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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 26.01.2010

Der verlorene Schatz: Die Einheit von Glaube, Gedächtnis und Politik

Von Alexander Schuller

Transzendenz? Fehlanzeige. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Transzendenz? Fehlanzeige. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Wer aufpaßt, wird bemerken, dass vieles von dem, was in der Welt der Politik vor gar nicht so langer Zeit als selbstverständlich galt, überhaupt nicht mehr gilt. Plötzlich ist die SED, die jetzt nur anders heißt, wieder ganz beliebt, beliebter in einigen Bundesländern als die SPD. Das ist ganz schön paradox.

Oder auch dies: der deutsche Außenminister behauptet, deutsche Interessen zu vertreten, indem er polnische Interessen vertritt, das tut er aber gar nicht, weil die polnischen Interessen sich seit dem letzten Regierungswechsel in Warschau geändert haben. Da muss man schnell denken, schneller als es manchem Außenminister möglich ist.

Die empirische Wirklichkeit verändert sich so schnell, dass unsere Maßstäbe der Bewertung nicht mitkommen. Das gilt für unser Demokratieverständnis, für unser Gerechtigkeitsverständnis für unser Freiheitsverständnis. Wir spüren, dass wir vor lauter Verständnissen den Verstand verlieren. Das gilt auch und sogar besonders für unser Religionsverständnis. Indem wir nämlich die Religionsfreiheit verteidigen, schaffen wir sie ab. Je energischer wir sie verteidigen, desto schneller verschwindet sie. Das ist ganz schön paradox. Aber auch amüsant.

Reinhard Marx, der Erzbischof von München und Freising, will den Weihnachtsmann abschaffen. Der sei heidnisch und kommerziell. Dieser Erzbischof scheint nicht zu wissen, dass die Inkorporierung heidnischer Symbole ins Christentum immer schon zu den kulturpolitischen Glanzleistungen des Katholizismus gehört hat?

Der Imam Jussuf al-Kardawi will nicht nur den Weihnachtsmann, sondern das ganze Christentum abschaffen. Das klingt so, als wollten beide das Gleiche, der eine mehr, der andere weniger. Wer das denkt, der denkt ganz schön daneben. Denn der eine spricht vom eigenen, der andere vom Glauben des anderen. Das eine ist ein erzbischöflicher Unsinn, das andere ist eine imperiale Frechheit.

Trotzdem haben beide, auf ihre Art, Recht. Beide gehen von unterschiedlichen, ja konträren Gesellschaftsbildern aus. Der Imam bekämpft die Religionsfreiheit, der Bischof aber verteidigt sie und damit den Imam, der seinerseits die Religionsfreiheit - des Christen - beseitigen will. Der Erzbischof kämpft für die Religionsfreiheit, für die Freiheit des guten Imam Jussuf also, das Christentum zu beseitigen. Wer für die Freiheit eintritt – die Religionsfreiheit in diesem Fall – dem kann es also passieren, dass er gegen die Freiheit und für den Terror eintritt. Das ist ganz schön paradox. Ein richtiger double-bind. Das bedeutet: wie immer ich mich entscheide, ich entscheide mich falsch. Politisch ist das genial.

Nun gibt es Leute, die sagen: Na und? Das Christentum ist doch eh im Eimer. Seine längst leeren Kirchen verramscht es auf dem Immobilienmarkt. Kirchenbesuch gibt es nur noch zu Weihnachten. Die Predigten reimen sich auf "Schlafe mein Kindlein, schlaf ein." Kaum noch kirchliche Eheschließungen, Taufen, Religionsunterricht, dafür dieser durchgedrehte Ethikunterricht und schließlich jener weibliche EKD-Bischof – das lebende Modell der christlichen Ehescheidung. Wozu also brauchen wir Religionsfreiheit, Gedankenfreiheit, Meinungsfreiheit? Und wozu braucht die Freiheit uns?

Haben wir Maßstäbe, Ziele, Hoffnungen? Natürlich. Beliebig viele. Aber dass es den Tod gibt und auch das Leben, das übersehen wir gelegentlich. Wir haben Differenzierungen und keinen Wegweiser. Wir haben uns ausdifferenziert. Wo wir stehen, wer wir sind, das wissen wir nicht. Schärfer kann der Gegensatz kaum sein zwischen den Muslimen und uns: Sie wissen, wer sie sind. Was haben die Muslime, das uns verloren gegangen ist? Wir ahnen es, wir wissen es vielleicht sogar, aber wir sprechen es nicht aus. Der Soziologe Eric Voegelin meinte, uns fehle die Einheit von Glaube, Gedächtnis und Politik. Man darf diesen verlorenen Schatz ruhig Transzendenz nennen.

Alexander Schuller ist Soziologe, Publizist und Professor in Berlin. Er hatte Forschungsprofessuren in den USA (Princeton, Harvard) und ist Mitherausgeber von 'Paragrana' (Akademie-Verlag). In seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen befasst er sich mit Fragen der Anthropologie und der Bildungs-, Medizin-, Geschichts- und Alltagssoziologie. Er arbeitet als Rundfunkautor sowie für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften wie "Merkur" und "Universitas".

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