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Lesart | Beitrag vom 26.05.2020

Desmond Morris: "Das Leben der Surrealisten"Als die Maler in den Zoo gingen

Von Eva Hepper

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Buchcover "Das Leben der Surrealisten" von Desmond Morris (Unionsverlag / deutschlandradio)
Buchcover "Das Leben der Surrealisten" von Desmond Morris (Unionsverlag / deutschlandradio)

Bevor Desmond Morris zu einem der bekanntesten Zoologen Englands wurde, war er surrealistischer Maler und stellte u.a. mit Miró aus. Jetzt erzählt er amüsante Geschichten über Salvador Dali, Man Ray und Co.

1964 kam es in London zu einem Surrealisten-Treffen der besonderen Art: Joan Miró – der weltberühmte Maler war bereits in seinen 70ern –, die bekannte Fotografin Lee Miller und ihr Ehemann Roland Penrose, Mitbegründer der surrealistischen Bewegung in Großbritannien, gingen in den Zoo. Sie wollten Affen und Vögel sehen und gleichzeitig ihren Freund und ehemaligen Kollegen Desmond Morris besuchen.  

Zoobesuch mit Folgen

Zehn Jahre zuvor hatte dieser noch mit Miró gemeinsam in Paris ausgestellt, dann aber die Kunst zugunsten der Zoologie vernachlässigt. Mittlerweile machte Morris Tierfilme für die BBC und arbeitete als Kurator für Säugetiere am Londoner Zoo.

Es muss ein fröhlicher Nachmittag gewesen sein, den die vier Freunde dort miteinander verbrachten. Davon zeugen die legendären Fotografien Lee Millers, die einen beglückten Miró mit Python und Nashornvogel zeigen, und davon schreibt auch Desmond Morris über 50 Jahre später in seinem originellen Buch über "Das Leben der Surrealisten".  

Das Liebesleben der Künstler

Darin widmet sich der 1928 geborene Engländer 32 herausragenden Protagonisten der surrealistischen Bewegung; darunter große Namen wie André Breton, Max Ernst, Salvador Dali oder Meret Oppenheim und auch weniger bekannte wie Victor Brauner, Leonor Fini oder Wifredo Lam.

Morris’ Auswahl ist, wie er in der Einleitung gesteht, rein subjektiv. Jedem Protagonisten widmet er zwischen fünf und zwanzig Seiten, beginnend mit einem Porträtfoto, einer Werkabbildung und einer tabellarischen Kurzbiografie, die auf die Eltern verweist (bei Breton etwa als "atheistischer Polizist" und "gefühlsarme Schneiderin" ausgewiesen), die Zeit der Mitgliedschaft bei den Surrealisten erwähnt (Max Ernst flog zweimal raus, 1938 und 1954) und das mitunter turbulente Liebesleben beschreibt (viele Zeilen bei Penrose und Ernst, eine bei Miró).

Breton als "dümmlicher Westentaschendiktator"

Nach dieser Einführung ist es nicht überraschend, dass Desmond Morris sich der Kunst über das Leben und Lieben seiner ausgewählten Schar nähert. Statt einzelner Werke stellt er Persönlichkeiten mit ihren Stärken und Schwächen im Mittelpunkt.

So erlebt man Breton als "dümmlichen Westentaschendiktator", der die Bewegung in den 1920er-Jahren in Paris gründete und dem die Mitglieder wegen seiner despotischen Natur schließlich davonliefen.

Von Penrose erfährt man, dass er die Mäzenatin Peggy Guggenheim mit deren Elfenbeinarmreifen ans Bett fesselte, was diese äußerst unbequem fand. Henry Moore verlor im Tennis gegen Eileen Agar und "verzieh ihr das nie". Brauner erlitt eine "wahrhaft surrealistische Verletzung", als er bei einem Streit unter Kollegen ein Auge einbüßte und Francis Bacon wäre sehr gerne Surrealist geworden, wurde 1936 aber nicht in die Gruppe aufgenommen. Morris porträtiert ihn dennoch.

Ein Husarenstück - köstlich und originell

Dieses Buch ist ein Husarenstück. Tatsächlich gelingt es seinem Autor, mit seinen boulevardartigen und höchst witzig formulierten Einzelporträts die gesamte Bewegung in den Blick zu bekommen. So unterhaltsam und zugleich so informativ hat noch keiner über die Surrealisten geschrieben!

Desmond Morris: "Das Leben der Surrealisten"
Aus dem Englischen von Willi Winkler
Unionsverlag/ Zürich 2020
352 Seiten, 26 Euro

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