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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 21.05.2010

Der Tradition verpflichtet

Neue Leitung im Verlag Hentrich & Hentrich

Von Jens Brüning

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Erstmals wird auch Belletristik verlegt. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Erstmals wird auch Belletristik verlegt. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Nach dem Tod von Gerhard Hentrich leitet Nora Pester den Verlag Hentrich & Hentrich. Er bleibt dem Schwerpunkt zur jüdischen Kultur und Zeitgeschichte treu - und muss das Programm trotzdem so aufstellen, dass er Gewinn abwirft.

Das erste Buch, das im Verlag Hentrich erschien, enthielt zugleich das Programm des Unternehmens. Es war ein Bildband, der anlässlich des 40. Jahrestages der Wannseekonferenz, auf der die Vernichtung der europäischen Juden bürokratisch in Bahnen gelenkt wurde, erschien: "Steinerne Zeugen. Stätten der Judenverfolgung." Im Vorwort schrieb der damalige Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker: "Wenn wir die Vergangenheit angenommen haben, dann dürfen wir uns zur Zukunft bekennen." Verleger Gerhard Hentrich ist diesem Anspruch zeitlebens treu geblieben. Nora Pester, die den Verlag im letzten Jahr übernommen hat, fühlt sich der Tradition verpflichtet:

"Das wieder ins Bewusstsein zurückzubekommen: Wo kommt eigentlich unsere heutige Gesellschaft und ihre Errungenschaften her, und welche Ableitungen treffen wir daraus für die Zukunft? Ich denke, das ist der Kern dieses Verlags und seiner Publikationen."

Wir sitzen in einem kleinen, mit dem Notwendigsten eingerichteten Büro im traditionsreichen Buchgewerbehaus in der südlichen Wilhelmstraße, dort, wo die Pracht des Berliner Regierungsviertels in Kreuzberger Tristesse übergeht.

"Im Sommer 2009 erhielt ich einen Anruf von einem befreundeten Verleger, der mich fragte: Nora, kannst du dir vorstellen, einen Verlag zu übernehmen? Und ich zögerte einen Moment, weil ich mich eigentlich in meiner damaligen beruflichen Situation recht wohl fühlte, und fragte ihn dann: Na ja, worum geht’s denn? Und er meinte: Jüdische Kultur und Zeitgeschichte. Und da war mir schon klar, also ich glaube, diese Frage bekommt man einmal im Leben gestellt. Es ist ein Thema, was mich immer schon sehr persönlich und zum Teil auch wissenschaftlich interessiert und bewegt hat. Und es stellte sich dann eben heraus, dass es sich um den Hentrich & Hentrich-Verlag handelt, und ich lernte auch recht bald den Verleger Gerhard Hentrich kennen, und, ja, es entwickelte sich schnell doch so etwas wie eine persönliche Beziehung und ein gegenseitiges Vertrauen, wo er sagte, er kann sich vorstellen, dass ich sein Lebenswerk fortführe, und wo auch die Partner des Verlages – gerade bei diesem Thema spielen sie ja auch eine sehr wichtige Rolle – ihr Einverständnis und ihre Zustimmung signalisierten, und so ging das dann alles sehr, sehr schnell. Und fand dann seinen - man muss fast sagen: tragischen - Höhepunkt darin, dass wenige Tage nach der Vertragsunterzeichnung Gerhard Hentrich verstorben ist, im Herbst 2009."

Langjährige Kooperationen bestehen mit dem Berliner Centrum Judaicum, dessen Direktor Hermann Simon als Herausgeber für drei Schriftenreihen des Verlages fungiert. Die Schriften des Centrum Judaicum, die Jüdischen Memoiren und die Jüdischen Miniaturen werden weiterhin im Verlag Hentrich & Hentrich erscheinen. Besonders die Reihe mit den Lebensbildern berühmter, interessanter oder einfach nur bemerkenswerter Menschen mit jüdischem Hintergrund hat sich seit ihrem Start als Erfolg erwiesen. Nora Pester:

"Wir haben jetzt fast den Band 100 erreicht, es ist auch sehr schade, dass Gerhard Hentrich das nicht mehr erleben durfte, aber ich möchte da schon gewisse Nuancierungen vornehmen, also inhaltlich anspruchsvolle Texte, das ist oberstes Kriterium in der Verlagsarbeit von Hentrich & Hentrich, und trotzdem gut verständlich."

Die kleinformatigen Bände richteten sich anfangs vor allem an ein junges Publikum. Band 98, der in diesem Frühjahr erscheint, zeichnet anhand der Biografien von fünf Familien das Leben der jüdischen Bewohner der Grenadierstraße im Berliner Scheunenviertel bis in die 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts nach.

"Das Verlagsspektrum wird sich noch deutlich erweitern, also im Herbstprogramm wird es zum ersten Mal auch einen belletristischen Titel geben, der seinen Ursprung in Argentinien hat. Ich werde auch das Länderspektrum, das regionale Spektrum des Verlags erweitern und möchte auch mit diesem Generationswechsel, der sich jetzt von Verleger zu Verlegerin vollzogen hat, auch den Generationswechsel, der parallel in vielen anderen Institutionen läuft, begleiten, und dadurch auch noch sehr viel mehr Rückwirkungen aus der Geschichte für die Zukunft mit diesem Verlag darstellen: Ein sehr lebendiges Judentum, ein breites Spektrum an jüdischen Studien, wie sie auch aktuell von Nachwuchswissenschaftlern betrieben werden, möchte ich im Verlag veröffentlichen."

Im Frühjahrsprogramm des nun von Nora Pester geleiteten Verlags Hentrich & Hentrich erscheinen die Memoiren der Leontine Sagan. Die 1889 in Budapest geborene und in Südafrika aufgewachsene Schauspielerin und Regisseurin wurde 1931 weltweit bekannt durch ihre Verfilmung des Romans "Mädchen in Uniform".

"Zugleich auch eine ganz beeindruckende Lebensgeschichte, die dann in Europa begann und in Südafrika endete, wo sie auch sehr bekannt ist, weil sie dort sehr viel für Film und Theater getan hat."

Viele der Neuerscheinungen wurden noch vom verstorbenen Altverleger Gerhard Hentrich verabredet. Nach und nach wird Nora Pester ihre Vorstellungen umsetzen und dabei auf die Kooperationspartner vertrauen können.

"Die große Stärke der Partnerschaften liegt mit Sicherheit nicht in der finanziellen Unterstützung, sondern vor allem in der ideellen. Das ganze wurde von Gerhard Hentrich wirtschaftlich sehr solide geführt, aber es musste bisher auch niemanden ernähren. Er, und auch die anderen Mitarbeiter des Verlags waren alle schon im Pensionsalter, und jetzt ist es zum ersten Mal so, dass der Verlag so aufgestellt werden muss, dass er auch wirklich einen gewissen Gewinn abwirft, um die laufenden Kosten zu decken, und das ist auf keinen Fall so, dass das mit den Druckkostenzuschüssen getan wäre, und das braucht dann auch Titel, die wirklich sich über den Verkauf finanzieren."

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