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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.07.2009

Der tragische Fall eines Zufrühgekommenen

Friedrich Christian Delius: "Die Frau, für die ich den Computer erfand", Rowohlt Berlin, Berlin 2009, 256 Seiten

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Konrad Zuse hält im Atelier seines Hauses in Hünfeld bei Fulda ein Originalteil seines mechanischen Computers "Z1" in der Hand. (AP Archiv)
Konrad Zuse hält im Atelier seines Hauses in Hünfeld bei Fulda ein Originalteil seines mechanischen Computers "Z1" in der Hand. (AP Archiv)

Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius erzählt in "Die Frau, für die ich den Computer erfand" den Lebensweg von Konrad Zuse, der 1934 den ersten programmierbaren Rechner baute, damit aber kaum bekannt wurde. Der dokumentarische Roman enthält zugleich eine Liebesgeschichte.

Er war einer der größten Erfinder des 20. Jahrhunderts, vielleicht der größte überhaupt. Und doch ist Konrad Zuse, der die erste programmierbare Rechenmaschine baute und damit das Computer-Zeitalter begründete, nur wenig bekannt. Friedrich Christian Delius, der sich auf dokumentarisches, an Fakten entlang fabulierendes Schreiben spezialisiert hat, möchte das ändern. "Die Frau, für die ich den Computer erfand" ist eine Art Zuse-Biographie, von ihm selbst erzählt, als Monolog eines alten Herrn, der einem jungen Journalisten seine Erinnerungen aufs Band diktiert. Da spricht ein grantelnder Alter, der mal die Rentner beschimpft, mal die ahnungslose Jugend – und immer wieder die Medien, die einen irrsinnigen Aufwand betreiben, um dann doch bloß Drei-Minuten-Interviews zuzulassen. Er, mit einem gewissen Hang zu Abschweifung und Tirade, bevorzugt eindeutig das größere, das Lebensformat.

Die äußeren Daten stimmen mit denen Zuses überein – auch wenn dessen Name nie fällt. Zugleich wird eine deutsche Geschichte erzählt, die 1934 im Wohnzimmer der Eltern in der Berliner Methfesselstraße begann, wo Zuse die "Z1" genannte Ur-Rechenmaschine aus selbst gesägten Metallplättchen zusammenschraubte. Im Krieg werden mehrere Maschinen bei Bombenangriffen zerstört, und schließlich ist es der verlorene Krieg, der auch Zuse gegenüber seinen amerikanischen Konkurrenten zum Verlierer macht. Wäre die Geschichte anders verlaufen, dann läge Silicon Valley heute vielleicht zwischen Fulda und Kassel, wo er in den 50er-Jahren seine Firma aufbaute, mit der Anmeldung seiner Patente aber scheiterte. Er ist der tragische Fall eines "Zufrühgekommenen", der mit der "Ungnade der zu frühen Geburt der Ideen" leben muss. Als er den Computer erfand, begriffen die Menschen um ihn herum noch lange nicht die Tragweite dieser Erfindung.

Wer sich nur für die Geschichte Zuses interessiert, erfährt in diesem Buch nichts, was sich nicht auch in einem Lexikonartikel erfahren ließe. Wer wissen will, was Gleitkommazahlen sind oder wie die Programmiersprache Plankalkül funktioniert, sollte in Fachbüchern nachsehen. Delius interessiert sich für den faustischen Menschen und seinen Forscherdrang und der doch mehr sein will als nur Erfinder: ein Künstler nämlich. Delius macht aus diesem Gegensatz ein Lebensthema und aus Zuse einen interessanten Goethe-Interpreten, der sich an Faust reibt und die "zwei Seelen in seiner Brust" als die Null und die Eins der Digitalisierung identifiziert. "Ich will, dass die Leute wissen, dass ich nicht bloß ein sturer Ja-Nein-Denker gewesen bin", lässt Delius seinen Zuse sagen. "Ich will, dass man auch die andere Seite sieht, die Phantasie, die Spielerei, das Verrückte und Versponnene, die Kunst."

Auch die große Liebesgeschichte, die Delius in Zuses Leben einfügt, ist eine Faust-Geschichte. Er macht die Mathematikerin Ada Lovelace, Tochter von Lord Byron, zu Zuses "Helena": einer Muse, die ihn beschützt, einer Partnerin, mit der er spricht, einer historischen Vorläuferin aus dem 19. Jahrhundert, die als platonische Geliebte zu seiner Zeitgenossin wird. Deshalb kürzt Zuse seine Rechenmaschinen bei Delius auch nicht mit "Z" wie Zuse ab, sondern mit "A" wie Ada. So wird aus Zuses Geschichte literarische Imagination. Dennoch entkommt Delius den Einschränkungen, die ihm die Wirklichkeit auferlegt, nicht. Das Dokumentarische setzt enge Grenzen, die sich durch die monologische Form des Textes weiter verengen. Es ist nun mal etwas ermüdend, stundenlang ein Band abhören zu müssen, ohne jemals auf die Außenperspektive umschalten zu können. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch der junge Journalist, der Zuse zuhört, in der späten Nacht entschlummert.

Besprochen von Jörg Magenau

Friedrich Christian Delius: Die Frau, für die ich den Computer erfand
Roman
Rowohlt Berlin, Berlin 2009
256 Seiten, 19,90 Euro

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