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Fazit | Beitrag vom 07.04.2020

"Der Überläufer" im TVArme Hunde mit Heimweh

Von Stefan Keim

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Die deutschen Soldaten Proska (Jannis Niewöhner) und Kürschner (Sebastian Urzendowsky) gucken aus einem Schuppen hervor. (NDR/Dreamtool Entertainment)
"Wir sind Deserteure, Verräter, Kameradenschweine" – Proska (Jannis Niewöhner) und Kürschner (Sebastian Urzendowsky) erkennen die Sinnlosigkeit des längst verlorenen Krieges. (NDR/Dreamtool Entertainment)

Lange Zeit galten Romane von Siegfried Lenz als altmodisch-verstaubte Schullektüre. Dabei schrieb er emotional und direkt, perfekt für die filmische Umsetzung. "Der Überläufer" im Fernsehen könnte der Anfang eines Lenz-Revivals sein.

"Ich bin Soldat. – Wenn du die verdammte Uniform ausziehst, bist du auch kein Soldat mehr. – Den Krieg gewinnen wir nicht mehr. Hast du gesagt. Also für wen? Fürs Vaterland? Für den Führer? - Ich hab meine Pflicht. – Ach, leck doch die Pflicht am Arsch! – Meine Kameraden, die kann ich nicht im Stich lassen."

Walter Proska hatte Heimaturlaub. Nun macht er sich auf den Weg zurück an die Front. Es ist Sommer 1944, seine Schwester und ihr Mann wollen ihn zurückhalten. Walter ist einer der zerrissenen Charaktere, die Siegfried Lenz oft beschrieben hat. Er weiß, dass der Krieg verloren ist und das Kämpfen keinen Sinn hat. Aber er folgt den Werten, die ihm eingebläut wurden. Im Zug an die Ostfront trifft er eine junge Polin, in die er sich sofort verliebt. Sie flirtet mit ihm, macht ihm aber auch klar, was gerade in ihrem Land passiert.

"Vor zwei Jahren wurde im Dorf ein Soldat erschossen. Ein Deutscher. Am nächsten Morgen sind sie dann gekommen. Sie haben jedes Haus durchsucht. Mein Vater war im Schrank versteckt. Fast wären sie wieder gegangen. Aber mein Vater musste husten. Dann haben sie in den Schrank geschossen."

Liebesgeschichte und Spannung

Später kommt heraus, dass sie die Geschichte nicht selbst erlebt hat. Wanda ist wie Walter ein widersprüchlicher, vielschichtiger Charakter. Die beiden erleben mitten im Krieg eine unwahrscheinliche Liebesgeschichte. Dass sie nicht verlogen romantisch wirkt, liegt daran, dass nicht Heinz G. Konsalik sie geschrieben hat, sondern Siegfried Lenz. Er nutzte zwar populäre Erzählstrukturen und legte viel Wert auf eine funktionierende Spannungsdramaturgie. Aber seine Romane und Kurzgeschichten waren mehr als Unterhaltung für die Nachkriegs-Bundesrepublik. Siegfried Lenz schrieb gesellschaftliche Gleichnisse, die Figuren stehen für viele. Walter kommt zu einem versprengten Trupp der Wehrmacht in ein polnisches Sumpfgebiet. Geleitet wird er von einem sadistischen Unteroffizier namens Stehauf.

"Wir haben keine Verpflegung, keine Zigaretten, keinen Schnaps, keine Weiber und keine Hoffnung. Haben Sie das kapiert? – Jawoll."

Rainer Bock spielt diesen monströsen Kleinbürger grandios als banal-böse. Später, nach dem Krieg kehrt er aus der Gefangenschaft zurück, körperlich fast zerstört, aber im Inneren unverändert.

"Ich hab's abgesessen. Im Lager. Ich hab Verantwortung übernommen. Aber vor allen Dingen hab ich mein Wort gehalten als Offizier. Und du?"

Das neue Deutschland

Walter Prostka steht seinem ehemaligen Unteroffizier gegenüber. Nun hat er die Macht. Er verteilt Pässe im Dienste der russischen Besatzer in Berlin. Denn Walter hat die Seiten gewechselt. Er war in Gefangenschaft geraten und hatte dort einen Kameraden aus der Wehrmacht wieder getroffen. Dieser Wolfgang Kürschner, ein Student, war desertiert und zur Roten Armee gegangen. Er bietet Walter an, beim Aufbau eines neuen Deutschland mitzuarbeiten. Den plagt immer noch das Gewissen.

"Wir kehren nach Hause zurück und wir leben noch. Haben wir das verdient? – Warum? Weil gute Deutsche lieber in Kriegsgefangenschaft sterben?"

Als Siegfried Lenz den "Überläufer" 1951 schrieb, wollte sein Verlag Hoffmann und Campe den Roman nicht veröffentlichen. Eine Geschichte, deren Helden Deserteure sind, glaubten die Verleger der Nachkriegsgesellschaft nicht vermitteln zu können. Erst vor vier Jahren ist das Buch erschienen.

"Wir sind Überläufer, Deserteure, Verräter, Kameradenschweine. Willst du das sagen? – Ja. – Die Männer hier sind wie du und ich. Es sind Bauern, Schuster, Studenten, Tischler, Lehrer, alles arme Hunde mit Heimweh und den gleichen Wünschen wie wir. Wir sind keine Verräter, Walter. Wir haben nur endlich begriffen, wer in diesem Krieg wirklich der Feind ist. Das ist nämlich nicht der Russe, sondern die, die uns hierher geschickt haben, die dafür sorgen, dass Bauern auf Bauern und Lehrer auf Lehrer schießen. Der Feind, Walter, ist die Clique in Berlin. Verstehst du das?"

Lebensnahe Dialoge

Jannis Niewöhner und Sebastian Urzendowsky spielen die beiden Freunde absolut glaubhaft. Und Malgorzata Mikolajczak ist als Wanda mit ihren unergründlichen Blicken und einer überwältigenden Mischung aus Trauer und Lebenslust eine Entdeckung. Ihre Rolle haben die Drehbuchautoren Bernd Lange und Florian Gallenberger gegenüber dem Roman aufgewertet.

Außerdem ist der zweite Teil der Handlung, der nach 1945 spielt, klarer und abgründiger erzählt als Siegfried Lenz es getan hat. Vielleicht auch, weil er sich mit dem abgelehnten Buch nicht weiter beschäftigt hat. Dennoch zeigt Florian Gallenbergers Verfilmung, warum Siegfried Lenz wieder so aktuell ist.

Was manche Zeitgenossen an seinen Büchern kritisierten, erweist sich heute als Qualität. Gerade weil Lenz emotional und direkt schrieb, wirken seine Geschichten viel weniger verstaubt als die feingeistig-symbolhaften Romane von Heinrich Böll. Die Dialoge von Siegfried Lenz klingen nie bemüht, sondern lebensnah. Produzent Stefan Raiser hat auch die Filmrechte am Roman "Heimatmuseum" und der Kurzgeschichtensammlung "So zärtlich war Suleyken" gekauft. Es könnte also weiter gehen mit der Renaissance des Siegfried Lenz.

"Der Überläufer"
am 8. und 10. April jeweils um 20.15 Uhr im Ersten
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