter. Trotzdem: ganz falsch war das nicht. Ständiger Konkurrenzdruck ist sicher auch ein Grund für depressive Zustände, oder auch heute: tja, Angst um die Arbeitsplätze, die nimmt zu."

Es folgte ein sprunghafter Anstieg von Psychotherapien wobei aber die Diagnose Depression nicht häufiger auftrat als andere, wie zum Beispiel Zwangsneurose oder Hysterie. Es handelte sich damals um eine Art Mode, die ihren Höhepunkt in den achtziger Jahren erreichte. Ende der achtziger Jahre schließlich begann dann die rapide Verbreitung der depressiven Erkrankungen quer durch alle Schichten, was dazu führte, dass heute die WHO von einer Volksseuche spricht. Was könnte diese neue Entwicklung ausgelöst haben? Theweleit mit einer ersten Spur:

Klaus Theweleit: "Gut, die Phantasie geht darüber oder der Gedanke oder die Befürchtung, wie man will, dass jetzige Jugendliche, die überwiegend an solchen Geräten, an elektronischen Geräten hängen, nicht mehr das ausbilden, was im Sinne der alten Psyche im Freudschen Sinne oder auch in unserem Sinne, eine Realitätsvorstellung war oder ein Realitätsbewusstsein, wie man es nennen will. Dass sie also in einer anderen Sorte Realität aufwachsen, die diese Unterscheidung nicht mehr nötig hat."

Oder sollte man von Weltverlust sprechen? Auffällig ist doch, dass der rasante Anstieg der Depressionen mit dem Siegeszug der Informationstechnologie zusammenfällt. Dabei geht es nicht nur um Computer, sondern gleichermaßen um die Medialisierung der Welt. Der heutige Mensch muss sich nicht nur mit einer so genannten realen Welt auseinandersetzen, sondern auch mit einer virtuellen. Die Psychologie-Professorin Christel Schachtner aus Marburg sieht darin Chancen und Gefahren:

"Eine Überforderung könnte es dann sein, wenn die Welt jenseits des Netzes sehr unattraktiv geworden ist, sehr frustrierend ist für Kinder und Jugendliche und das Netz wirklich zum Fluchtpunkt geworden ist. Das habe ich so in eigenen Untersuchungen auch erfahren."

Welche Zäsur stellt die Informationstechnologie und damit auch die Möglichkeit künstlicher Welten für die Psyche dar? Die Zäsur wird durch drei Faktoren geprägt: zum einen durch die Freisetzung von Energien, zum anderen durch die mediale Besetzung der Lebensprojektionen und drittens durch die reale Ohnmacht der Menschen in einer technischen Umwelt und in einer sich globalisierenden Gesellschaft. Die Freisetzung von Energien ist einfach ein Effekt der Technik: der Traktor erspart dem Ochsen und die Dreschmaschine dem Bauern die Arbeit.

Die Informationstechnik ersetzt zumindest Teile der geistigen Arbeit. Die Freisetzung des menschlichen Geistes durch den Computer sollte zu einer Veredlung und Bereicherung des Menschen führen; er sollte nun endlich Zeit haben, sich zu bilden, seinen kreativen Neigungen nachzugehen, etwa dem Malen, Dichten oder Musizieren. Er könnte sich aber auch auf andere Weise bereichern, etwa indem er sein Geschlecht wechselt. Wieder Frau Professor Schachtner:

Christel Schachtner: "Also ich kenne Äußerungen von Usern, die sagen, dass sie auf diese Weise mal erfahren wollten was es heißt, ein Frau zum Beispiel zu sein und aus den Reaktionen der anderen zu merken, was es heißt, eine Frau zu sein und umgekehrt: Frauen in eine männliche Rolle zu schlüpften, dort plötzlich, in dieser Rolle wagten, selbstbewusster aufzutreten, auch aggressiver zu sein und erfahren haben, dass sie dies dann auch in ihren Alltag jenseits der Maschine übertragen können."

Der zweite Effekt jener Zäsur, die etwa vor zwanzig Jahren stattfand, ist die Enteignung der Lebensentwürfe. Früher gab es den Bereich der Wünsche, der Utopien, der Phantasien, der Träumereien. Dieser privateste Bereich wird durch die informationstechnische Revolution und die Medien unterwandert. Was diese Entmachtung bedeutet, kann man sich ansatzweise an einem einfach Effekt klarmachen: wenn man ein Buch gelesen hat, so sind die Bilder dazu frei.

Sieht man aber die entsprechende Figur auf einem Bild oder in einem Film, so wird sich die eigene Phantasie nicht mehr von dieser Vorgabe befreien können. Die mediale Bilderflut lässt kaum mehr Raum zu eigenen Vorstellung: die Menschen leben in einer TV-Realität, die ihre Phantasie besetzt. Dabei entstehen ungeheure Ansprüche. Die Menschen sind einer Welt voller Versprechungen ausgesetzt und derjenige, der auf die Einlösung dieser Versprechen vergeblich wartet, steht unter einem ständigen Druck.

Klaus Theweleit: "Man sieht, dass es das gibt, es gibt bestimmte Reichtümer, man kommt da nicht ran, es gibt Beweglichkeiten auf dieser Welt, man kann das nicht tun und entwickelt Begehrlichkeiten."

Jeder Film im Fernsehen gibt ein Modell, wie man leben soll, wie man auszusehen hat, welche Ansprüche auf Luxus aber auch an die Mitmenschen man haben darf. Da zudem unsere Marktwirtschaft auf dem Prinzip beruht, eine Nachfrage nicht abzuwarten, sondern zu erzeugen, halten zwangsläufig unerfüllte Wünsche, denn durch nichts anderes entsteht die Nachfrage, den Betrieb unserer Gesellschaft aufrecht. Die mediale Welt bedient dieses Getriebe der ständigen Begehrlichkeit, die etwa auch für die moderne Kurzlebigkeit von Partnerschaften und Ehen mitverantwortlich sein dürfte.

Christel Schachtner: "Ich beobachte, dass es tatsächlich so eine Tendenz gibt, alles zu erreichen, dass jetzt Jugendliche und Heranwachsende versuchen, sich möglichst alle Optionen offen zu halten und auch nirgendwo lange zu bleiben, schnell von einem Kontext in den anderen springen, damit ihnen ja nichts entgeht. Und da sehe ich schon ein Stück ein Problem, denn ich glaube, was wir für das soziale Zusammenleben brauchen ist so ein Stück Verbindlichkeit und auch Ausharren an einem Ort."

Demgegenüber steht als dritter Faktor die reale Ohnmacht der Menschen heute. Diese Ohnmacht ist relativ: der Bewohner der dritten Welt ist auch dem Versprechen des globalisierten Fernsehens ausgeliefert, aber er kann Handlungsmöglichkeiten denken; er kann, auch unter Einsatz seines Lebens versuchen, in die erste Welt zu gelangen, um dort das Versprechen einzulösen. Das wesentliche Moment der Ohnmacht ist der Verlust der Utopie.

Der Zeitgenosse heute ist fast aller Utopien beraubt: auch wenn er versucht, aus dem gesellschaftlichen Betrieb auszusteigen, entspricht das eher einer Abwehrhaltung als der Vision eines glücklichen Lebens. Passend dazu ist eine Untersuchung, wonach die Depression auch in Ländern der Dritten Welt in den letzten Jahren signifikant zugenommen hat, und zwar genau in jenen Ländern, die die größten wirtschaftlichen Fortschritte verzeichnen konnten. Die Ärmsten der Armen leben von der Utopie eines besseren Lebens: sie durchqueren die Wüste, überschiffen unter abenteuerlichen Bedingungen die Meere und erst in der ersten Welt werden sie ihre Ohnmacht erfahren und eventuell depressiv werden.

"Aus dem Tagebuch einer Depression. Da war eine Anspannung, Unruhe, dass ich nicht stillsitzen oder liegen konnte. Ich musste durch die Wohnung laufen. Wenn ich doch saß, zitterte ich oder trommelte mit den Fingern, musste mit den Füßen oder dem Oberkörper wippen, ich konnte mich nicht beruhigen. Es war aber nur körperlich, ich fühlte nichts dabei. Nichts. Ich war nicht traurig oder niedergeschlagen, nur hohl und leer. Und etwas beunruhigt darüber, was da mit meinem Körper geschieht. "

Die Tagebuchautorin erlebt sich selber als unfähig zu allem. Der zentrale Satz ist: "Ich schaffe es einfach nicht, auch wenn ich mich noch so sehr bemühe." Sie will durchaus arbeiten gehen, ihren früheren Hobbys frönen und fröhlich sein. Sie weiß noch, wie schön alles sein könnte, aber dieses Wissen ist abstrakt. Bei der Depression geschieht so etwas wie eine Enteignung des Willens, eine ungeheure Hilflosigkeit, die in letzter Konsequenz auch Angst auslöst.

"Aus dem Tagebuch einer Depression. Beim Aufwachen sitzt es auf meinem Bett, das große dunkle Nichts. Es sagt, dass es keinen Sinn hat, aufzustehen. Lähmung. Mich wundert oft, dass ich es überhaupt schaffe, aus dem Bett zu kommen."

Es sind also drei Phänomene, die in der informationstechnischen und fast vollständig medialisierten Umwelt des Menschen in den letzten zwanzig Jahren zunehmend eine Wirkung entfalten: die Enteignung der Lebensentwürfe, die Konfrontation mit ungeheuren Ansprüchen und die reale Ohnmacht. In dieser Dialektik von Machtversprechen und Entmachtung, so könnte man das nennen, scheitert die Psyche und findet Asyl in der Depression.

Sigrid Lunk: "Ja, man kann es so nennen, aber es ist kein Asyl, weil Asyl bedeutet auch immer Sicherheit und Ruhe. Die Depression hat aber keine Sicherheit und Ruhe und das äußert sich dann doch sehr oft als Angst. Angst und Depression treten sehr oft gemeinsam auf."

Diese fehlende Balance zwischen Glücksanspruch und den realen Versagungen spielt sich in der Arbeitswelt ebenso ab wie in den alltäglichsten und privatesten Dingen. Ständig läuft man ungeheuren Ansprüchen hinterher, etwa in der Partnerschaft. Seitdem es das Versprechen des idealen Partners gibt, werden an die Hälfte aller Ehen geschieden. Das Individuum ist fortwährend auf der Suche und scheitert doch immer wieder; noch nie war die reale Vereinsamung so hoch wie heute. Zudem wird der Mensch aus tradierten familiären Strukturen gerissen.

In der Herbstzeit beginnt für viele bereits die Zeit der Winterdepression (AP)In der Herbstzeit beginnt für viele bereits die Zeit der Winterdepression (AP)"Aus dem Tagebuch einer Depression. Ich kann gar nicht beschreiben, was ich heute früh gedacht habe. Wohl, weil ich dabei gar nichts dachte. Nur das Gefühl von totaler Leere, von Resignation und Hoffnungslosigkeit. Ich habe mir auch heute wieder den Fernseher angestellt, aber nichts interessiert mich, es ist mir fast zu anstrengend, eine Sendung zu verfolgen. Ich werde ihn wieder ausmachen, die Geräusche nerven mich."

Auch die Arbeitswelt folgt diesem Mechanismus. Es existiert das ständige Versprechen, dass jeder aufsteigen, zur Elite der Gesellschaft gehören kann, wenn er sich nur anstrengt. Die amerikanische Mär vom Tellerwäscher mag im Amerika vor hundert Jahren noch ein Stück Wahrheitswert besessen haben: heute handelt sich es um einen anachronistischen Mythos, auch wenn der mögliche Aufstieg durch das lebenslange Lernen überall angepriesen wird. Selbst der Facharbeiter sollte noch studieren können; real ist aber eine festgeschriebene hohe Arbeitslosigkeit und eine Unsicherheit im Berufsleben nie gekannten Ausmaßes. Keiner weiß sich sicher. Auch hier die Kluft zwischen ungeheurem Versprechen und der realen Ohnmacht.

Wir leben in einer Optimierungsgesellschaft, deren Botschaft lautet: Bescheide dich nicht! Diese Botschaft dringt anscheinend in die Menschen ein und erzeugt eine Anspannung, die beim Einzelnen immer öfter zum Zusammenbruch führt. Natürlich spielen die schon erwähnten erblichen oder dispositionellen Faktoren eine Rolle: die genetische Ausstattung aber auch Kindheitserlebnisse prägen die Resistenz der einzelnen Individuen gegenüber diesem gesellschaftlichen Druck.

Genetische Ausstattung und die Anzahl schwieriger Kindheiten jedoch haben sich im Laufe der letzten Jahre aber nicht wesentlich verändert, und so muss wohl die Zivilisationsdynamik für den sprunghaften Anstieg der Depression verantwortlich gemacht werden. Die Anforderungen an die Psyche haben ein kritisches Ausmaß erreicht, und die Frage ist, ob die menschliche Psyche überhaupt in der Lage ist, jenen Anforderungen zu genügen, die Frau Professor Schachtner so formuliert.

Christel Schachtner: "Wir brauchen eine Psyche, die sich aus verschiedensten Facetten zusammensetzt, die auch widersprüchlich sein können, nicht nur verschieden, und dass wir es trotzdem schaffen, diese Verschiedenheit in uns, also das Ausland in uns auch zusammen zu halten, dass wir eine Form finden, wie wir diese Facetten zusammenbringen."

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