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Kompressor | Beitrag vom 21.09.2018

Desktop-Film "Searching" Kalendereintrag in den Papierkorb: die Mutter ist tot

Moderation: Gesa Ufer

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"Searching", links Regisseur und Drehbuchautor Aneesh Chaganty, rechts John Cho, am Set 2018. ph: Elizabeth Kitchens. ©Screen Gems/courtesy Everett Collection.  (Elizabeth Kitchens /  ©Screen Gems/courtesy Everett Collection)
Aneesh Chaganty und Hauptdarsteller John Cho am Set: "Eigentlich nur eine Mausbewegung." (Elizabeth Kitchens / ©Screen Gems/courtesy Everett Collection)

Aneesh Chaganty hat einen Thriller gedreht, bei dem die Kamera die ganze Zeit den Desktop eines Computers filmt. Ihm gelingt es, damit echte Emotionen zu wecken. Filmkritiker Tilman Baumgärtel sagt: "Das geht einem wirklich an die Nieren."

"Searching" heißt der Thriller, über den die Zeitung "Die Welt" schreibt, er werde das Kino für immer verändern. Das Besondere an dem Film von Aneesh Chaganty: Die Handlung wird nur über Bande erzählt, über das, was auf einem Computer-Monitor auf einem Schreibtisch zu sehen ist.
In dem Film sucht ein Vater nach seiner verschwundenen Tochter, im Vorfeld ist die Mutter des Mädchens offenbar gestorben. Es handelt sich um einen Thriller, eine Geschichte, die einen verstören und aufwühlen will. Filmkritiker und Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel hat "Searching" gesehen und sagt, das gelinge durchaus. 

Eine Story in Mausbewegung

Gleich am Anfang gebe es eine Montage, die das Leben dieser jungen Frau, die dann verschwindet, einzig und allein durch Computernutzungsvorgänge darstelle, sagt Baumgärtel. "Also, die Mutter erkrankt an Krebs, dann wird bei Google nach Krebstherapien gesucht; dann sieht man Youtube-Videos, wie sie sehr intensiv Sport macht, um den Krebs loszuwerden; und dann sieht man, wie im Kalender der Termin 'Mama auf dem Krankenhaus abholen' wieder im Kalender verschoben wird; und dann irgendwann in den Papierkorb gezogen wird, weil man Mama nicht aus dem Krankenhaus abholen kann, weil sie halt verstorben ist."
Baumgärtel findet die Erzählung sehr gelungen. "Das geht einem wirklich an die Nieren." Es sei wirklich eine Methode, auf die Tränendrüse zu drücken: "Eigentlich nur eine Mausbewegung, aber weil wir selbst so mit dem Computer sozialisiert sind inzwischen, kann uns das auch emotional erreichen."

Aneesh Chaganty "Searching" sei nicht der erste Desktop-Film oder Screen-Movie, sagt Baumgärtel. Produzent Timur Bekmambetow habe mit "Unfriended" einen weiteren Film dieses Genres produziert. Aber da habe es nur einen Blick auf den Bildschirm gegeben, ungeschnitten, ohne Kameraarbeit. Bei "Searching" gebe es indes Nahaufnahmen vom Bildschirm, immer wieder Bilder vom Chat-Programm Facetime, wo man den Gesprächspartner groß sehe und den Protagonisten in einem kleinen Fenster unten, da werde zum Teil draufgezoomt, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu lenken, wie das gute Kameraarbeit generell tun solle. 

Ganz neues Motivfeld

Baumgärtel bilanziert angesichts Chagantys Erzähltechnik mit dem Computer-Desktop: "Er hat das also nicht erfunden, aber er entwickelt es systematisch weiter. Und das muss man ihm schon anrechnen." 

Denn Aneesh Chaganty mache einerseits ein ganz neues Motivfeld fürs Kino auf, und andererseits suche er auch nach einer Lösung für ein Problem, dass das Kino ja schon länger habe: Dass sich alle möglichen Vorgänge, die sich in der physischen Welt abgespielt haben und somit abfilmbar waren, immer mehr in den Computer verlagert hätten – sei es das Anknüpfen von Liebesbeziehungen, sei es Diebstahl oder Verbrechen.

So gesehen, erzähle dieser Erzählstil auch uns eine ganze Menge darüber, wie wir inzwischen leben und ticken. Und Baumgärtel ist sehr gespant, wie das Publikum den Film annimmt – dass man jetzt auch noch im Kino wie daheim und an der Arbeit auf so einen Bildschirm blickt.

(mf)

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