Dienstag, 13.04.2021
 

Fazit | Beitrag vom 16.02.2021

Doku "Die Erfindung eines Mörders"Die Lügen einer True-Crime-Story

Susanne Regener im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
Vier Männer, davon zwei in Polizeiuniform, halten einen vermeintlichen Verbrecher fest. (IMAGO / United Archives)
Die Geschichte eines angeblichen Mörder auf der Leinwand: In "Nachts, wenn der Teufel kam" aus dem Jahr 1957 wird Bruno Lüdke von Mario Adorf gespielt. (IMAGO / United Archives)

Erst nach über 50 Jahren wurde Bruno Lüdke von dem Verdacht befreit, ein Serienmörder zu sein. Da war er lange tot. Sein Fall wurde in Zeitungen, Magazinen und im Film als wahre Geschichte verkauft. Eine Doku zeichnet die Lügen dahinter nach.

Jahrzehntelang galt Bruno Lüdke als Deutschlands schlimmster Serienkiller. 84 Morde an Frauen gestand er während des Zweiten Weltkriegs. Verurteilt wurde Lüdke nie, 1944 starb er im Gewahrsam der Sicherheitspolizei der Nationalsozialisten vermutlich durch Menschenversuche.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Erst in den 1990er-Jahren stellte sich heraus, dass der geistig zurückgebliebene Lüdke keinen der Morde begangen hatte, sondern durch die Vernehmer gedrängt wurde, etwas zu gestehen, was er nicht getan hatte. In der Arte-Doku "Die Erfindung eines Mörders - Der Fall Bruno Lüdke" wird das Geschehen noch mal aufgerollt.

In den 1950er-Jahren habe die Rezeption der Geschichte Lüdkes überhaupt erst ihren Lauf genommen, sagt die Medienwissenschaftlerin Susanne Regener. Damals sei das Interesse an sogenannten True-Crime-Geschichten groß gewesen.

Den Anfang macht "Der Spiegel": 1950 beschreibt er Lüdke als "Tiermenschen", "großen, starken Menschenaffen" und "zurückgebliebenen Neandertaler". "Hier werden die Narrative für das Böse gesetzt, die so lange wirksam sind", so Regener.

Jahrzehnte unter falschen Vorzeichen

Jahre später folgt die "Münchner Illustrierte" und schließlich 1957 der Film "Nachts, wenn der Teufel kam". Mario Adorf verkörpert hier Bruno Lüdke.

"Man macht daraus ein Spielfilm, in dem die Nazis die Bösen sind. Aber trotzdem wird Bruno Lüdke dort als Massenmörder bezeichnet", sagt Regener. Die noch lebenden Schwestern Lüdkes versuchten erfolglos, juristisch gegen den Film vorzugehen.

Die Arte-Doku zeigt, wie der Fall Lüdke jahrzehntelang die Öffentlichkeit beschäftigte. Lange unter völlig falschen Vorzeichen. Das könne man aus dieser Geschichte lernen, meint Regener: "Fake News haben eine lange Vorgeschichte. Auch die populären sogenannten True-Crime-Stories muss man als gemacht ansehen."

(beb)

Mehr zum Thema

David Whish-Wilson: "Das große Aufräumen" - Metropole zwischen Staub, Schönheit und Korruption
(Deutschlandfunk Kultur, Frühkritik, 12.02.2021)

Schaurig und schön - Unvergessen: Die "Mörder-Balladen" von Nick Cave
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 08.02.2021)

Mario Adorf zum 90. Geburtstag - "Was Raubeiniges hatte er nie"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 08.09.2020)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsBefremdlicher Rat der Polizei
Gestellte Aufnahme zum Thema Mobbing in sozialen Netzwerken. Neben dem "Gefällt mir" Button sind die Worte "Du Opfer" zu sehen.  (imago-images / photothek / Thomas Trutschel)

Die Adresse der Comedy-Autorin Jasmina Kuhnke wurde im Netz veröffentlicht, schreibt die "Taz" – zeitgleich mit dem Aufruf, sie "zu massakrieren". Statt Kuhnke unter Schutz zu stellen, habe die Polizei ihr geraten, sich von Twitter abzumelden.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 34Auf der Bühne mit Behinderung: Theater und Inklusion
Lucy Wilke & Paweł Duduś in dem Stück „Scores that shaped our friendship”. (Theresa Scheitzenhammer)

Die Nominierung der Schauspielerin Lucy Wilke zum diesjährigen Theatertreffen macht die Fragen nach der Vereinbarkeit von Theaterarbeit und Behinderung wieder aktuell: Was fehlt zur ganzheitlichen Barrierefreiheit? Mit Lucy Wilke suchen wir nach konkreten Handlungsansätzen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur