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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 24.12.2019

Ethik und VerfassungsschutzIm Stillen Gutes tun

Überlegungen von Gesine Palmer

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Illustration eines Wissenschaftlers. Dieser zeigt auf eine Tafel mit einem unterteilten Herz. (imago/ Rocco Baviera)
Lernen was von Herzen kommt, Wohltätigkeit kennt verschiedene Stufen des Gebens. (imago/ Rocco Baviera)

"Im Verborgenen Gutes tun": Mit diesem Slogan wirbt der Verfassungsschutz derzeit um Auszubildende. Doch inwieweit kann man die Arbeit des Verfassungsschutzes unter ethischen Gesichtspunkten als "Gutes tun" bezeichnen? Das hat sich Gesine Palmer gefragt.

"Und der Orje sprach zum Kulle, haste nich ne Paechbrotstulle": Viele Berliner und Berlinbesucher werden sich noch an diese Reklame-Reime erinnern. Gut sichtbar in Augenhöhe sitzender und stehender U-Bahn-Passagiere angebracht. Ganz kleines Format. Nie beschädigt, übermalt, besprüht wie größere Plakate. Das Format gibt es – anders als die so beworbene Brotbackfirma – immer noch.

Jetzt in der Adventszeit kann man zum Beispiel in vielen Bussen und Bahnen lesen: "Im Verborgenen Gutes tun". Nicht so schön gereimt, aber klingt erstmal einleuchtend, oder? Schon der Nikolaus kommt bekanntlich heimlich in der Nacht, wenn die Kinder schlafen, und füllt in ihre frisch geputzten Stiefel Leckereien und kleine Nützlichkeiten für den Schulalltag oder dergleichen. Gutes, das laut kommt, ist schon auch okay, aber besser ist das Gute, das im Verborgenen getan wird.

Acht Stufen der Wohltätigkeit

Der mittelalterliche Arzt und Philosoph aus Ägypten, Rabbi Moshe ben Maimon, hier bekannter als Maimonides, bietet eine achtstufige Rangfolge der Wohltätigkeit: Unter dem Stichwort "Zedaka" können Sie sie bei Wikipedia nachlesen. Wer nur widerwillig gibt, bekleidet Rang 8. Wer nicht ausreichend, aber freundlich gibt, landet auf Platz 7. Stufe 6 erklimmt, wer gibt, nachdem er gebeten worden ist, Rang 5, wer gibt, bevor er gebeten wird. Rang 4 erreicht, wer zwar die Identität des Bedürftigen nicht kennt, sich aber als Spender bekannt macht.

Auf dem dritten Platz ist es andersherum: Der Wohltäter weiß, wem er gibt, aber der Empfänger weiß nicht, wer ihm gab. Die Siegerränge beginnen also mit dem Guten, das man im Verborgenen tut. Silber geht an die vollständig anonymisierte Wohltätigkeit: Der Spender weiß nicht, wem er gibt, und der Empfänger weiß nicht, woher die Gabe kommt. Das ist übrigens die Art Spende, um die wir alle in der Vorweihnachtszeit massenhaft ersucht werden. Wir sollen an die eine oder andere Organisation spenden, von der wir nur in Umrissen erfahren, wohin das Geld geht: an Obdachlose, an hungernde Menschen im Jemen oder Schulen im Kongo.

Den ersten Platz aber, die allerhöchste Stufe der Zedaka – zugleich das hebräische Wort für Gerechtigkeit –, erreicht derjenige, der einem Bedürftigen dazu hilft, sich künftig selbst zu versorgen. Diese Stufe haben wir wie selbstverständlich in der Entwicklungshilfe verstaatlicht – und diese Stufe versuchen viele Menschen, die über viel Geld verfügen, in ihren Stiftungen und sozialen Projekten auch zu erreichen.

Gutes tun - für den Verfassungsschutz

Mir hat am Begriff der Zedaka und an der Stufenlehre des Maimonides immer besonders gefallen, dass es hier wirklich nur ums Geben geht – und also nicht ums Opfern. Es geht nirgends darum, wie jemand motiviert ist oder ob es ihm weh tut, wie wir christlicherseits in unseren opferfreudigen Gesinnungslehren immer gern verlangen. Was zählt, ist einzig: Wie wirkt sich die Gabe auf die Empfänger aus? Danach wird das Verdienst der Gebenden bemessen.

All dieses ging mir durch den Kopf, als ich das kleine Plakat in der Berliner U-Bahn sah. Immerhin, dachte ich, werben sie hier mal auf Stufe 2 und 3: "Im Verborgenen Gutes Tun". Dann las ich weiter. Eine duale Ausbildung wurde angeboten, auch gut. Und dann erst sah ich, wer da warb. Es war der Verfassungsschutz. Möge es ihn noch lange geben. Die Verfassung, die mir wirklich lieb ist, die muss schließlich geschützt werden, sie hat längst wieder schlimme Feinde. Aber wie kann ich es ernsthaft und mit moralischem Pathos gut nennen, wenn zu ihrem Schutz Spitzel ausgebildet werden sollen, deren Auftrag lautet: Geh los, erwirb gezielt das Vertrauen von bestimmten Menschen, um es zu brechen und sie an uns zu verraten? Wie Maimonides das beurteilt hätte, würde ich schon gern wissen.

Gesine Palmer (privat)Gesine Palmer (privat)Gesine Palmer, geboren 1960 in Schleswig-Holstein, ist Religionsphilosophin. Sie studierte evangelische Theologie, Judaistik und allgemeine Religionsgeschichte in Lüneburg, Hamburg, Jerusalem und Berlin. 2007 gründete sie in Berlin das "Büro für besondere Texte" und arbeitet seither als Autorin, Trauerrednerin und Beraterin. Ihr wiederkehrendes Thema sind Religion, Psychologie und Ethik – im Kleinen der menschlichen Beziehungen wie im Großen der Politik.
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