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Literatur | Beitrag vom 03.10.2021

Der Traum vom VorstadtlebenEndlich Ruhe, Platz und Grün

Von Christoph Vormweg

Neu errichtete, gleichförmige Doppelhäuser stehen in einem Neubaugebiet in Berlin Pankow. (imago / photothek / Thomas Trutschel)
Neubausiedlungen in den Vorstädten wachsen weiter, obwohl sich der Traum vom Eigenheim auf der grünen Wiese in ihnen selten erfüllen lässt. (imago / photothek / Thomas Trutschel)

Mit den Städten wachsen seit mehr als 150 Jahren die Vorstädte. Denn viele Menschen wollen dem Lärm, der Enge und dem Gestank entfliehen. Suburbia ist ein Traum – leider von vielen. Und daher eine Idylle wie auch eine Hölle.

Das Eigenheim auf der grünen, grünen Wiese wird als Glücksgarant beworben. Meist handelt es sich dann um ein Eigenheim zwischen Eigenheimen oder um ein Reihenhaus neben Reihenhäusern – von Wiese wie Glück keine Spur. Dennoch träumen viele in Europa den Traum vom eigenen Haus mit Garten. Erfüllbar ist er nicht in der Stadt mit ihren hohen Grundstückspreisen, erfüllbar ist er nur vor ihren Toren – dank gut ausgebauter Straßen, manchmal auch dank einer Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr der Stadt.

Siedlungsbrei! Massaker!

Die ökologischen Folgen wie Zersiedlung, Autozwang, erhöhter Energiebedarf und einiges mehr sind verheerend, die ästhetischen sind es auch. Architekturkritiker nennen die Eigenheimsiedlungen abfällig "Speckgürtel", zuweilen auch "Siedlungsbrei", "indiskutabel und hässlich". Es mag ein Vorteil sein, dass das "ästhetische Massaker" unblutig ist. Aber wer weiß, ob es sich nicht in die Seelen der Bewohner eingräbt?

All das vermindert die Anziehungskraft der Vorstadt nicht. Die Siedlungen an der Peripherie wachsen weiter. Die Älteren verwirklichen ihren Traum vielleicht auch, weil die ehemaligen Vorstadtkinder unter ihnen nicht ungern zurückblicken. Für Kinder ist das Gartenglück mit Fernsehanschluss nicht selten die große Welt. Bis zur Pubertät scheint das Leben in dem, was manche Soziologen als "Nicht-Ort", manche Urbanisten als "Karnickelstall" bezeichnen, große Annehmlichkeiten zu bieten.

Buntes Treiben

Sonst hätten drei deutsche Schriftsteller – Alexander Gorkow, Ulrich Woelk und Andreas Heidtmann – nicht die autobiografisch grundierte Perspektive eines Minderjährigen gewählt. Die Belgierin Adeline Dieudonné und die Französin Julia Deck nehmen sich dagegen der Vorstadterwachsenen an. Die treiben es in ihren Romanen ... nun, recht bunt. Mittendrin befindet sich der Feature-Autor Christoph Vormweg mit seinen eigenen Erinnerungen an Kindheit und Jugend in einem Kölner Reihenhaus. Er weiß: Heimat gibt es überall.

(pla)

Das Manuskript der Sendung können Sie hier herunterladen.

Es sprechen: Max Urlacher, Nina West, Laurenz Laufenberg und Stephanie Eidt
Ton: Martin Eichberg
Regie: Stefanie Lazai
Redaktion: Jörg Plath
Deutschlandfunk Kultur 2021

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