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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 06.10.2010

Der ungehobene Schatz staatlicher Geoinformationen

Wertschöpfungspotenzial staatlicher Geodaten wird auf mehrere Milliarden Euro geschätzt

Von Dirk Asendorpf

Google-Streetview: Staatliche Behörden verfügen schon länger über ein Fülle von Geodaten (Google Maps)
Google-Streetview: Staatliche Behörden verfügen schon länger über ein Fülle von Geodaten (Google Maps)

Erst Google Street View hat die öffentliche Debatte befeuert. Dabei verfügt der Staat schon sehr viel länger über bessere, wertvollere und auch brisantere Geodaten als der kalifornische Suchmaschinenkonzern. Bisher schlummern sie noch weitgehend ungenutzt in den Amtsstuben. Doch das soll sich jetzt ändern.

Werden die staatlichen Geodaten mit weiteren Behördeninformationen verknüpft, kann daraus ein äußerst realitätsnahes Abbild unseres Lebensumfelds entstehen. Auf der Intergeo, Deutschlands größter Fachmesse für dieses Thema, wird in dieser Woche nach Wegen für die wirtschaftliche Nutzung des staatlichen Datenschatzes gesucht.

Ein Flugzeug kreist über der Bremer Innenstadt und schießt Luftaufnahmen. Mehrmals im Jahr geht das so. Auftraggeber ist nicht etwa Google oder Microsoft, sondern das kommunale Katasteramt, auf Neudeutsch GeoInformation Bremen genannt. Der Bauingenieur Manfred Brede ist dort für die IT-Projekte zuständig.

"Wir haben sowohl Überfliegungen im entlaubten Zeitraum, wir haben aber auch Überfliegungen natürlich mit Blättern - je nachdem wie die Anwendung ist. Es werden also erst einmal Luftaufnahmen gemacht und diese Bilder werden nachher so gerechnet, dass sie entzerrt werden und dann zu den sogenannten Orthofotos werden, wie man sie auch zum Beispiel in Google sehen kann."

Orthofotos bieten weit mehr als ein maßstabsgetreues Abbild der Landschaft unter dem Flugzeug. Da jeder Punkt beim Überflug aus verschiedenen Richtungen fotografiert und dabei mit den exakten geografischen Daten versehen wird, lässt sich später daraus auch die Neigung und exakte Höhe von Boden und Hausdächern errechnen. Am Computer entsteht so ein virtuelles Abbild der realen Stadt, ein sogenanntes 3-D-Stadtmodell. Manfred Brede kann es mit ein paar Mausklicks auf seinen Bildschirm holen.

"Das 3-D-Stadtmodell besteht nur aus den Gebäuden, den Gebäudeumrissen mit den konkreten Dachformen ohne jetzt Einzelheiten wie Fenster oder Vorsprünge etc. Das kann dann verschnitten werden mit weiteren Daten, zum Beispiel mit einem digitalen Geländemodell, dann stehen die Gebäude also schon auf der Erdoberfläche und auch in der korrekten Höhe. Und wir sehen dann auch die Weser mit ihren Uferbefestigungen, wir sehen Ingenieurbauwerke, das sind Brücken hier in Bremen, und das Ganze zusammengefasst kann man dann filmisch animieren. Man hat dann eigentlich einen ganz guten Eindruck über die Gegebenheit."

So können Stadtplaner schon durch ein neues Wohngebiet schlendern, bevor der erste Bagger angerollt ist. Architekten zeigen ihren Kunden, wie sich das künftige Haus in die Nachbarschaft einfügen wird. Mobilfunkfirmen planen die besten Standorte für ihre Antennen und Werbefirmen können vorab klären, wie gut ihre Plakatwände von Fußgängern, Rad- und Autofahrern wahrgenommen werden. Die Anwendungen des 3-D-Stadtmodells sind vielfältig – und doch nur ein kleiner Vorgeschmack auf das gewaltige Potenzial, das in der Kombination staatlicher Geoinformationen aus den verschiedensten Quellen steckt. Jörg Reichling ist Geschäftsführer der Kommission für Geoinformationswirtschaft, die sich im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums um die wirtschaftliche Nutzung des staatlichen Geodatenschatzes kümmern soll. Zum Beispiel für die richtige Auslegung der Bohrlöcher für Wärmepumpen.

"Um ein Einfamilienhaus zu beheizen, kann es an der einen Stelle sehr vernünftig sein, zwei flache Bohrungen à 30, 40 Meter niederzubringen und da die Wärme herauszuholen, weil da viel Grundwasser zum Beispiel fließt. Es kann in einem anderen Fall aber auch so sein, dass ich lieber nur eine à 100 Meter bohre, weil ich da mehr Wärme heraus bekomme. Nur das weiß ich nur, wenn ich diese Informationen, die die geologischen Dienste der Länder zum Beispiel haben über den Untergrund in Deutschland, da reden wir über zweieinhalb Millionen Bohrungen, wenn ich diese staatlichen Informationen vorher ausgewertet habe, habe sie verknüpft mit den Umweltinformationen: Darf ich das überhaupt? Gibts ein Trinkwasserschutzgebiet? Oder ganz schlicht mit dem Luftbild der Vermessungsbehörde, das mir die Auskunft gibt: Komm ich denn in diesen Garten da hinten für mein Loch, das ich bohren möchte, mit dem LKW durch."

Reichling spricht gerne vom "Rohstoff Geoinformation": weit über zehn Milliarden Euro könnten Unternehmen mit der geschickten Nutzung der staatlichen Daten erwirtschaften. Doch davon ist bisher fast nichts zu sehen.

"Im Moment bekommen wir den Markt nicht aktiviert. Wir glauben, dass es sehr sehr viele Ideen gibt, die man umsetzen könnte, wenn die Daten denn zu normalen und vernünftigen Konditionen erreichbar wären. Das ist derzeit definitiv nicht der Fall."

Denn bisher schlummern all die Geodaten gut versteckt in den Schubladen und auf den Rechnern Tausender verschiedener Behörden in Bund, Land und Kommunen. Jede Verwaltungsebene hat ihre ganz eigenen Vorstellungen von Lizenzrechten und Datenschutzregeln. Zum Beispiel bei den sogenannten Solarkatastern. Das sind exakte Listen aller Dachflächen, die für die Installation einer Solaranlage geeignet sind, weil sie den richtigen Winkel zur Sonne haben und nicht durch Bäume oder benachbarte Häuser verschattet werden. Viele Städte haben ihr 3-D-Modell genutzt, um diese Kataster erstellen zu lassen, doch mancherorts gab es Ärger um die Veröffentlichung, in Bremerhaven wurde sie sogar wieder aus dem Internet gelöscht.

"Ich persönlich glaube, dass das erstmal kein Problem ist, wenn ich automatisiert irgendwelche Dachneigungen analysiere. Also ich halt das nicht für so furchtbar schädlich. Es kann doch nicht sein, dass ich ein Solarkataster völlig anders aufsetzen muss unter völlig anderen Datenschutzrestriktionen in Bremerhaven oder in Osnabrück oder in Stuttgart. Für ein Unternehmen ist das das Grauen schlechthin."

Es fehlt an klaren gesetzlichen Regeln, welcher Umgang mit den staatlichen Geodaten erlaubt, erwünscht oder verboten sein soll. Und es fehlen Standards und verständliche Preislisten für die Übergabe und Nutzung. Und weil das so ist, bleiben auch die teuren Luftaufnahmen der Behörden noch häufig ungenutzt. Manfred Brede:

"Also mit dem 3-D-Stadtmodell würde ich nicht sagen, dass wir dort das Bremer Staatssäckel stark mit Geld füllen, das ist, sag ich mal, überschaubar. Durch die Verkaufserlöse können wir nicht im Geringsten die Aufwendungen, die hier betrieben werden, decken."

In Zukunft sollen die Behörden ihre Geodaten kostenlos zur Verfügung stellen, fordert die Kommission für Geoinformationswirtschaft. Die über 500 Aussteller auf der Kölner Intergeo-Messe würden sich darüber freuen.

"Wenn wir Daten offen und freigeben würden, würde sehr viel mehr passieren natürlich. Verwaltung ist ja nicht dazu da, Geld zu verdienen, sondern Geld zu sparen."

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