Das Feature, vom 20.07.2021, 19:35 Uhr

Der unwahrscheinliche Weg der Angela M.Merkel-Jahre (2/6) – Ein plötzlicher Aufbruch

Bis zum Tag des Mauerfalls 1989 beschränkt sich Angela Merkels politische Arbeit darauf, als FDJ-Sekretärin Theaterkarten für die Kolleginnen und Kollegen zu besorgen. Der Gedanke, dass sie einmal Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland werden könnte, ist damals weiter entfernt als der Mond.

Bundesfrauenministerin Angela Merkel beugt sich am 16.12.1991 während des CDU-Parteitags in Dresden zu ihrem Mentor, Bundeskanzler Kohl, herab. Die Diplom-Physikerin, heute Generalsekretärin der Christdemokraten, wird auf dem CDU-Parteitag vom 9. bis 11.4.2000 in Essen für den Parteivorsitz kandidieren. Die 45-Jährige wäre die erste Frau an der Spitze der Unionspartei - eine Blitzkarriere: Während der Wende engagierte sie sich im "Demokratischen Aufbruch". Nach den ersten freien Volkskammerwahlen war sie stellvertretende Regierungssprecherin der DDR und trat im August 1990 in die Union ein. 1991 holte Kanzler Kohl sie als Ministerin für Frauen und Jugend in sein Kabinett, 1993 wurde sie CDU-Landesvorsitzende in Mecklenburg- Vorpommern, 1994 Bundesumweltministerin. Nach der Niederlage der Christdemokraten bei den Bundestagswahlen 1998 wurde sie zur Generalsekretärin ihrer Partei gewählt. (picture-alliance / dpa | Michael Jung)
Angela Merkel und Helmut Kohl beim CDU-Parteitag 1991 (picture-alliance / dpa | Michael Jung)

Angela Merkel, die ganz nah an der Mauer lebt, geht erst einmal in die Sauna, als die Schlagbäume aufgehen, routinemäßig. Die Doktorin am Zentralinstitut für Physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften der DDR lässt auch diesen historischen Tag gemächlich angehen. Erst später am Abend schaut sie am Grenzübergang Bornholmer Straße vorbei, um ein wenig Westluft zu schnuppern, kehrt aber bald zurück, weil sie "früh raus" muss.

Umso rasanter verläuft ihre Politikkarriere. Ein paar Wochen nach dem Mauerfall beschließt Angela Merkel, sich politisch zu engagieren. Sie schaut zuerst bei der SDP vorbei, den neu gegründeten Sozialdemokraten Ost, dann beim "Demokratischen Aufbruch". Dort kümmert sie sich zunächst mal um den Computer.

Keine vier Monate später wählt die DDR zum letzten Mal. Der Demokratische Aufbruch erringt nur magere 0,9 Prozent, ist aber dank seiner Allianz mit der CDU trotzdem Wahlsieger. Merkel wird stellvertretende Regierungssprecherin. Acht Monate später ist sie Mitglied des Bundestages.

Anfang 1991 wird sie als Ministerin für Frauen und Jugend im Kabinett von Kanzler Helmut Kohl vereidigt. Auch die fremde CDU-Welt begreift sie schnell. 1998 wird sie Generalsekretärin, Ende 1999 schreibt sie in einem Gastbeitrag in der FAZ, die Partei müsse, "in Zukunft auch ohne ihr altes Schlachtross" zu kämpfen lernen. Es ist das Ende der Ära Kohl.

Zeitzeugen: Rainer Eppelmann, Demokratischer Aufbruch/CDU; Hans Christian Maaß, Sprecher der letzten DDR-Regierung; "Acki" Bull, Fischer in Merkels Wahlkreis; Jacqueline Boysen, Biografin u.a.

Bildergalerie "Making Of""Man bekommt ein Bewusstsein dafür, dass nicht immer alles glatt läuft im Leben" - Diakon Wolfgang Seyfried, bis 2016 Leiter des Templiner Waldhofs.Diakon Wolfgang Seyfried im Gespräch mit Autor Stephan Detjen"Ihre Klugheit war herausstechend.“ - Hans-Ulrich Beeskow, Organisator des „Kasi“, des "Kreisklubs junger Mathematiker" in Templin, zu dem auch Angela Kasner zählte."Sie ist ein sehr vorsichtiger Mensch und ein sehr realistischer Mensch.“ - Merkel-Biographin Jacqueline Boysen mit Autor Tom Schimmeck"Hat sie ja auch nie behauptet, dass sie ein widerspenstiges Wesen in der DDR gewesen ist." Pfarrer Rainer Eppelmann am ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße"Wenn Du schon hier bist, denn musst Du auch ’n Schnaps mit uns trinken." - Fischer Acki Bull erinnert sich an Angela Merkels ersten Besuch im November 1990."Ja, Sie merken, ich bin da eher positiv gestimmt." - Sabine Leutheusser-Schnarrenberger"Das war ja ein Schock für den Rest. Was soll die denn da? Kann die das überhaupt? Denn das war ja das Mädchen. Kann die das? Für solche Überraschungen war Kohl oftmals gut." - Rita Süssmuth"Wir haben uns gut verstanden, auch wenn sie es selber hätte werden wollen… " - Edmund Stoiber über das Frühstück in Wolfratshausen 2002."Sie kann sich ja über Männer lustig machen. Es war so diese Zeit, wo man diese bunten Westen trug, die Männer, vor 15 Jahren oder wann das war. Hat sie sich eine halbe Stunde drüber amüsiert, die Männer als Gockel, die so rumlaufen." - Elmar Brok"Wir wussten beide, was zu sagen war. Wir haben keine Zettel in der Hand gehabt. Beide sind wir in der Lage, Sätze hinzukriegen mit Subjekt, Prädikat, Objekt." - Peer Steinbrück zur Bankenkrise 2008.Die Autoren Tom Schimmeck und Stephan Detjen im Studio

Merkel-Jahre
Der unwahrscheinliche Weg der Angela M.
(2/6) Ein plötzlicher Aufbruch
Feature-Serie von Stephan Detjen und Tom Schimmeck

Ton und Regie: Tom Schimmeck
Es sprachen: Annette Burchard, Stephan Detjen und Tom Schimmeck
Redaktion: Wolfgang Schiller
Produktion: Deutschlandfunk 2021

(Folge 3 + 4 am 27.7.2021, 19.15 Uhr)

Stephan Detjen, 1965 in Bayreuth geboren, ist Chefkorrespondent des Deutschlandradios und leitet das Hauptstadtstudio in Berlin und das Studio Brüssel. Von 1997 bis 1999 war der Jurist und Historiker rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Als Buchautor hat er sich mit Fragen des Verfassungsrechts und der politischen Öffentlichkeit beschäftigt. Die Kanzlerin Angela Merkel beobachtet er von Anfang an aus der Nähe.

Tom Schimmeck, 1959 in Hamburg geboren, arbeitet seit 1979 als politischer Journalist für Presse und Hörfunk. Über Helmut Kohls ersten Wahlsieg 1983 berichtete er aus Bonn. Seit 2004 macht er Radiofeatures für den Deutschlandfunk und die ARD. Seine Arbeit wurde u.a. mit dem Otto-Brenner-Preis, dem Ernst-Schneider-Preis, dem Schweizer Featurepreis, dem RIAS-Radiopreis und dem Alternativen Medienpreis ausgezeichnet.

Feature-Serie "Merkel-Jahre - Der unwahrscheinliche Weg der Angela M."

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