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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.03.2007

Der Zweifler und die Kirche

Glenn W. Most: "Der Finger in der Wunde. Die Geschichte des ungläubigen Thomas". Verlag C.H. Beck, 2007. 304 Seiten

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Das angebliche Grabtuch von Jesus wird in Turin aufbewahrt und nur selten der Öffentlichkeit gezeigt. (AP Archiv)
Das angebliche Grabtuch von Jesus wird in Turin aufbewahrt und nur selten der Öffentlichkeit gezeigt. (AP Archiv)

Der Literaturwissenschaftler Glenn W. Most untersucht in "Der Finger in der Wunde" die Figur des ungläubigen Thomas und seine Wirkung in der Kirchengeschichte. Er zeigt dabei deutlich, dass Thomas für die herrschende Autorität der Kirche stets eine Gefahr bedeutete und andere Zweifler auf den Plan rief. Zugleich zeigt er die Strategien kirchlicher Künstler und Autoren, diese gefährliche Figur zu bannen.

"Klassische Philologie" - klingt für den Nicht-Akademiker vielleicht erst einmal weit weg. Ist aber genau das Gebiet, auf dem Glenn W. Most seit Jahrzehnten immer wieder mit hochgradig spannenden und überraschenden Erkenntnissen brilliert, die längst nicht nur Wissenschaftler faszinieren. Auf den Spuren antiker Autoren wie Homer, Ovid oder Vergil, von Figuren wie Medea, Elektra oder Daphne - Most bringt seinen Lesern Entstehung, Wirkung und Wanderung der Texte so nah, als wären es zeitgenössische.

Most - Jahrgang 1952 - ist heute einer der bedeutendsten Literaturwissenschaftler weltweit. Er hat u.a. an den Universitäten Yale, Princeton, Siena, Tübingen und Heidelberg gelehrt - und forscht gegenwärtig in Pisa. Er hat den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft bekommen und hat sich jetzt auf die Spur einer Figur begeben, über die bislang die Theologen gewacht haben - auf die Spur des ungläubigen Thomas.

Diese Figur - diesen Zweifler Thomas, den einzigen Jünger, der nicht an die Auferstehung Christi glauben will, bevor er nicht selbst seinen Finger in die Wunden, seine Hand in die Seite gelegt hat - als eine hochgradig brisante Figur in der Kulturgeschichte christlicher Texte und Bilder herauszuarbeiten. Er tut das völlig abseits theologischer Prämissen, mit der Akribie und dem Spürsinn des Kriminologen, mit dem Witz und der Schärfe des Akademikers - für den der Zweifel eben nicht mehr wort- wie sinnverwandt ist mit der "Verzweiflung", sondern notwendiger Vorbote jeder Erkenntnis.

Er zeigt, wie der Ungläubige in christlichen Texten und Bildern als geradezu ungeheuerliche und zutiefst verstörende Figur auftritt. Ein Beispiel schreit dem Betrachter bereits vom Buch-Cover entgegen: Auf Caravaggios großartig-entsetzlichem Gemälde (heute in Potsdam zu sehen) bohrt Thomas seinen Finger tief in die Wunde Christi - die Szene gleicht einer Vergewaltigung. Der Zweifler, der nur glaubt, wenn er mit eigener Hand ertastet, als höchste Gefahr für Autorität und Macht der Kirche!

Most untersucht nun die Baupläne, die Strategien und rhetorischen Kunstgriffe, über die christliche Autoren und Künstler diese gefährliche Figur zu bannen suchen: Im ersten Teil tastet er den Textkörper ab, in dem der ungläubige Thomas zum ersten Mal auftritt und - natürlich -überzeugt wird: Kapitel 20 des Johannesevangeliums, das mit dem Vers endet: "Selig, die nicht sehen und doch glauben." Most arbeitet die Strategie, die den Bauplan dieses Textes bestimmt, klar heraus: Der Leser des Evangeliums kann nicht mehr mit eigenen Augen überprüfen - er muss über den Text, über seinen Stellvertreter Thomas überzeugt werden.

Im zweiten Teil des Buchs untersucht Most Deutungen, Nacherzählungen und Verfälschungen dieses Urtextes in christlichen Texten und Bildern bis zur Aufklärung - und hier wird es richtig spannend: Der Evangelist Johannes hat sich verrechnet! Sein Zweifler fängt an, sich zu verselbständigen - weil er jede Menge Fragen provoziert - weil das Bedürfnis, selbst zu sehen, selbst zu tasten, schlicht und einfach so groß - und so menschlich ist.

Einige Beispiele für die Unruhe, die der ungläubige Thomas unter den Gläubigen provoziert: Schon der Apostel Paulus muss seinen höchst irritierten Korinthern erklären, wie das denn bitte sein könne, dass Thomas Christus anfasst, wenn Johannes doch ein paar Zeilen vorher noch schreibt, dass Christus durch die Wand gegangen sei - also keinen Körper habe. Die Lösung: Paulus erfindet das Paradoxon eines "geistlichen Leibes"!

Die Kirchenväter debattieren sich im 3. Jahrhundert die Köpfe heiß - und versuchen den Urtext des Johannes, diesen Textkörper lückenlos abzudichten, ihn gleichsam "hieb- und stichfest" zu machen: Ist Christus nun inklusive Körper auferstanden? Wovon soll man die Gläubigen überzeugen? Was ist rechte, was Irrlehre?

Zahllose Autoren, die als Verirrte aus dem Neuen Testament ausgeschlossen werden, stricken die Geschichte, die Johannes erzählt hat, höchst phantasievoll weiter: Da mutiert der ungläubige Thomas zum Beispiel zur ungläubigen Hebamme, die eigenhändig die unbefleckte Empfängnis der Maria überprüft! Und so geht das Erzählen, Deuten und Verfälschen rund um den skandalösen Zweifler munter weiter - bis endlich Luther auftritt und klarstellt: Wir haben es hier nicht mit einem Körper, sondern mit einem TEXTkörper zu tun - die Berührung ist eine Metapher!

Und das ist genau der spannende Punkt: Wie nebenbei vermittelt Most eine angenehm konkrete, ehrfurchtsfreie Vorstellung davon, wie diese Texte entstanden sind - welche Ziele sie verfolgen, auf was sie reagieren - und wie sich der Umgang mit Texten als Texten, also als Konstrukten, die mit Bauplänen, rhetorischen Strategien und Stilmitteln arbeiten, erst entwickeln muss.

Dennoch ist das Buch keine leichte Kost: Wer nun gar nicht sprachwissenschaftlich vorgebildet ist, kommt hier nicht ganz so leicht durch: Ein Fachbegriff wie "Stemma" wird bei Most ganz selbstverständlich verwendet - wer nicht weiß, dass damit der Stammbaum eines Textes gemeint ist, muss ein Fachlexikon zu Rate ziehen. Auch mit akademischen Wortungetümen wie "Intertextualität" muss man sich arrangieren. Aber: Den Fachjargon macht Most durch eine klare, logisch Schritt für Schritt die Texte und Bilder befragende Herangehensweise wett - die die frühchristlichen Akteure eben nicht ehrfürchtig überhöht, sondern - teilweise äußerst amüsant - nach ihren höchst menschlichen, psychologischen Motiven fragt: Was treibt die streitenden Kirchenväter an? Worüber zerbricht sich Paulus den Kopf?

Wer keine leichte Lektüre sucht, sondern durchaus die Arbeit an Text und Bild, dem kann man dieses Buch uneingeschränkt empfehlen. Weil man hier ohne jede theologische Rhetorik und kirchliche Prämissen - und auch noch auf höchst humorvolle Weise - unglaublich viel über die Entstehung christlicher Texte und Kunstwerke lernt. Wenn man am Ende mit Most durch das Glasfenster eines Reliquiars in der Basilika Santa Croce in Gerusalemme in Rom auf etwas schaut, was angeblich einmal der Finger des ungläubigen Thomas gewesen sein soll, dann hat man eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie der Kampf gegen den Zweifel die Geschichte der Kirche bestimmt hat.

Rezensiert von Alexandra Mangel

Glenn W. Most: Der Finger in der Wunde. Die Geschichte des ungläubigen Thomas
Aus dem Englischen übersetzt von Kurt Nett
Verlag C.H. Beck, 2007
304 Seiten, 29,90 Euro.

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