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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 20.09.2012

Der Weltkonzern und das Urvolk

Ein Rohstoffriese im indischen Dschungel

Von Sandra Petersmann

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Bierdose im Wald: Für die Produktion wird Bauxit gebraucht - davon gibt es eine Menge in Ostindien. (dradio.de)
Bierdose im Wald: Für die Produktion wird Bauxit gebraucht - davon gibt es eine Menge in Ostindien. (dradio.de)

Die Dongria Kondh gehören zu den ältesten indischen Urvölkern. Sie leben im Dschungel und sie leben vom Dschungel. Doch nun fühlen sie sich in ihrer Existenz bedroht, weil ein internationaler Rohstoffkonzern in ihrem Lebensraum Bauxit abbauen will, das zur Aluminiumproduktion gebraucht wird.

Die nächste, bucklige Schotterpiste, die dann irgendwann auch mal auf eine Straße stößt, ist Stunden entfernt. Der Weg zu Laddos Dorf führt über versteckte, schmale Trampelpfade durch den dichten Dschungel.

Laddo ist der Anführer eines kleines Dorfes, in dem rund 170 Menschen leben. Es liegt an einem Berghang – und ist umgeben von kleinen Feldern, Flüssen und vom dichten Grün des Dschungels. Die Hütten sind aus einfachen Lehmziegeln, Holz, Bambus und Stroh gebaut, die Dächer sind aus Wellblech.

"Nyamgiri ist unser Gott. Nyamgiri gibt uns alles, was wir zum Leben brauchen. Deshalb beschützen wir unseren Gott."

Die Nyamgiri-Berge im Osten Indiens sind die Heimat der Dongria Kondh – so heißt Laddos Volk, das zur indischen Urbevölkerung gehört.

"Alles, was du um dich herum siehst, ist Nyamgiri. In den Nyamgiri-Bergen gibt es viele Dörfer so wie unseres."

In den Bergen leben rund 8000 Dongria Kondh – nicht gänzlich unberührt von der Moderne, aber weitestgehend entrückt von der Entwicklung des modernen Indien. Kein Kind aus Laddos Dorf ist geimpft, keines geht zur Schule.

Die Dongria Kondh jagen Wild mit Pfeil und Bogen, sie stellen Fallen, sie sammeln Obst, Honig, Wurzeln und Brennholz - und sie treiben einfachen Ackerbau. Wenn sie Überschuss haben, handeln sie mit der Welt jenseits ihres Dschungels. Das Markenzeichen der Männer ist die Axt, das der Frauen der Schmuck. Sie tragen viele Ringe um den Hals, in den Ohren und in den Nasenflügeln. Fast alle Frauen und Männer tragen unzählige Spangen im Haar, das sie in der Mitte scheiteln.

"Warum sollten wir woanders leben? In der Stadt sind wir Fremde, dort ist unser Wissen wertlos. Hier haben wir alles, was wir brauchen: Fleisch, Getreide, Bananen, Mangos, Ananas, Zitronen und Orangen. Wer würde uns draußen Nahrung und Arbeit geben? Wie würden wir leben? Nyamgiri ist unser Vater, unsere Mutter und unser Gott. Ohne Nyamgiri sind wir verloren."

Doch seit einigen Jahren wird der Gott der Dongria Kondh auch von anderen begehrt. Von Vedanta, einem milliardenschweren, globalen Rohstoffriesen, der an der Londoner Börse notiert ist. Auch die Deutsche Bank hat in Vedanta investiert. Die Minen der Vedanta-Gruppe fördern Kupfer, Zink, Eisenerz und Bauxit. Bauxit ist der Rohstoff für das begehrte Leichtmetall Aluminium, das zum Beispiel in Autos, Flugzeugen und Cola-Dosen steckt.

Die Nyamgiri-Berge im ostindischen Bundesstaat Orissa sind voll von Bauxit, und Vedanta will es abbauen. Laddos Augen verengen sich gefährlich, sobald der Name Vedanta fällt.

"Wir leben hier solange wir denken können. Und dann taucht Vedanta auf und will uns alles wegzunehmen. Sie vergiften das Wasser und die Luft, und sie wollen uns verjagen. Das bedeutet unseren Tod. Vedanta ist ein Monster."

Das sieht Anil Agarwal, der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Vedanta, ganz anders. Der indische Unternehmer hat sich vom kleinen Schrotthändler zum Multimilliardär hochgearbeitet.

"Ich, Anil Agarwal, bin hochsensibel für die Bedürfnisse unserer Urbevölkerung, sensibler als viele andere. Aber in Orissa geht es um Bauxit. Orissa hat nur Bauxit. Und wir wollen es zu Aluminium verarbeiten."

Für den indischen Selfmademan steht völlig außer Frage, dass der Abbau von Rohstoffen gleichbedeutend ist mit Entwicklung und Armutsbekämpfung. Für Anil Agarwal ist es selbstverständlich, dass Indien Bauxit abbauen muss, um zu wachsen. Um sich weiter in den Weltmarkt zu integrieren. Um Arbeitsplätze und Wohlstand zu schaffen.

"Indien verfügt über eine der größten Bauxit-Reserven der Welt. Sollen wir für immer arm bleiben?"

Angestachelt vom Rohstoffhunger des aufstrebenden Schwellenlandes hat Vedanta Milliarden in einen der ärmsten Distrikte Indiens investiert – und im kleinen Städtchen Lanjighar eine gigantische Aluminium-Raffinerie aus dem Boden gestampft - mit hohen Schornsteinen und einem großen künstlichen See für den kupferroten Abwasserschlamm. Lanjighar liegt zu Füßen der Nyamgiri-Berge. Das Bauxit könnte also theoretisch auf kürzestem Weg vom Tagebau in die Fabrik rollen. Tut er aber nicht.

"Wir haben viel Geld investiert. Doch im Moment müssen wir das Bauxit von außerhalb heranschaffen, um in unserer Fabrik Aluminium zu produzieren. Das ist doch nicht normal. Wir haben kein Gesetz gebrochen. Wir haben uns entschieden, einen der ärmsten Distrikte Indiens zu entwickeln, weil es dort Bauxit gibt. Lanjighar hat sich durch uns positiv verändert. Wie lange will Indien seine Entwicklung noch bremsen? Wir brauchen jeden Tag Aluminium, um uns zu entwickeln."

Nur am Anfang, 2003, lief für Vedanta alles ziemlich reibungslos. Doch der Widerstand wuchs, je näher der Rohstoffkonzern den heiligen Nyamgiri-Bergen kam. Die Dongria Kondh stellten sich Vedanta in den Weg, auch mit Gewalt. Sie erhielten Unterstützung von enteigneten Dorfbewohnern rund um Lanjighar, die vergeblich auf Entschädigung und Arbeitsplätze gehofft hatten. Vedanta seinerseits investierte in soziale Projekte. Das Unternehmen baute in Lanjighar ein Krankenhaus und ein wissenschaftliches College, um die Front aufzuweichen. Ohne Erfolg. Die Dongria Kondh sind bis heute nicht zurückgewichen – auch nicht vor Polizeigewalt und Verhaftungen. Amnesty International und Survival International haben Hilfskampagnen für sie gestartet.

Indische Menschenrechtler und Umweltschützer haben Klagen eingereicht. Die Zentralregierung in Neu Delhi hat 2010 die Notbremse gezogen und den geplanten Bauxit-Abbau in Nyamgiri gestoppt. Etwas später hat das Umweltministerium dann auch den geplanten Ausbau der Raffinerie untersagt, denn viele Anwohner der Aluminiumfabrik im Tal von Lanjighar klagen inzwischen über Schmerzen und Hautausschlag. Jetzt liegt der Fall beim Obersten Gerichtshof.

Das höchste indische Gericht lässt sich viel Zeit. Die Justiz muss letztendlich darüber entscheiden, was Vorrang hat: das kommunale Besitzrecht der Ureinwohner an ihrem Dschungel und ihrem Gott – oder der Abbau von Rohstoffen. Die Regierung des Bundesstaates Orissa kämpft auf Vedantas Seite. Orissa ist kaum entwickelt. Die politische Führung hofft auf satte Steuereinnahmen, auf den Ausbau der Infrastruktur und auf einen industriellen Boom. Die Zentralregierung in Neu Delhi ist gespalten. Sie hat versprochen, die Rechte der Ureinwohner und die Umwelt zu schützen. Aber sie will auch keine ausländischen Investoren abschrecken. Und Vedanta-Chef Anil Agarwal lässt nicht locker.

"Wir werden Nyamgiri nicht anfassen, bevor alles entschieden ist. Aber noch mal: Orissa hat riesige Bauxit-Reserven. Es gibt hier draußen nichts außer Bauxit. Der Abbau würde viele Arbeitsplätze schaffen, und Indien braucht das Aluminium. Seit über 25 Jahren ist hier keine Mine mehr eröffnet worden. Das ist doch kaum zu glauben."

Laddo aus dem versteckten, kleinen Dorf in den Nyamgiri-Bergen ist über die Jahre zur Stimme der Dongria Kondh geworden. Er ist mehrmals verhaftet und eingesperrt worden. Die Behörden verdächtigen ihn, ein maoistischer Rebell zu sein - ein gefährlicher Naxalit. Die indische Regierung bezeichnet die wachsende Aufstandsbewegung der Naxaliten als größte Bedrohung für den inneren Frieden.

"Wir wollen nicht von Vedanta entwickelt werden. Wenn unsere Regierung uns helfen will, dann begrüßen wir das. Wir würden Entwicklungsprojekte der Regierung unterstützen, aber wir werden uns gegen ausländische Unternehmen wehren."

Laddo wünscht sich medizinische Versorgung und eine bessere Anbindung an die Außenwelt, um leichter Handel treiben zu können – aber Vedanta ist für ihn Ausland. Fremd und feindlich.

"Wenn ich mit Anil Agarwal sprechen könnte, würde ich ihm sagen, dass er verschwinden soll. Er soll uns in Ruhe lassen."

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