Seit 23:05 Uhr Fazit

Mittwoch, 20.11.2019
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Länderreport / Archiv | Beitrag vom 18.07.2014

GeschichteDer vergessene Widerstand

Warum über die deutsche Auflehnung gegen die Nazis heute so wenig bekannt ist

Von Nana Brink, Uschi Götz und Anke Petermann

Podcast abonnieren
Gedenken in Berlin: Bilder der Dauerausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand (picture alliance / dpa / Bernd Von Jutrczenka)
Gedenken in Berlin: Bilder der Dauerausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand (picture alliance / dpa / Bernd Von Jutrczenka)

Versäumnisse, Scham, DDR-Vergangenheit – die Geschichte des Widerstands gegen das NS-Regime ist in Deutschland bis heute aus vielen Gründen teils wenig bekannt. Eine Spurensuche in Brandenburg, Schwaben und Darmstadt.

Von Nana Brink

Neuhardenberg, im Osten Brandenburgs, Juli 2014.

Bernd Kauffmann: "Für den Ort, wenn Sie den begehen – von den Kriegstoten der Russen, die Schlacht von Seelow bis zu dem Hort der Widerständigkeit, der vorher war –, spielt es so als integratives Moment immer wieder mal eine Rolle, so wie ein kleiner Hinweis, oder wie ein Doppelpunkt: Bitte nicht ganz vergessen. Hier war was, und wenn Ihr hier durchgeht, denkt daran."

Bernd Kauffmann leitet die Stiftung Schloss Neuhardenberg. Im Sommer 1944 trafen sich hier in diesem weißen Schinkelbau die Widerstandskämpfer des 20. Juli. Heute erinnert ein kleiner Raum in einem Nebengebäude des Schlosses an die Geschichte des Grafen Carl-Hans von Hardenberg.

Bernd Kauffmann: "Sonst sehen sehen Sie nichts, wenn Sie nicht spüren können."

Das Thema Hitler-Attentate im Schulunterricht "nicht erwünscht"

"Zu DDR-Zeiten war das nicht erwünscht, ist auch in der Schule nicht erwähnt worden dieses Hitler-Attentat, nee, nee...",

sagt Christel Starke, Küsterin der Schinkel-Kirche. Nach Jahrzehnten der Verbannung sind der Graf und seine Frau wieder zurückgekehrt –zumindest ihre Asche.

Starke: "Ich finde es schön, dass sie jetzt wieder hier ruhen, sie gehören zur Geschichte des Ortes."

Lübbenau, im Südosten Brandenburgs, Juli 2014.

Rudi Hentschel: "Nee, da hab ick mich nicht so weiter befasst damit. Nee die ganze Geschichte so mit die Grafen und so. Wiederkommen ja, aber sie mussten nicht gleich alles haben wollen."

Das Schloss in Lübbenau gehört den Nachfahren des Grafen Wilhelm Friedrich Graf zu Lynar. Als Mitwisser des Putschversuches vom 20. Juli wurde er hingerichtet, die Familie enteignet. Heute wohnen die Lynars wieder im Schloss.

Lübbenauerin:"Es ist eine schwierige Geschichte, weil ja lange nach 45 kein Graf da war. Und plötzlich ist er wieder da. Damit kommen viele nicht klar."

"Wir wussten, er geht jetzt in die Bibliothek und erschießt sich"

Lübbenau und Neuhardenberg. Ein Datum. Zwei Geschichten.

Jörg Kronbein:"Wir gehen ins Schloss Neuhardenberg in die Räume, die noch original erhalten sind. Dann hier der Gartensaal. Das ist der historische Ort, an dem man sich das vorstellen muss, und die Gestapo kam mehr oder weniger zum Abendessen an, und man muss sich vorstellen, sie saßen im Gartensaal, und der Diener kam rein und sagte, Herr Graf, da sind Beamte von der Geheimen Staatspolizei."

Jahrzehnte später erzählt seine Tochter Reinhild, die in die Attentatspläne eingeweiht ist, was jetzt kommen würde:

"Und wir wussten, er geht jetzt in die Bibliothek und erschießt sich."

Kronbein: "Das war relativ schwierig, weil die Gestapobeamten standen ständig um ihn herum. Und hat dann tatsächlich das Herz verfehlt, er hat sich ins Herz geschossen. Er wurde dann in sein Zimmer gebracht und nahm eine Papierschere und versuchte dann sich mit der Schere die Schußkanäle zu öffnen und sich die Pulsader aufzuschneiden und dann kam er so schwer verletzt ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Er hat es überlebt. Aber er konnte nicht zurückkommen, weil die Großgrundbesitzer nicht gelitten waren. Er hat es nie wieder gesehen."

Ein Gottesdienst erinnert alljährlich an den 20. Juli

Carl-Hans von Hardenberg stirbt 1958 in Westdeutschland. Der Versuch seiner Frau Renate, seine Urne auf dem Familienfriedhof neben der Kirche beizusetzen, scheitert am Bürgermeister des Dorfes, das seit 1949 nicht mehr Neuhardenberg, sondern Marxwalde heißt. Seit 1990 wird an jedem 20. Juli ein Gedenkgottesdienst abgehalten.

Uwe Rosenbaum:"Wir haben ja hier das Glück, das Grab von einem Widerstandskämpfer auf dem Familienfriedhof der Hardenbergs zu haben, denn er wurde ja nach der Wende hier 1991 überführt. Zu DDR-Zeiten, nach seinem Tod 1958, wurde es ja abgelehn: Wir wollen weder Sie noch Ihre Asche hier haben. Also eine ganz, ganz bittere Geschichte ist doch mal was anderes, wenn Sie eine Andacht in der Kirche machen und dann zum Grab gehen, als wenn sie nur ein Foto hinstellen von Herrn Stauffenberg und sagen: So jetzt ist der 20. Juli."

Für den Lehrer Uwe Rosenbaum, wie für viele Neuhardenberger, gehört der 20. Juli mittlerweile zum festen Bestandteil der Geschichte. Das war nicht immer so.

Über den Widerstand wird nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen

Rosenbaum:"Nee, das war ja das Kurios. Ich bin ja hier in Marxwalde im Schloss noch zur Schule gegangen, und das war hier nie Thema gewese. Man hat sich rein auf Schinkel, Schinkelschloss … aber die Bewohner, weder Stein-Hardenberg mit seinen Reformen noch Carl Hans Graf von Hardenberg mit seinem Widerstand. Also intern in der Familie, also durch meine Mutter, die ja zu der Zeit in Neuhardenberg war, wusste ich das, dass da der Widerstand war. Aber das war dann zu DDR-Zeiten: Erzähle es bloss niemanden. Man wollte keinen Ärger, keine Schwierigkeiten nach dem Motto, was erzählen Sie denn da Ihrem Sohn? Also das war so hinter vorgehaltener Hand."

In der DDR mutiert Neuhardenberg zu Marxwalde. Zur alteingesessenen Bevölkerung, die sich noch an die Grafenfamilie erinnert, gesellen sich NVA-Soldaten und ihre Familien. Umweit des Schlosses ist die Regierungsstaffel der NVA-Luftwaffe stationiert. Das einstmals weiße Schinkelschloss fast unsichtbar; drei Plattenbauten verstellen den Blick von der Straße. 

Kronbein:"Wir gehen über den Schlossvorplatz in Richtung des ehemaligen Wirtschaftshofes. Das ist heute vor allem das Hotel Neuhardenberg. Und man muss sich vorstellen, da wo heute wieder so eine typische Wassermulde steht, standen drei Plattenbauten aus DDR-Zeiten und die sind dann tatsächlich abgerissen worden, wobei es sich um den ersten Abriss von Plattenbauten in den neuen Bundesländern handelte. War schon Mitte der 90er-Jahre. Die Mieter wurden nicht einfach gekündigt, sondern man hat Ersatzwohnungen neu gebaut, und für alle Unkosten wurden aufgekommen, natürlich gab es viel Skepsis hier, was denn kommen sollte und man wollte dieser Skepsis entgegenwirken."

Sparkassen- und Giroverband kauft das Schloss

Mitte der 90er-Jahre, so Jörg Kronbein von der Stiftung Neuhardenberg, erhalten die Grafen von Hardenberg ihren Besitz zurück, da sie schon vor der Bodenreform von den Nazis enteignet worden sind.  1997 kauft der Deutsche Sparkassen- und Giroverband das Schloss und große Teile des gräflichen Vermögens. Die Grafen kommen zurück, aber nicht in Gestalt von Großgrundbesitzern.

Kauffmann:"Insofern, dass der Sparkassen- und Giroverband sich da engagiert hat, ist es sicher ein Glücksfall gewesen, dass da eine Organisation, die sich immerhin partiell dem Gemeinwohl verpflichtet fühlt… das ist sicher ein Glücksfall."

Starke:"Sicher hat man sich gefreut. Es ging doch dann vorwärts. Damals habe ich nicht geglaubt, dass Menschen von Westdeutschland wieder zurückkommen in ihre Heimat, aber sie sind eben heimatverbunden."

Kronbein:"Ansonsten ist das ein Ort, an dem nicht museal an die Geschichte erinnert werden soll, sondern wir wollen das Schloss, das soll lebendig sein, ein Treffpunkt für Künstler und Menschen aus aller Welt. Und das ist eigentlich die Idee dahinter, so wollen wir die Idee der Widerständler des 20. Juli ehren."

"Es war grau in grau, wie so vieles hier in der DDR. Es war verfallen, zumindest in meiner Erinnerung. Bekannt war schon der Zusammenhang zum Attentat 1944. Da gibt es auch eine Gedenktafel in der Nikolaikirche und die gibt es wohl auch schon sehr lange, aber schon zu DDR-Zeiten. Man wusste schon, dass die Lynars in den Widerstand verwickelt waren. In der Stadt eher nicht, ich kann mich daran nicht so erinnern, dass es da irgendwelche Feste oder Feiern oder Gedenktage gegeben hätte",

meint Peter Becker, pensionierter Lehrer in Lübbenau. Der militärische Widerstand des 20. Juli spielt in der DDR keine nennenswerte Rolle, auch in der Spreewaldstadt Lübbenau nicht.

Bevölkerung begegnet der gräflichen Familie mit Skepsis

Nach der Hinrichtung von Wilhelm Friedrich Graf zu Lynar durch die Nazis darf die Familie weiter auf Schloss Seese wohnen, ihrem Stammsitz. Sie wird im Zuge der Bodenreform enteignet und das Schloss in Seese fällt dem Braunkohletagebau zum Opfer. Das Schloss in Lübbenau wird erst Kinderheim und dann Rechenzentrum. Im Frühjahr 1992 kehrt die Familie zu Lynar, die inzwischen nach Portugal ausgewandert ist, nach Lübbenau zurück. Keine leichte Rückkehr, für beide Seiten, wie sich Peter Becker erinnert.

"Wir sind ja in der DDR aufgewachsen, haben dieses Erziehungs- und Bildungssystem durchlaufen. Und für uns waren Grafen Juncker, ja vielleicht sogar Ausbeuter. Das war etwas, wovon man sich ja 45 getrennt hatte, diese Losung: Junckerland in Bauernhand, Bodenreform etc. Und man hatte ein sehr distanziertes Verhältnis zu der gräflichen Familie an sich",

erinnert sich der ehemalige Lehrer Peter Becker.

"Das war auch so, die erste Begegnung war mit Graf Frederico und ich wusste nicht, wie ich ihn ansprechen soll, damit gings schon los. Herr Graf, das klingt schon alles sehr ungewohnt, aber die sind sehr unverkrampft und nehmen jede Anrede auf und korrigieren einen dann auch, wenn man sagt Herr Lynar, nicht korrigieren, sowas passiert denen nicht."

Verunsicherung und Angst vor Enteignung

Mittlerweile sieht Peter Becker das Ganze sehr gelassen. Auch weil das Schloss in Lübbenau ein wahres Schmuckstück geworden ist und ein nachgefragtes Hotel. Aber Becker scheint einer der wenigen in Lübbenau zu sein, der ein unverkrampftes Verhältnis zur gräflichen Familie pflegt. Rentner Rudi Hentschel, ehemaliger Eisenbahner, und seine Frau Gisela runzeln die Stirn, wenn der Name Lynar fällt.

"Ist richtig, das ist ja eine Vorzeige für die Touristen und alles, es kommen ja auch viele, die beim Grafen Urlaub machen wollen... Aber sie müssten sich ein bisschen mehr anpassen an die Bürger. Ich habe da letztes Mal diesen Bericht im Fernsehen gesehen, hat mich ein bisschen geärgert, wie sie gesprochen haben, wie sie die Ruinen wiederbekommen haben. 40, 50 Jahre, da verfällt eben alles, wenn nüscht gemacht wir. Aber viele haben ja gemacht, ihre Grundstücke auch. Das sie nicht so abfällig sprechen über die DDR! Alles war nicht schlecht in der DDR. Wenn ich 50 Jahre mein Eigentum verlassen habe, ja was ist denn da? Das ist ne Bruchbude."

Es sind Reaktionen wie diese, die die gräfliche Familie schweigen lassen. Wie tief die Verunsicherung auch nach über 20 Jahren ist, zeigt die höfliche, aber bestimmte Absage für ein Gespräch: Man wolle keine Erwartungen wecken und nicht mehr im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Peter Becker, der seit Langem beide Seiten kennt, weiß: Einen moralischen Bonus für die Familie, die einen Widerstandskämpfer des 20. Juli in ihren Reihen weiß, gibt es nicht.

"Das wird vielleicht bei dem einen oder anderen der Fall sein, der sich mit der Geschichte des Dritten Reichs auseinandergesetzt hat. Bei manchen ist vielleicht sogar ein bisschen Stolz dabei, dass bei uns in der Stadt jemand war, der im Widerstand aktiv war. Aber ich fürchte mal, dass so viele es nicht wissen werden. Und ich fürchte mal, dass es viele gibt, die erstmal Angst haben vor den Ansprüchen der gräflichen Familie. Denn denen gehört ja jede Menge Land und Boden hier im Umland von Lübbenau und in Lübbenau selber, und sie haben dann auch Angst, dass sie enteignet werden können."

Hentschel:"Wenn Sie mal einen Baum ummachen wollen, was dem Graf sein Grund und Boden ist, und Sie holen mal Holz da raus, könnte Ihnen passieren, dass Sie eine Anzeige kriegen. Nee früher biste hingegangen – und da war ja keiner hier gewesen –, da biste hingefahren, haste den Baum umgemacht und die Sache war erledigt."

Spätestens jetzt kommt Helmut Wenzel ins Spiel, seit 2000 Bürgermeister von Lübbenau, parteilos:

"Meine Mutmaßung kann nur sein, dass bei der Fülle der betroffenen Liegenschaften, die alle in der DDR als Volkseigentum genutzt worden sind – und da mag hier und da der Anspruch bestanden haben –, Ihr habt mir was weggenommen oder sein Gewohnheitsrecht beschnitten, aus dieser Einstellung heraus, solche Animositäten noch bestehen."

Petitition verhindert Gedenken

Seit Jahren handelt Wenzel mit der gräflichen Familie einvernehmliche Lösungen aus nach dem Motto: Wir bezahlen die Pflege des Parks, Ihr haltet ihn offen. Nur in einer Sache scheint Wenzel machtlos: Auch am 70. Jahrestag des Hitlerattentates heißt die Poststraße in Lübbenau weiterhin Poststraße. Schon 2004 war der Versuch, sie in Graf-Wilhelm-Friedrich-zu-Lynar-Straße umzubenennen krachend gescheitert. 1200 Bürger unterschrieben eine Petition dagegen.

Rosenbaum:"Es ist nach wie vor wichtig, weil man ja weiß, wie die Tendenzen, nicht nur in Brandenburg, sondern europaweit, sind. Die Rechtsradikalen, wie man ja sieht bei der letzten Europawahl, wo man ja sieht, dass diese Idee nach wie vor aktuell sind. Und  Widerstand zu leisten und dass man das an einem Menschen so festmachen kann."

In Neuhardenberg wird im Schloss am 70. Jahrestag der Hitler-Attentäter gedacht. Das Hotel ist ausgebucht, in der Kirche spielen Chick Corea und Stanley Clark und am Grab werden Blumen liegen. In Lübbenau erinnert eine Gedenktafel in der Kirche an dieses Datum.

Von Uschi Götz

Das Denkmal: Georg Elser steht am Bahnhof, wartet auf den Zug nach München. Wer davor steht, muss nach oben schauen. Das Denkmal ist über zwei Meter hoch. Der Künstler wollte das so. Elser hat Großes geleistet, doch das wird erst seit ein paar Jahren anerkannt, auch in seiner Heimat Königsbronn nahe Heidenheim.  

Wer nach Königsbronn kommt oder geht, muss an Georg Elsers Denkmal am Bahnhof vorbei. Auch die Schüler im Land wissen mittlerweile, wer der Mann war, den die Nazis am 9. April 1945 im Konzentrationslager Dachau ermordeten:    

Junger Mann:"Ja, der hat einen Anschlag auf Adolf Hitler versucht."

Junger Mann:"Das war ein guter Mensch."     

Die Gemeinde schämt sich für den Attentäter

Georg Elser war ein einfacher Mann, er kam aus einfachen Verhältnissen. Vielen war das: zu einfach. In Elsers Heimatgemeinde schämte man sich für ihn. Ein Pfarrer schrieb: 

"Alle im Dorf, auch wir im Pfarrhaus, sprachen nur mit vorgehaltener Hand über Elsers Attentat. Die meisten schämten sich noch Jahre nach dem Krieg, dass er ein Königsbronner war."

Manfred Maier: "Deutschland war zu dieser Zeit ja betrunken, betrunken von dem großen Führer Adolf Hitler. Und jetzt ist da einer aus diesem Dorf, der diesen Mann umbringen wollte. Wenn die Leute, so hat man mir berichtet, irgendwo anders hingekommen sind und man hat gefragt, wo kommen sie her? Ja, aus Königsbronn… Ah, aus Attentatshausen!"

Attentatshausen. Das Dorf wollte seine Ruhe und bekam sie auch. Georg Elser geriet in Vergessenheit. Erst der Schauspieler Klaus Maria Brandauer brachte mit seinem Film "Georg Elser – Einer aus Deutschland" den Widerstandskämpfer von der Alb Ende der 1980er-Jahre in das Gedächtnis des Landes zurück.

Wilde Spekulationen über den Widerständler

In Elsers Heimat gründete sich fast zeitgleich der Georg-Elser-Arbeitskreis. Manfred Maier gehörte zu den Initiatoren und wurde Sprecher des Kreises. Maier hat viel für Menschen übrig, die etwas tun, das andere nicht tun. Doch genau das war lange die große Frage: Hat Elser wirklich das Attentat auf Hitler alleine verübt?   

Maier: "Weil man gesagt hat, man weiß das nicht so genau. Er war ein Kommunist, dann haben die Engländer die Hände im Spiel. Es gibt ja ungefähr 20 verschiedene Theorien, wer hinter Georg Elser steckte. Das war alles so dubios."

Und so schwieg man lieber über Georg Elser, auch in den Schulen. Der Georg-Elser-Arbeitskreis begann Ende der 80er-Jahre, die Schulbücher zu durchforsten: Nur fünf Bücher von 70 erwähnten den Namen, eines hatte einen kurzen Text über Elser.  

Maier: "Das heißt, im Grunde genommen war er zu diesem Zeitpunkt verschollen."

Der Arbeitskreis begab sich auf Spurensuche. Klaus Maria Brandauer war begeistert vom Engagement der Leute vor Ort, auch der mittlerweile in den Kinos angelaufene Film zeigte bundesweit Wirkung.  

"Deutsche Historiker haben im Fall Elser versagt"

Maier: "Aber hier vor Ort ist nichts in Bewegung gekommen. Kein Geld, keine Lust, sich mit der Sache näher auseinanderzusetzen."

Der Arbeitskreis forderte schon damals, in den 1980er-Jahren, ein Denkmal für den Widerstandskämpfer. Bei einem Treffen mit dem Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Peter Steinbach, sagte Manfred Maier dem Historiker auf den Kopf zu: 

"Die deutschen Historiker haben in Sachen Georg Elser total versagt. Und er hat so reagiert, wie eigentlich nur ganz Große reagieren, er hat uns angeschaut und hat gesagt: Sie haben leider recht. Wir haben versagt."

Steinbach stand dem Arbeitskreis fortan mit Rat und Tat zur Seite. Mitte der 1990er-Jahre fand in Berlin ein Symposium statt, kurz darauf war ebenfalls in Berlin eine erste Einzelausstellung über Georg Elser zu sehen.

Maier:"Und diese Ausstellung ist jetzt hier in Königsbronn, als Dauerleihgabe."

Denn mittlerweile hat man sich auch in Königsbronn dem so lange verschwiegenen Sohn genähert.

Von Anke Petermann

"Es lebe die Freiheit", rief Hans Scholl von der Weißen Rose unmittelbar vor seiner Hinrichtung. Genau so heißt die Ausstellung, die im Foyer der Bertolt-Brecht-Schule aufgebaut ist. Untertitel: Jugendliche gegen den Nationalsozialismus. Die 18-jährige Sophie stellt sich vor das Porträt von Hanno Günther und präsentiert ihren Mitschülern Ausschnitte aus der Biografie des jungen Pioniers. Schon 1930 verprügeln Hitlerjungen den Neunjährigen, weil er die Uniform der kommunistischen Jugendorganisation trägt, sieben Jahre später findet er zu einer Untergrundgruppe.

Beeindruckt von der Entschlossenheit der Widerständler

Sophie:"Mit dem Überfall auf Polen entschloss er sich zusammen mit Elisabeth Pungs, auch einer Kommunistin, zum Widerstand. Und so veröffentlichten oder stellten sie eben Flugblätter und Klebezettel her. Klebezettel waren kleinere Reime wie zum Beispiel: Hitlers Sieg / ewiger Krieg / Volkes Sieg / beendet den Krieg."

1941 wird Günther verhaftet, ein Jahr später hingerichtet, mit 20. Die 18-Jährigen im Geschichtsgrundkurs beeindruckt seine Entschlossenheit und die Tragik nicht nur seines Lebenslaufs. Lebhaft diskutieren sie die Biografien junger Juden und Sozialdemokraten, die Aktivitäten von Swing-Jugend und Edelweißpiraten. Dabei haben sie die ganze Bandbreite im Blick: politisch motivierte Kämpfer gegen den Nationalsozialismus, freche Oppositionelle und freiheitsliebende Abweichler. Leonie und Yasemin gewinnen neue Einsichten.

Leonie:"Mir war schon bewusst, dass es auch so gewisse Gruppen und auch Leute gibt. Die Weiße Rose ist ja ziemlich bekannt. Aber dass es auch so viele Einzelpersonen gibt, dass man sieht, wie diese Leute gehandelt haben, in welche Gefahr sie sich begeben haben, dass sie wirklich dieses Risiko eingegangen sind. Das war mir nicht so bewusst, wie es mir jetzt geworden ist."

Yasemin:"Ich finde es auch wichtig, dass man über bestimmte Personen redet, damit die auch nicht in Vergessenheit geraten."

Viele wurden vergessen

Tatsächlich wurden viele vergessen, sagt Hannelore Skroblies. Gemeinsam mit der Darmstädter Geschichtswerkstatt und dem Studienkreis Deutscher Widerstand arbeitet sie daran, das zu ändern. Der Studienkreis konzipierte die Wanderausstellung, um insbesondere Jugendlichen über Biografien Gleichaltriger einen persönlichen Zugang zum Deutschen Widerstand zu eröffnen. Bislang bemühte sich Skroblies vergeblich, die Schau nach Darmstadt zu holen.

"Die Stadt selbst hat Ausstellungsräume, die sind zu teuer, die konnten wir uns nicht leisten, sodass es im letzten Jahr nicht zustande kam. Und durch den Kontakt mit Bernhard Schütz hier von der Schule dachten wir, das sei eine gute Gelegenheit, die Ausstellung nach Darmstadt zu holen. Also gerade an einer Schule – das finden wir ganz ausgezeichnet."

Bernhard Schütz, Lehrer im Geschichtsgrundkurs der Zwölften und selbst Mitglied im Studienkreis Deutscher Widerstand:

"Man kann jetzt daran sehr gut diskutieren oder sich vergegenwärtigen, was Widerstand ist oder wo es eine Entwicklung zum Widerstand gibt und was man eher als – und darüber werden wir noch sprechen – kulturelle Dissidenz oder als reine Opposition betrachtet oder – Broszat hat mal von 'Resistenz' gesprochen –, also aus welchem Milieu kommt man, warum schließt man sich dem Nationalsozialismus so nicht an, aber kommt nicht gleich zum aktiven Widerstand. Also, diese Differenzierung kann man gerade an so einer Ausstellung entwickeln."

Die Zwölftklässler sitzen auf Kunststoffwürfeln mitten in der Ausstellung – immer mit Blick auf die Porträts junger Widerständler. Joel fasziniert, wie sich die Edelweißpiraten politisierten.

Joel:"Weil die am Anfang – die wollten einfach nur ihre Zeltlager machen. Aber die Nazis haben's denen ja immer dann verboten. Und umso mehr die Nazis darauf eingegangen sind, umso bewusster wurde denen, das sie damit was erreichen, dass das Widerstand ist. Die Edelweißpiraten waren in vielen Städten vertreten, das war eine große Gruppe, da haben dann auch die Nationalsozialisten auch gemerkt: Die sind ne Gefahr."

Schütz: "Und das muss man natürlich gerade im jugendlichen Widerstand auch in der historischen Forschung ganz stark betrachten: die Dynamik des Systems und damit die Veränderung des Widerstands."

Bernhard Schütz fährt am Schuljahresende mit dem Geschichtsgrundkurs zwei Tage lang zur KZ-Gedenkstätte nach Dachau. "Für dieses Thema nehme ich mir die Zeit", sagt er. Seine Schüler honorieren das Engagement. "Danke, dass wir uns so ausführlich damit beschäftigen konnten", sagt Yasemin am Ende der Diskussion in der Ausstellung. Der weithin unbekannte jugendliche Widerstand – für sie nun keine Grauzone mehr.

Länderreport

HebammenmangelKeine Sonntagskinder in Emden
Ein neugeborenes schreiendes Baby wird nach der Geburt von einer Hebamme gewogen. (Getty / Christopher Furlong)

Jede Frau hat Anspruch auf eine Hebamme – so will es das Gesetz. Das nützt aber nichts, wenn es nicht genug Hebammen gibt. In Emden in Ostfriesland blieb deshalb der Kreißsaal vorübergehend am Wochenende geschlossen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur