Seit 01:05 Uhr Tonart
Mittwoch, 20.01.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Interview / Archiv | Beitrag vom 11.02.2010

Hans Mendl: Dominik Brunner bleibt ein Held

Theologieprofessor beklagt fehlende Kultur der Zivilcourage

Hans Mendl im Gespräch mt Jan-Christoph Kitzler

Podcast abonnieren
Kerzen und Blumen erinnern am 13.9.2009 an den Tags zuvor von Jugendlichen getöteten Geschäftsmann Dominik Brunner. (AP)
Kerzen und Blumen erinnern am 13.9.2009 an den Tags zuvor von Jugendlichen getöteten Geschäftsmann Dominik Brunner. (AP)

Der von zwei Jugendlichen getötete Geschäftsmann Dominik Brunner bleibt für den Theologen Hans Mendl ein Held, selbst wenn er nach neuesten Zeugenaussagen zuerst zugeschlagen haben sollte. Das änder nichts daran, "dass es trotzdem ein mutiges Verhalten war", sagt der Gründer der Datenbank "Local Heroes".

Jan-Christoph Kitzler: Dominik Brunner ist ein Held – das haben viele gesagt nach dem 12. September 2009. Damals ist Brunner gestorben bei dem Versuch, vier Kinder vor den Übergriffen durch zwei Jugendliche zu schützen. Nach seinem beherzten Eingreifen haben die Jugendlichen ihn so sehr geschlagen und getreten, dass er an den Verletzungen starb. Brunner hat posthum viele Auszeichnungen bekommen: das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, den Bayerischen Verdienstorden und den XY-Preis für Zivilcourage.

Doch das Bild von Dominik Brunner, es hat in dieser Woche Kratzer bekommen. Es gibt jetzt nämlich Zeugenaussagen, nach denen er als Erster zugeschlagen haben soll. Das Genauere werden die Richter klären müssen. Für uns bleibt aber heute die Frage: Wer taugt eigentlich für uns zum Helden? Darüber spreche ich jetzt mit Hans Mendl, er ist Professor für Religionsdidaktik an der Universität Passau und gewissermaßen Heldenexperte, denn er hat vor zehn Jahren die Initiative "Local Heroes" ins Leben gerufen. Guten Tag!

Hans Mendl: Guten Tag, Herr Kitzler!

Kitzler: Ich habe gerade mal nachgesehen, in Ihrer Datenbank, die Sie ins Internet gestellt haben, wird Dominik Brunner weiterhin als Held geführt. Soll das so bleiben?

Mendl: Es wird so bleiben, ja. Wir haben damals spontan Dominik Brunner aufgenommen in unsere Datenbank, weil er einfach alle Kennzeichen enthält, die ein Held auch haben sollte. Er hat zugesehen und hat auch gehandelt. Und das ist ja das, was ihn von vielen unterscheidet, dass er eben entgegen dieser Kultur des Wegschauens eine Kultur des Sicheinmischens gepflegt hat, dann einfach sich für diese bedrohten Kinder einfach mutig eingesetzt hat.

Kitzler: Sie haben von Kennzeichen gesprochen, die jemanden zum Helden machen. Was sind das für Kennzeichen?

Mendl: Also meine Datenbank heißt "Local Heroes", also im Gegensatz zu den großen, übermächtigen Helden ist es einfach so der Versuch, ganz normale Menschen zu sammeln in einer Datenbank, die dann, wenn es anstand, etwas Besonderes getan haben. Also Menschen so wie du und ich. Und das ist, denke ich, das wichtigste Kennzeichen, so die Kultur des Hinschauens, noch mal achtsam durchs Leben zu gehen und zu merken, wann brauchen andere meine Hilfe.

Kitzler: Wer ist denn für Sie überhaupt ein Held? Ich habe in Ihrer Datenbank gesehen, da tauchen ja die großen Namen auf wie Martin Luther King, aber eben auch Dominik Brunner. Wer ist ein Held?

Mendl: Also wie gesagt, Menschen wie du und ich, die einfach zeigen, dass auch in unserem Alltag so was möglich ist wie ein altruistisches Verhalten für andere. Und ich denke, unsere Welt braucht Helden, weil ansonsten könnte so eine unübersichtliche postmoderne Welt gar nicht existieren. Wir brauchen Menschen, die durch ihr Verhalten zeigen, dass die Welt eben nicht aus allen Fugen gerät, also konkret Menschen, die etwas für andere tun, die sich für bedrohte Menschen einsetzen, die sozial aktiv tätig sind, die sich nicht damit zufriedengeben mit dem, dass wir einen Sozialstaat haben.

Kitzler: Kommen wir noch mal zu Dominik Brunner. Es gibt ja jetzt Leute, die behaupten, durch seinen, ja Erstschlag will ich mal sagen hat er die Situation überhaupt erst zur Eskalation gebracht. Waren die Ehrungen, mit denen er überhäuft wurde – posthum leider – vorschnell?

Mendl: Nein, ich glaube nicht, weil von meiner Definition von Heldentum her ist es auch egal, was ein Mensch ansonsten getan hat, was er ansonsten im Leben macht oder nicht tut. Entscheidend ist, dass er in einer Situation einfach das Richtige getan hat. Und ich denke, zumindest von zwei Aspekten her würde man sagen, da ändert sich an der Einschätzung nichts. Es war ganz klar, die Kinder waren bedroht, und das Zweite ist auch ganz klar, er wurde totgeschlagen, weil er sich für diese Kinder eingesetzt hat. Über die Art und Weise des Einsetzens, da muss man sich sicher auch Gedanken machen.

Aber das ist für mich noch mal ein Indiz dafür, dass wir im Prinzip auch keine richtige Kultur oder Pädagogik der Zivilcourage entwickelt haben, weil wir einfach auch alle hilflos sind, was in der Situation das richtige angemessene Verhalten wäre. Es gibt ja durchaus auch Experten, die raten dazu, eben nicht unmittelbar einzugreifen, sondern eher zu versuchen, die Umstehenden zu aktivieren zu einem gemeinsamen Handeln, aber ich denke, in der Situation selber ist einfach ein schnelles Verhalten auch gefragt. Und selbst wenn Dominik Brunner jetzt also den sogenannten Erstschlag getätigt haben sollte, ändert es nichts, dass es trotzdem ein mutiges Verhalten war.

Kitzler: Helden sind ja nicht von sich aus Helden, sondern Helden werden zu Helden gemacht und sie werden instrumentalisiert, zum Beispiel von den Medien und von anderen, die sich in ihrem Glanz sonnen wollen. Ist das ein Problem?

Mendl: In unserer Mediengesellschaft darf es kein Problem sein, sondern es ist einfach so, dass natürlich wir alle Menschen brauchen, die auf irgendeine besondere Weise tätig sind, und dass die Medien dazu auch als Multiplikatoren auch dienen. Also ich sehe das eher gelassen, auch wenn da natürlich immer ein gewisser Medienhype damit verbunden ist. Aber deswegen denke ich, sind so Aktivitäten, wie ich sie mit meiner Datenbank mache, umso wichtiger, weil da kommt man aus dem Alltagsgeschäft raus und kann auch in zwei Jahren noch mal nachschauen und vielleicht sieht vieles aus der Distanz auch kritischer oder differenzierter. Wie gesagt, mein Ansatz ist der, ich möchte keinen auf einen Sockel heben, sondern ganz einfach sagen: Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die sich zivilcouragiert verhalten.

Kitzler: In Ihrer Datenbank geht es ja auch um die Vermittlung von Werten. Kann man Heldentum unterrichten?

Mendl: Man kann Werte nicht vermitteln. Man kann sensibilisieren für einen empathischen Umgang miteinander. Ich denke, was ich mit den Beispielen erreichen möchte, ist, dass man sich immer wieder in die Lage dessen hineinversetzt, der in einer Notsituation ist. Kommen wir noch mal auf Brunner zurück: Also wenn ich tatsächlich jetzt mal bedroht werde, was würde ich mir wünschen, das andere Menschen tun? Und ich glaube schon, also wenn Kinder, wenn Jugendliche immer wieder mit dieser Achtsamkeit lernen, auch die Situationen im Leben wahrzunehmen, dass sie so was lernen können wie einen sensibleren Umgang miteinander und vielleicht im konkreten Fall dann auch zivilcouragierter sich verhalten würden, als wenn das eben nicht der Fall gewesen wäre.

Kitzler: Hans Mendl von der Universität Passau war das über Helden in der heutigen Zeit und über den Fall Dominik Brunner. Vielen Dank dafür!

Mendl: Danke schön!

Interview

PandemiemüdigkeitWarum uns zu Hause die Puste ausgeht
Durch die Beine einer Katze hindurch sieht man, wie ein Mädchen gelangweilt auf einen Laptop schaut. (Picture Alliance / Robin Utrecht)

Viele sind frustriert: Das liegt aber nicht nur am Coronavirus, sondern auch an den widersprüchlichen Botschaften zur Lage der Pandemie, meint der Sozialpsychologe Ulrich Wagner. Politik und Wissenschaft sollten stärker an einem Strang ziehen.Mehr

Härterer Lockdown"Es fehlt an Eigenverantwortung"
Ein Mann geht am frühen Morgen an der rot illuminierten Oper in Hannover vorbei.  (picture alliance/dpa /Julian Stratenschulte)

Ausgangssperren? Pflicht zu FFP2-Masken? Mehr Homeoffice? Der Epidemiologe Klaus Stöhr begrüßt alles, was Kontakte reduziert. Und er fordert eine Strategie, die für mehr Einsicht in den Sinn der Anti-Corona-Maßnahmen sorgt.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur