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Profil / Archiv | Beitrag vom 26.05.2009

Der Vorleser als Rockstar

Porträt des Slam-Poeten Mischa-Sarim Verollét

Von Dirk Schneider

Der Autor und Slam-Poet Mischa-Sarim Vérollet (Markus Freise)
Der Autor und Slam-Poet Mischa-Sarim Vérollet (Markus Freise)

Slam-Poetry funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip wie Rockkonzerte: bring die Leute zum Tanzen, oder du wirst von der Bühne gepfiffen. Slam-Poeten schreiben für den Live-Auftritt, ihre Texte funktionieren auf der Bühne am besten. Doch auch die Verlage entdecken das Genre für sich: So ist nun das Debüt des Slam-Poeten Mischa-Sarim Verollét "Das Leben ist keine Waldorfschule” bei Carlsen erschienen.

Der ehemalige Grenzübergang Checkpoint Charlie in Berlin. Mischa-Sarim Verollét schaut sich interessiert um. Seit seiner Kindheit war er nicht mehr hier. Er trägt eine dunkle Sonnenbrille und sieht unnahbar-cool aus, trotz seiner bunten Kapuzenjacke. Sein kräftiger Körperbau, die wilden langen Locken und der Vollbart geben dem 27-Jährigen etwas von einem Rocker.

"Aber das hier ist jetzt so 'ne Sache, ich bin auch total geplättet, wie das hier aussieht. Das sah ja früher komplett anders aus, da kam man ja nicht einfach so durch, und das ist schon beeindruckend."

Im Gespräch legt sich der Eindruck der Unnahbarkeit schnell. Mischa-Sarim Verollét ist ein freundlicher, äußerst entspannter Mensch, der sich mit Begeisterung an seine Kindheit erinnert - so auch an die Kontrollen der DDR-Grenztruppen: Die Eltern hatten Freunde im Osten der Stadt. Seine Mutter war zwar Deutsche, der Vater aber halb Franzose, halb Engländer. Er und die beiden Söhne hatten einen britischen Pass, und der Checkpoint Charlie war der Grenzübergang für die Besatzungsmächte.

"Man musste sich halt in die Schlange stellen, (...) und dann wurde man einzeln rausgewunken, und dann wurde der Wagen durchsucht. Und 'ne holländische Familie vor uns hatte weniger Glück. Deren Auto wurde auseinander genommen, weil die einen Gastank hatten und die das nicht kannten im Osten. Da ging dann dieser Kontrollstab nur zehn Zentimeter rein, und da dachten sie natürlich, da sei was drin im Tank. Ich weiß auch nicht, was aus denen geworden ist."

Die Geschichte hat ihren Platz in Mischa-Sarim Verolléts Buch gefunden, das unter dem Titel "Das Leben ist keine Waldorfschule" erschienen ist. Verollét ist Schriftsteller, vor allem aber Slam-Poet. Er reist quer durch die Republik und tritt bei Poetry Slams auf, Autorenwettbewerben, bei denen die Vortragenden nur wenige Minuten Zeit haben, um das Publikum von ihrem Können zu überzeugen.

Lesung:
"Aber jetzt macht mal Lärm für den nächsten, der hier auf die Bühne kommt: Mischa-Sarim Verollét!"
"Du bist also die Renate, ja ich bin der Uwe, nee, den Computer lasse ich schon lieber an, das Notebook bleibt aufgeklappt, ich bin halt schon immer gerne up to date ..."

Texte hat Verollét schon als kleiner Junge verfasst, doch wie aufregend Literatur sein kann, wurde ihm erst als Jugendlicher klar:

"Und dann kam so ne Initialzündung, dass ich einen Auftritt von Benjamin von Stuckrad-Barre gesehen hab, und gemerkt habe, okay, das ist mit Literatur möglich! Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich halt gedacht, Schreiben wäre so im Hinterkämmerchen, man würde nie auf der Bühne stehen. Ich war aber schon immer Fan von Musik und Rockstars und fand es halt cool, auf der Bühne zu stehen und merkte: So geht es eben auch."

Eine Art literarischer Rockstar ist Verollét längst, zumindest in Poetry-Slam-Kreisen - obwohl er im unglamourösen Bielefeld lebt, wo auch die meisten seiner autobiografisch gefärbten Geschichten spielen. Viele von ihnen handeln von seiner Zeit als Kind und Heranwachsender, als er sich unwohl in seinem Körper und in der Welt fühlte. Von schönen Mädchen und coolen Jungs, die ihm Respekt einflößten, weil er sich selbst nicht so schön fand oder eben nicht so gut Fußball spielte. Verollét blickt von außen auf sein Leben und betrachtet es mit Humor, etwa in der Erzählung vom Friseurbesuch:

"Man merkt ganz einfach, dass Selbstironie eigentlich genau das Richtige ist. Wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt, kann einem nicht so viel passieren. Für mich ist es sicherlich auch Verarbeitung. Flucht vielleicht weniger, aber Selbsttherapie. Man lacht über sich selbst, und man merkt, die Leute lachen mit (...)"

Wer nun aber einen großen schwarzen Fleck in Verolléts Vergangenheit sucht, wird keinen finden.

1981 auf Gibraltar geboren, wurde er zwar in Bielefeld oft als "der blöde Engländer" gehänselt - den britischen Pass hat er übrigens heute noch. Alles in allem aber ist Verollét in behüteten Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater hatte Arbeit als Metallbauer, seine Mutter war Kauffrau, und einen kleinen Bruder gab es ja auch noch. Auf eine Waldorfschule ist Verollét nie gegangen.

Die Eltern sind stolz auf den Erfolg des Sohnes, und auch darauf, dass sie sich in seinen Texten wiederfinden. Längst bestreitet Verollét einen Teil seines Lebensunterhalts durch das Schreiben, vor allem über die Auftritte. Das restliche Geld verdient er sich bei einer kleinen Werbeagentur in Paderborn. Das Gymnasium hat er nach der zehnten Klasse verlassen:

"Auf Geheiß meines Lehrers, der sagte, aufgrund meiner Faulheit würde ich das Abi nicht packen. Der hatte auch Recht, ich war wirklich sehr faul (...) Und dann habe ich eine Ausbildung zum Mediengestalter gemacht. Was natürlich auch ein sehr schöner Beruf ist, weil man sich auch kreativ sehr austoben kann."

Sein Traum aber ist es, irgendwann vom Schreiben leben zu können. Das muss nicht als Slam-Poet sein. Verollét liebt sein momentanes Leben, vor allem das viele Unterwegssein. Aber danach, da ist er sich sicher, kommt noch etwas anderes:

"Ich möchte mich immer weiterentwickeln. (...) Es gibt viele Geschichten in meinem Kopf, die will ich noch zu Papier bringen, und es ist auch so, dass ich weiß, dass ich viele Geschichten jetzt noch nicht schreiben kann."

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