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Sein und Streit | Beitrag vom 19.04.2020

Carolin Emcke über Corona und kollektive IdentitätenWie tragfähig ist das neue "Wir"-Gefühl?

Carolin Emcke im Gespräch mit René Aguigah

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Auf einer Illustration ist ein Kreis Erwachsener, die händehaltend um einen Erdball herumstehen. (imago images / Maxim Usik)
Gefährdet die Coronakrise wirklich alle Menschen in gleichem Maße? (imago images / Maxim Usik)

Auch wenn die meisten von uns derzeit vor allem zu Hause sitzen, schafft die Coronakrise doch ein neues Gefühl von Zusammengehörigkeit. Vielleicht sogar endlich ein "globales Wir"? Die Philosophin Carolin Emcke ist skeptisch.

Schnell sind wir angesichts der Coronakrise damit bei der Hand, von "Wir" zu sprechen: Es wird eine neue gesellschaftlich Solidarität beschworen, das helfende Miteinander – und auch das neue Empfinden von Weltgemeinschaft angesichts eines Virus, das sich rasant über den ganzen Erdball verbreitet und vor dem wir alle gleich sind.

"Da gibt es die Wahrnehmung eines globalen Wir, wie es das vielleicht in der Form so vorher noch nicht gegeben hat", sagt auch die Publizistin und Philosophin Carolin Emcke. Doch ob dieses Wir wirklich tragfähig ist – in dem Sinne, dass daran wechselseitige Empathie oder Solidarität gekoppelt werden, hält sie für fraglich.

Carolin Emcke bei der lit.cologne 2019 (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)Carolin Emcke bei der lit.cologne 2019 (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)

Zum einen, weil in der Coronakrise auch stark in nationalstaatlichen Kategorien gedacht wird: Sichtbar zum Beispiel in den Statistiken über Tote und Infizierte, die diese nach Ländern auflisten. Diese Tabellen lösen den Reflex aus, zu vergleichen und sich in einer Art Sterbens- oder Überlebenskonkurrenz zu sehen. "Das passiert mir auch", räumt Emcke ein. Gleichzeitig schwinge dabei auch eine Scham mit: "Nämlich sich diese Zahlen anzuschauen und zu denken, wie unverdient es ist: der Zufall, dass ich in Berlin lebe und nicht in New York, nicht in Madrid und nicht in Teheran, Lagos oder Wuhan."

Coronavirus-NewsletterInsofern ist der Satz, dass vor dem Virus alle gleich seien, weil es jeden treffen kann, für die Philosophin auch nur die halbe Wahrheit. Denn genauso gilt, dass die Voraussetzungen, mit denen sich dieser Krankheit – und anderen – begegnen lässt, sehr unterschiedlich sind: "Ob ich in Boston an Krebs erkranke, ist sicherlich anders, als ob ich in Manila daran erkranke."

Die Anti-Coronamaßnahmen als "existenzieller Eingriff"

Auch in den Beschränkungen des Alltagsleben durch die Anti-Coronamaßnahmen sieht Emcke eher einen Verlust an Wir. Sie empfinde die Maßnahmen als "existenziellen Eingriff", betont sie. Sowohl im Privaten, weil man sich nicht mehr in Freundesgruppen treffen könne, als auch im öffentlichen Raum: sei es durch die Beschränkung der Möglichkeit gemeinsamer Religionsausübung oder der Begegnung im kulturellen Raum bei Theateraufführungen und öffentlichen Gesprächen:

"Ich finde, alles, was wir da jetzt an kreativen Formaten aus dem Boden stampfen, ersetzt eben nicht und führt eben fast nur noch schmerzlicher vor, wie sehr uns Theater fehlen, das Sich-in-einem-Raum-bewegen", betont sie.

Das Gespräch mit Carolin Emcke ist eine gekürzte Fassung unserer Sendung "Diskurs" vom 19.4.2020 um 01.05 Uhr. Die lange Fassung zum Nachhören:

Schließlich fragt Emcke auch nach der Qualität des "Wir", das durch die Coronakrise entstanden sein könnte und verweist dabei auf Jean-Paul Sartres berühmtes Bushaltestellenbeispiel über die Entstehung einer Gruppe aus der "Kritik der dialektischen Vernunft":

"Und zwar sind das Menschen, die morgens an der Bushaltestelle auf den Bus warten, und sie stehen jeden Morgen da, immer um dieselbe Uhrzeit, weil sie immer diesen einen Bus erwischen müssen, um zur Arbeit zu kommen", sagt Emcke. Diese Menschen warteten aber jeder für sich und redeten auch nicht miteinander. Bis zu dem Tag, an dem der Bus einmal ausfällt.

Dann kommen sie plötzlich ins Gespräch, verständigen und organisieren sich. "Das Interessante bei dieser Form von Vergemeinschaftung ist, dass sie eben aus einem Mangel heraus entsteht, aus etwas, was misslingt, oder etwas, was fehlt." Und nicht, wie es sich liberale Modelle von Vergemeinschaft vielleicht vorstellten, mit freier Wahl oder Identifikation mit einer gemeinsamen Sache.

"Ich glaube, dass das ein hilfreiches Bild, aber auch eine hilfreiche philosophische Idee ist, um bestimmte Bewegungen oder Gruppierungen zu verstehen, die sich eben in einer bestimmten konkreten Situation gründen, aber vielleicht sich nicht sonst miteinander identifizieren würden."

(uko)

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