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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.07.2012

Der Weg ins andere Europa

Oskar Negt: "Gesellschaftsentwurf Europa", Steidl Verlag, Göttingen 2012, 120 Seiten

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Der Soziologe und Philosoph Oskar Negt (picture alliance / dpa - Jörg Carstensen)
Der Soziologe und Philosoph Oskar Negt (picture alliance / dpa - Jörg Carstensen)

Der Sozialphilosoph Oskar Negt ist einer, der sich immer wieder kritisch zu gesellschaftlichen Entwicklungen äußert. Im vergangenen Jahr wurde er mit dem "August-Bebel-Preis" für sein Lebenswerk gewürdigt. Nun legt er eine Streitschrift zur europäischen Wirtschaftskrise vor.

Rechtzeitig zu neuen Eskalationsstufen der europäischen Wirtschaftskrise legt der politische 68er und Hannoveraner Emeritus für Sozialphilosophie Oskar Negt eine schmale Streitschrift vor. Sie muss - wie immer man politisch zu ihr stehen mag - als ebenso eminent betrachtet werden wie Jürgen Habermas' Europa-Essay vom vergangenen Herbst.

Anders als Habermas entwickelt dessen ehemaliger Assistent Negt nicht aus der Gesamtidee Europa das verfassungsrechtliche Detail. Er justiert keine Stellschrauben wie Habermas, und gemahnt nur an geschichtliche Verpflichtungen und gemeinsame Geistesgeschichte eines an sich laufenden Projekts. Während Habermas vorsichtig daran erinnert, dass der Kapitalismus den Werten und Normen des demokratischen Gemeinwesens zuwiderlaufen könnte, legt Negt den Finger gleich auf den zentralen Schmerzpunkt:

Wenn eine Gesellschaft ihre produktiven Energien hauptsächlich aus traditionell negativ beurteilten menschlichen Eigenschaften wie Gier und Besitzanhäufung aufbaut und mit ihrem betriebswirtschaftlichen Geist seit einigen Jahren auch Universitäten, Schulen und künstlerische Einrichtungen belästigt, dann braucht sich keiner zu wundern, wenn die guten alten Werte und Tugenden wie Solidarität, Mitmenschlichkeit, Vernunft et cetera im Schwinden begriffen sind. Wenn Schülern und Studenten systematisch eingebläut wird, es gehe bei der Ausbildung darum, einen Wettbewerb zu bestehen und möglichst viele Konkurrenten aus dem Spielfeld zu schlagen, dann werden sie als Bürger und Privatmenschen verrohen.

"Es könnte sein, dass wir von einer kranken Gesellschaft sprechen müssen, in der bewusste Politik ausgeschlossen ist, weil die Gesellschaft zum bloßen Anhängsel der wirtschaftlich Mächtigen und der Börsenkurse geworden ist." Während Habermas eine Entwicklung beeinflussen und korrigieren will, grenzt Negts Therapievorschlag an eine Sozialutopie: Eine neue Disziplin der politischen Bildung müsse die Europäer einen, denn "Demokratie muss lebenslang" geübt und gelernt werden.

Die Institutionen müssen neu bestimmt und konsolidiert werden, die politische Welt muss nach den Maßgaben der Gerechtigkeit gestaltet werden, nicht auf den individuellen Besitz als Lebensziel setzend, sondern auf die Bildung und die Arbeit auch für das Gemeinwesen. Es ist fast rührend, wenn Negt die Sozialexperimente der Arbeiterbewegung in Erinnerung ruft, um sich neue Formen des gesellschaftlichen Engagements auszumalen. Der zentrale theoretische Begriff in Oskar Negts Gedankengang ist der der menschlichen Würde.

Krisenbedingt - so scheint es nach der Lektüre von "Gesellschaftsentwurf Europa" - ist vielleicht noch nicht die Zeit neuer Revolutionen angebrochen, gewiss aber die Zeit für grundsätzliche Gesellschaftskritiken und Neuentwürfe. Die Politikmüdigkeit, die Oskar Negt analysiert, mag die Bürger noch ruhig halten. Aber wenn sie nicht irgendwann auf seine (und Habermas') Aufruf zum Engagement hören, könnten sie vom Politischen als etwas Bedrohlichem überholt werden.

Besprochen von Marius Meller

Oskar Negt: Gesellschaftsentwurf Europa. Plädoyer für ein gerechtes Gemeinwesen
Steidl Verlag, Göttingen 2012
120 Seiten, 14 Euro


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