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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 25.08.2021

Taliban an der MachtWo bleibt der Aufschrei der Muslime der Welt?

Ein Kommentar von Ahmad Milad Karimi

Taliban-Kämpfer patrouillieren in den Straßen eines Viertels in Kabul am 22. August 2021. (imago / UPI Photo / Bashir Darwish)
Für die Taliban ist Religion lediglich ein Mittel zur Machtausübung, sagt der Religionsphilosoph Ahmad Milad Karimi. (imago / UPI Photo / Bashir Darwish)

Mit ihrem ideologischen Religionsverständnis pervertieren die Taliban den Islam bis zur Unkenntlichkeit. Das dürfe die Weltgemeinschaft der Muslime nicht hinnehmen, sagt der Religionsphilosoph Ahmad Milad Karimi. Er fordert: Zeigt Haltung!

Von dem muslimischen Philosophen Muhammad Iqbal ist der Gedanke überliefert, dass es nicht die Muslime sind, die den Islam schützen, sondern es sei der Islam, der die Muslime schützt. Die Taliban stellen das Gegenteil dieses Gedankens dar. Nun ist Kabul gefallen und sie sind erneut an der Macht. Sie rufen das Islamische Emirat Afghanistan aus. Ihre Flagge trägt eine schwarze Inschrift auf einem weißen Hintergrund. Zu lesen ist auf Arabisch das Glaubensbekenntnis der Muslime: "Keine Gottheit außer Gott. Muhammad ist der Gesandte Gottes."

Die Herrschaft der Taliban ist klar theokratisch angelegt. Die Staatsgewalt wird ausschließlich religiös legitimiert und von einem amīr al-muʾminīn angeführt, von einem "Befehlshaber der Gläubigen". Verfügungen der Taliban regeln das gesamte gesellschaftliche Leben. Die Trennung von Staat und Religion gibt es nicht mal im Ansatz. Dem säkularen Recht wird dabei jeder Geltungsgrund abgesprochen. Die Idee dahinter: Nur der Islam führt zur politischen Autonomie.

Die Taliban sind auch ein religiöses Desaster

Der Islam hat für die Taliban jedoch keinen eigenen Zweck als Religion, die zum Beispiel zur moralischen Veredlung, spirituellen Fülle oder humanitären Tugenden führen soll. Der Islam ist Mittel zur Herrschaft, zur Macht.

Bei diesem massiven Missbrauch der Religion darf nicht geschwiegen werden. Hier sind Muslime weltweit gefragt, Haltung zu zeigen, nicht wegzuschauen, nicht hinzunehmen, was in Afghanistan geschieht. Denn die Taliban sind nicht nur ein politisches Problem, sondern auch ein religiöses Desaster.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

Diese Haltung der Taliban lässt sich gut aus der komplexen Geschichte Afghanistans nachvollziehen. Nach dem Abzug der sowjetischen Armee aus Afghanistan und der Machtübernahme der Muǧāhidīn versank Afghanistan in einem chaotischen Bürgerkrieg, in dem sich die Taliban Anfang der 90er-Jahre endgültig zu einer politisch-ideologischen Bewegung formieren. Ihr Ziel: Afghanistan befrieden und islamisieren. Ein Befreiungskampf – im Namen Gottes unter der Berufung auf die Scharia.

Aber die Scharia ist kein Gesetzbuch. Sie kann gar nicht in Afghanistan oder sonst wo eingeführt werden. Es geht dabei immer um ein bestimmtes Verständnis der Scharia. Denn die Scharia meint allein das Urteil Gottes über das menschliche Verhalten und Handeln. Doch die Leseart der Taliban besteht darin, dass sie ihr bestimmtes, antiquiertes, unkritisches Verständnis der Scharia alternativlos für absolut setzen.

Der Glaube wird bis zur Unkenntlichkeit pervertiert

Zur ideologischen Engführung dieser religiösen Stagnation diente ihnen eine religiöse Ausbildung, die mit allen anderen fundamentalistisch-islamistischen Bewegungen wie Al-Qaida, IS und Co. verwandt ist, aber nicht im salafistischen, wahhabitischen Saudi-Arabien wurzelt, sondern regional geprägt ist. Der ideologische Überbau der Taliban-Bewegung stammt aus Darul Ulum Deoband, einer Lehrstätte im Nordosten von Delhi. 1866 mit einer antiwestlichen Haltung gegründet, ist die Schule sunnitisch, radikal dogmatisch, puritanisch, antimystisch, antischiitisch und verfügt über ein höchst patriarchales, repressives Frauenbild. Aus dieser Lehrstätte und in ihren Ablegern in Pakistan, die von vielen afghanischen Flüchtlingen kostenlos besucht werden, entstammt die Ideologie, die die Taliban konsequent in die Praxis umsetzen. Dazu gehören Körperstrafen, Steinigungen, Hinrichtungen.

Bis zur Unkenntlichkeit pervertiert wird dieser Glaube als Schlüssel zur Lösung aller Probleme propagiert. Ein einfaches Denken, das nur einfache Probleme und einfache Lösungen kennt. Eigentlich müsste die islamische Welt aufschreien angesichts dieser Verstümmelung ihres Glaubens. Aber es ist nichts zu hören: nicht von Gelehrtenkreisen, nicht von sunnitischen Institutionen. National wie international ist das Schweigen der muslimischen Institutionen verheerend – aber es ist ein lautes Schweigen. Doch die Talibanbewegung ist krebsartig, selbst wenn man über sie schweigt, wird sie sich bemerkbar machen. Und dann wird man nicht mehr schweigen können.

Prof. Ahmad Milad Karimi in Kitzingen. (Daniel Biskup)Ahmad Milad Karimi (Daniel Biskup)Ahmad Milad Karimi, geb. 1979 in Kabul, studierte Philosophie und Islamwissenschaft an der Universität Freiburg i.Br. und wurde 2012 mit einer Arbeit über Hegel und Heidegger promoviert. Er ist ordentlicher Professor für Kalām, islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster. Karimi ist stellvertretender Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster, Leiter der internationalen Muhammad Iqbal-Forschungsstelle. 2019 erhielt er den Voltaire-Preis für "Toleranz, Völkerverständigung und Respekt vor Differenz" der Universität Potsdam.

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