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Studio 9 | Beitrag vom 07.03.2019

Online-Handel und UmweltNeues Fahrzeug für Paketdienste

Von Ernst-Ludwig von Aster

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  (Ernst-Ludwig von Aster)
Strampeln im Trockenen: So sieht das neue Gefährt aus. (Ernst-Ludwig von Aster)

Der Online-Handel boomt, aber die Paketdienste haben ein Image-Problem: Sie verstopfen die Straßen und verpesten die Luft. Ausgerechnet ein Autodesigner will nun Abhilfe schaffen.

Drei Männer eilen durch die alte Maschinenhalle. Links steht eine Tischtennisplatte, rechts ein umgebautes Motorrad. Ein Stückchen weiter schrauben Tüftler an einem alten VW.

"Ich freue mich immer, wenn ich Auto so sehe, speziell, wenn sie ein bisschen älter sind."

Murat Günak grinst. Jahrelang war er Chefdesigner bei VW, hat den Scirocco oder der Tiguan designt.
Das Trio stoppt vor einer weißen Sperrholzwand. Darauf steht "ONO-Prototyping-Center". Phillip Kahle, der Fahrzeugtechniker, schließt auf.

Eine Mischung aus Lastenrad und Elektroroller

Links in der Werkbox parkt ein schlankes Fahrzeug, gut drei Meter lang, zwei Meter hoch, vorne ein Cockpit, hinten eine Kiste, eine Mischung aus Lastenfahrrad und Transporter. Die Längs-Seiten sind mit schwarzen und weißen Klebeband-Streifen überzogen.

"Das ist unser getarntes Fahrzeug, wir haben es getarnt, weil wir auf der Straße Tests fahren, weil wir wollen ja nicht, dass alles sofort sichtbar ist, sondern die Spannung aufrechterhalten!"

Die Spannung auf das Transportfahrzeug der Zukunft, das sich in einer Probephase erst noch bewähren muss im Straßenverkehr. Bedarf gibt es in jedem Fall. Denn seit die Verbraucher so viel online bestellen, hat der Lieferverkehr enorm zugenommen. Fast 3,5 Milliarden Pakete werden jährlich in Deutschland ausgeliefert. Tendenz steigend. Immer öfter blockieren Transporter der Paketdienste die Straßen. Und verschmutzen die Luft.

"Die Fahrer der Paketbranche, die haben heute Akzeptanzschwierigkeiten, die blockieren Straßen, die verstauen, Diesel, die Leute schimpfen usw. usw..."

Der Auto-Designer Günak, der früher Topmarken für VW entworfen hat, setzt für eine umweltfreundliche Zukunft auf eine Kombination von Mensch und Maschine.

"Es gibt ja Lastenräder. Unseres ist kein Lastenrad. Unseres ist eine neue Fahrzeugkategorie. Das fängt damit an, dass wir einen Boden haben. Es gibt im Augenblick auf dem Markt kein vergleichbares Fahrzeug, das einen Boden hat."

Der Fahrer strampelt im Warmen und Trockenen

Und dazu eine Fahrerkabine. Wetterschutz von oben und unten. Für den Tret-Transporter mit Elektro-Antrieb. Innerstädtischer Lieferservice ohne Verbrennungsmotor, mit Fahrkomfort, aber ohne Führerschein. Das ist die Idee des Trios. Heute sind schon unterschiedlichste Lastenräder in den Städten unterwegs. Zwei Pedale, meist ein Kasten hinten– das sind die gängigen Modelle. Der Fahrer strampelt meist im Freien. Nun kommt das Design-Modell - mit Dach!

"Das ist leider nicht so einfach, gestalterisch ist das eine sehr große Herausforderung gewesen! Einmal sind die Proportionen sehr ungewöhnlich, so ein Fahrzeug gibt es noch nicht, es gibt keine Referenz. Es ist für seine Verhältnisse extrem hoch, über zwei Meter, extrem schmal, vorne sind es nur 80 cm."

Da nickt der Ingenieur. "Form follows function." In diesem Fall: Eine wettergeschützte Fahrerkabine mit einfachem Ein- und Ausstieg, eine abnehmbare Transportbox mit einem Volumen von zwei Kubikmeter, alles so konstruiert, dass eine Batterie und die Pedalkraft den Transporter bewegen. 14 Monate haben sie an dem Prototyp getüftelt und gebastelt. Für den Designer ein ganz neues Arbeitsfeld. Nicht Pferde- sondern Pedalstärken.

"Der größte Wunsch wäre gewesen, es wäre flacher. Größere Räder wären schön. Das ist natürlich hier eine Form, die schwierig ist."

Der Verwaltungsbürgermeister der Stadt Stuttgart, Werner Wölfle (Bündnis 90/Die Grünen) fährt am 03.09.2015 auf dem Marienplatz in Stuttgart (Baden-Württemberg) mit einem Fahrrad, an dem ein Schwerlasthänger angebracht ist. Der Anhänger der amerikanischen Firma Firma Bikes at Work kann Lasten bis zu 150 Kg Tragen und muss mit einer Speziellen Kupplung am Fahrrad angebracht werden. Bei der verkehrspolitischen Sommerradtour des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Baden-Württemberg soll die Vielseitigkeit der Lastenräder demonstriert werden. Foto: Wolfram Kastl/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Wolfram Kastl)So geht's auch - aber nur bei Sonnenschein (picture alliance / dpa / Wolfram Kastl)

Doch am Ende blieb es sowohl bei den Rädern, als auch bei der Höhe. Günak integrierte beides in das Gesamtdesign. Der 61-Jährige streicht mit der Hand über die Kunststoffkarosse, geht einmal um die Fahrerkabine. Der Ein- und Ausstieg auf der Bürgersteig-Seite ist offen, 80-100 Mal muss ein Fahrer dort pro Tag ein- und aussteigen. Da würde eine Tür nur stören. Auch im Innern ist alles auf den Fahrer ausgerichtet

"Wir brauchen auch einfach einen Fahrradsattel. Ist ja kein Autositz, aber wir haben eine Lehne. Und wie kann man jetzt die Funktion des Fahrradsitzes mit einer komfortablen Lehne verbinden?"

Paketfahrer werden vor Autoverkehr geschützt

Der Fahrer thront fast über dem Verkehr, mit Rundumsicht. Auf der Straßenseite schützt ihn zusätzliche die sogenannte Spange. Ein Kunststoff-Element wie ein liegendes Surfsegel, das sich von der Fahrerkabine bis zum Hinterrad zieht und verhindert, dass Autofahrer dem Lieferdienst zu nahe kommen.

"Diese Spange erfüllt auch den Sicherheitsaspekt, macht die Steifigkeit des Fahrzeuges. Und ist eben gestalterisch vom Design das Erkennungsmerkmal, das unsere Marke nach außen transportiert."

Wenn alles gut läuft, beginnt in einem Jahr die Serienfertigung, sagt Murat Günak. Drei Finanzierungsrunden haben sie schon überstanden. Und eine Namensänderung: Erst hieß das Modell "Tretbox", seit gut einem Jahr heisst es "ONO" – das klingt international besser. Murat Günak tritt einige Schritte zurück. Und lächelt zufrieden. Gut sieht er aus, sein neuer Design-Beitrag zum zukünftigen Straßenbild.

"Dieser geschmeidige Körper mit dieser Transparenz, das ist eigentlich wie so ein Raumschiff, das sieht richtg cool aus, finde ich zumindest!"

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