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Lesart / Archiv | Beitrag vom 03.10.2008

Der zweitmächtigste NS-Führer

Peter Longerich: "Heinrich Himmler - Biographie", Siedler Verlag

Rezensiert von Hans Ulrich Wehler

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Heinrich Himmler im Jahr 1938 (AP-Archiv)
Heinrich Himmler im Jahr 1938 (AP-Archiv)

Peter Longerich analysiert in seinem Buch die Rolle des zweitmächtigsten Mannes des "Dritten Reiches". Der Zweite Weltkrieg bot Heinrich Himmler "unerhörte Chancen" – an der Spitze der SS und Waffen-SS sowie als Herr der Konzentrationslager.

Am Ende war er der zweitmächtigste Mann des "Dritten Reiches": Reichsführer der SS und der Waffen-SS mit ihren mehr als einer Million Soldaten, Chef der Deutschen Polizei und des gesamten Lagersystems, Spitzenfigur einer gigantischen Umsiedlungs- und Germanisierungspolitik, Exekutor eines gnadenlosen Terrorsystems auf dem "Inneren Kriegsschauplatz" und bei der Partisanenbekämpfung, endlich sogar Herr des Ersatzheeres der Wehrmacht und der Heeresrüstung, Reichsinnenminister und, makabrer Höhepunkt, Organisator des gesamteuropäischen Judenmords. Wie konnte Heinrich Himmler, den Hitler 1943 Goebbels gegenüber als eine "ganz überragende Persönlichkeit unseres Regimes" lobte, diese "nahezu totale Personalisierung politischer Macht" auf dem Weg zu seiner Zielutopie eines rassereinen "Großgermanischen Reiches" mit "Lebensraum" bis hin zum Ural erreichen?

Im charismatischen Herrschaftssystem Hitlers waren die entscheidenden Machtapprate strikt an den "Führer" gebunden, konnten aber bei der Ausführung ihrer Aufgaben extrem große Handlungsspielräume nutzen. Himmler, dessen geradezu devote Hitlerloyalität bis zur vorletzten Stunde als unerschütterlich galt, berief sich bei seiner Kompetenzen-Expansion stets auf die Zauberformel, den "erklärten Willen des Führers" auszuführen. Dabei reagierte er zum einen auf die Dynamik des NS-Systems, trieb sie aber zum anderen selber dank seiner Machtfülle und oft unterschätzten Wirkungserfolge auch selber bis hin zum Holocaust voran. Der beispiellosen Machtakkumulation in einem Apparat, den Himmler streng monokratisch leitete, stand der Eindruck zahlreicher Zeitgenossen gegenüber, dass er als Persönlichkeit unansehnlich, ja geradezu banal wirkte, emotional gehemmt und bindungsgestört - das exakte Gegenteil eines Individuums mit charismatischer Ausstrahlung verkörpernd.

Cover: "Peter Longerich: Heinrich Himmler - Biographie" (Siedler Verlag)Cover: "Peter Longerich: Heinrich Himmler - Biographie" (Siedler Verlag)Über diese im Grunde rätselhafte Figur gab es bisher merkwürdigerweise nur einige ältere, von der Forschung längst überholte Studien. Jetzt hat ihr Peter Longerich, einer der profiliertesten deutschen Zeithistoriker, eine empirisch gesättigte, umfangreiche (immerhin 960 Seiten zählende) Analyse gewidmet, die Biographie und Strukturgeschichte zu verbinden anstrebt. Warum ein derart breit ausgewiesener Spitzenwissenschaftler eine Professur an der Universität London statt einen Lehrstuhl in der Bundesrepublik inne hat, gehört zu den unerforschlichen Geheimnissen des deutschen akademischen Betriebs. Jedenfalls ist ihm nach 10- jähriger Vorbereitungszeit und nach seiner imponierenden Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung (,‚Politik der Vernichtung‘, 1998) erneut eine Synthese gelungen, die aus dem inzwischen zugänglichen riesigen Quellenmaterial in den Archiven aller Herren Länder und aus der Literatur der gesamten internationalen Forschung alles zusammenfügt, was heute für eine Studie über Hitler greifbar ist, die Befunde aber zugleich einer stringenten Interpretation unterwirft.

Himmler, 1900 geboren, wuchs als kränkelnder Musterschüler in der streng katholischen Familie eines bayrischen Gymnasialdirektors auf. Dort genoss er eine typisch bildungsbürgerliche Jugend ohne jede erkennbare Sonderbedingung, die Aggressivität und Grausamkeit hätte fördern können. Freilich litt er unter seinen Schwächen, blieb verklemmt, in starrer Abhängigkeit von den Eltern befangen, stets bemüht um rigorose Selbstkontrolle. Er gehörte wie viele Nationalsozialisten zur sogenannten "Kriegsjugendgeneration", die in verblendeter Sehnsucht nach 1914 in den Kampf ziehen wollte, aber nicht zum Einsatz kam.

Bis zum Fahnenjunker schaffte es Himmler noch, gelangte aber nicht mehr an die Front, was er als schweren Makel, als versagte Lebenschance empfand. Sein Leitbild blieb seither die soldatische Existenz als Offizier. Nach der Entlassung aus dem Heer stieß er zum Freikorps Oberland, nahm aber wiederum nicht an der Niederschlagung der Münchner Republik teil. Enttäuscht absolvierte er ein viersemestriges Landwirtschaftsstudium, das er als diplomierter Agrarökonom abschloss. In dieser Zeit gehörte er einer schlagenden Verbindung an, praktizierte noch aktiv seinen katholischen Glauben, wendete sich auch nicht gegen jüdische Studenten, blieb schüchtern, um Verhaltenskontrolle bis hin zu einem gequälten Zölibat bemüht — mit 27 Jahren schlief er zum ersten Mal mit einer Frau, die er unverzüglich heiratete.

Himmlers politische Radikalisierung fällt offensichtlich erst in die Phase zwischen 1922 und 1924. Jetzt bildete sich sein "völkisches Weltbild" mit dem typischen Antisemitismus, Extremnationalismus und Rassismus heraus, ergänzt durch seine germanophilie, im "Artamanen-Bund" geförderte Schwärmerei — eine bizarre Fusion von "politischer Utopie, romantischer Traumwelt und Religionsersatz". Er engagierte sich als Agitator für die junge NSDAP und stand 1923 nach dem gescheiterten Putsch Hitlers, dieses "wahrhaft großen Mannes‘, ohne die Alternative eines bürgerlichen Berufs vor dem Bankrott. Dennoch blieb er, so fiel seine Entscheidung für die Rolle des politischen Aktivisten aus, bei den Rechtsradikalen, wurde 1925 NSDAP-Mitglied, folgte seinem Durchhaltewillen, auch seinem Illusionismus und seiner Selbststilisierung als soldatischer Kämpfer.

Einige Jahre förderte Gregor Strasser, einer der prominenten Köpfe des Rechtstotalitarismus, den ehrgeizigen jungen Mann. Ein "Erweckungserlebnis" mit Hitler, wie es Goebbels 1926 erfuhr, blieb aus. Aber als der strebsame Parteifunktionär als Strassers Stellvertreter und Propagandaleiter in die Münchener Parteizentrale ging, belohnte Hitler 1927 sein lebhaftes Engagement mit der Position des Stellvertretenden Anführers der "Schutzstaffel", der Saalschutz- und Leibwache. Anfang 1929 wurde er sogar zum "Reichsführer-SS" an der Spitze dieser paramilitärischen Formation befördert, die er alsbald als elitäre, rassische Avantgarde der "Hitler-Bewegung", scharf abgegrenzt von den SA-Rabauken, ausbaute. Der Sprung auf diese Spitzenstellung mit 29 Jahren erweist sich im Rückblick als entscheidende Weichenstellung für Himmlers atemberaubende Karriere. Leider sind Hitlers explizite Motive für diese auffällige Förderung nicht genau bekannt.

Seither entpuppte sich Himmler als Paladin mit ausgeprägtem Organisationstalent, mit einem kompromisslos monokratischem Führungsstil, dazu mit der Fähigkeit, vorteilhafte Netzwerke aufzubauen und unleugbare Geschicklichkeit in der "Menschenführung", wie es im NS-Jargon hieß. Auch wenn Himmler diese plötzlich zutage tretende Begabung nur für das abgrundtief Böse nutzte, muss man ihre erstaunlichen Auswirkungen sowohl beim Aufbau eines riesigen Machtapparats als auch bei der Ausführung zahlreicher mörderischer Aktionen zuerst einmal nüchtern anerkennen. In hoher Geschwindigkeit baute Himmler zunächst die SS von einer 200, maximal 400 Mann zählenden Einheit bis 1933 zu einem Korps mit 50000 Mitgliedern aus.

Vor allem aber öffnete sich von- dieser neuen Position aus die Chance, längst gehegte Ambitionen zu verwirklichen: die politische Religion seiner Weltanschauung, die Befreiung vom Christentum, die Sprengung konventioneller moralischer Bindungen durchzusetzen, die SS als "Sippenorden" zur Parteielite zu erheben, "Lebensraum" im Osten zu erobern, die germanische Welt in einem nordischen, rassereinen Riesenreich wiederzubeleben, "Untermenschen" wie die Juden und Slawen gnadenlos "auszumerzen". Das unverändert Erschreckende dieser Programmatik bleibt, wie weit Himmler bei dem Anlauf, seine Utopie mit Hunderttausenden von Helfern zu verwirklichen, innerhalb weniger Jahre gekommen ist. Dabei nutzte er, wie gesagt, dynamisierte Entwicklungsprozesse, die der Nationalsozialismus vorantrieb, durchaus geschickt aus, verwirklichte aber auch Schritt für Schritt die eigenen Zielvorgaben.

Während der Röhm-Krise von 1934 als absolut loyaler Exekutor bei der Ermordung der SA-Spitze bewährt, gewann Himmler die Belohnung der Immediatstellung direkt unter Hitler, damit endlich die von der SA abgelöste organisatorische Eigenständigkeit der SS, die 1934 schon 200000 Männer und 342000 fördernde Mitglieder zählte. 1936 brachte er es auch bis zum Chef der gesamten Deutschen Polizei, deren Gliederungen — einschließlich der wesentlich von Best aufgebauten Gestapo und des von Heydrich geschaffenen Sicherheitsdienstes, - er mit der SS zu einem "Staatsschutzkorps" mit der Aufgabe der Generalprävention und totalen Gegnerausschaltung zusammenführen wollte. Zugleich förderte er den systematischen Ausbau des KZ-Systems und der schwer bewaffneten SS-Verbände, die bis 1939 schon 40000 künftige Waffen-SS-Soldaten zählten. Stützen konnte er sich auf seine rechte Hand, Reinhard Heydrich, als Organisator nicht zuletzt des Massenmordes die Inkarnation der Unmenschlichkeit.

Der Zweite Weltkrieg eröffnete für einen NS-Fanatiker wie Himmler, "unerhörte Chancen". An der Spitze der SS und Waffen-SS, als Herr der Konzentrationslager, als Chef der im September 1939 gegründeten Terrorzentrale des Reichssicherheitshauptamtes, als "Reichskommissar für die Festigung Deutschen Volkstums", Betreiber der eingeleiteten "völkischen Neuordnung" und "ethnischen Flurbereinigung" besaß er alle Machtinstrumente zur Verwirklichung jener Ziele, die das Hitler-Regime und Himmler selber erreichen wollten. Dabei trat die erbarmungslose Verfolgung aller Regimegegner, alsbald der Völkermord in Gestalt des Holocaust und der Slawenausrottung in den Vordergrund. Der in Polen bereits erprobte "rassistische Vernichtungskrieg" wurde in großem Stil auf die Sowjetunion übertragen, wo Himmlers Einsatzgruppen und SS-Verbände ihren Millionenmord ausführten.

Als einer der besten Kenner des Holocaust betonte Longerich erneut, dass sich nach allen möglichen Plänen, die Juden zum Beispiel in ein ostpolnisches "Reichsghetto" zusammenzuführen oder nach Madagaskar zu verschiffen, die flächendeckende, europaweit ausgeführte nackte Vernichtungspolitik ohne einen expliziten Hitler- Befehl seit Anfang 1941 bis zum Frühjahr 1942 allmählich durchsetzte. Die Mordpraxis resultierte aus stimulierenden "Vorgaben von oben", die aus einer radikal antisemitischen "Weltanschauung" und Hitlers Unterstützung der jeweils radikalsten Maßnahmen stammten, und aus "Initiativen von unten", die von SS-Schergen und anderen deutschen Instanzen ausgingen. Der Massenmord an den Juden aus dem gesamten besetzten Europa blieb für Himmler freilich nur die notwendige Vorstufe für die "judenfreie" rassistische Neuordnung des Ostens bis zum Ural, wobei für die "Flurbereinigung" im neuen Osten des "Großgermanischen Reiches" gemäß Himmlers " Generalsiedlungsplan" der Tod von 30 Millionen Russen einkalkuliert wurde. So fürchterlich sich auch Himmlers "Leistungsbilanz" ausnimmt, scheiterte er seit 1943 doch letztlich allenthalben. Den Judenmord musste er nach sechs Millionen Toten ganz so abbrechen wie seine Umsiedlungspolitik, die Waffen-SS versagte ganz so wie Himmler selber in seiner kurzlebigen Funktion als Chef der Heeresgruppe Weichsel. Trotzdem hielt er dem Regime bis zum Mai 1945 im Inneren den Rücken frei, trotzdem gehörte er mit Goebbels, Bormann und Speer bis zuletzt zu den unnachgiebigen Verfechtern des totalen Krieges.

Seine kläglichen Versuche, mit den Alliierten in allerletzter Stunde zu verhandeln, verrieten die aberwitzige Realitätsblindheit, ausgerechnet er könne als "ehrlicher Vermittler" akzeptiert werden. Als Hitler von diesem ganz unerwarteten "Verrat" erfuhr, verstieß er am 29. April unmittelbar vor seinem Selbstmord in einem Wutanfall Himmler aus allen Ämtern und aus der Partei, ächtete ihn in seinem Politischen Testament. Unter einem kümmerlichen lnkognito als Feldwebel abgetaucht, geriet Himmler in Norddeutschland in englische Gefangenschaft, in der er, als seine Identität zutage getreten war, mit einer Zyankalikapsel am 23. Mai seinem Leben ein Ende setzte.

Himmler war zu diesem Zeitpunkt nur 44 Jahre alt, hatte aber in den vergangenen 15 Jahren eine faszinierende Karriere durchlaufen. Seine eigentliche Stärke lag in der Fähigkeit, urteilt Longerich, Ideologie und Machtpolitik, die Gunst der Umstände nutzend und seinem grenzenlosen Ehrgeiz folgend, während einer beispiellosen Machtakkumulation zu verbinden, die ihn in der NS-Hierarchie unmittelbar hinter Hitler führte. Ohne ihn wäre, das wird man ohne unangemessene Personalisierung und trotz aller strukturgeschichtlich begünstigenden Entwicklungen sagen können, der Komplex seiner Herrschafts- und Terrororganisationen ebenso wenig zustande gekommen wie der Holocaust in seiner realhistorischen Form. Und selbst der Judenmord sollte ja nur eine der Voraussetzungen für die blutige "Neuordnung" Europas unter der Hegemonie des anvisierten "Großgermanischen Reiches" bis zum Ural bilden. Diese unleugbare Spitzenrolle Himmlers und das Ausmaß seiner "Erfolge" während der Realisierung seiner Zielutopie machen ihn zu einer noch immer furchterregenden Schlüsselfigur des "Dritten Reiches", die unmittelbar neben dem charismatischen "Führer" als Vollstrecker seines Willens steht.


Peter Longerich: Heinrich Himmler - Biographie
Siedler Verlag, München 2008

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