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Länderreport | Beitrag vom 03.07.2020

Der Tölzer KnabenchorArien auf Abstand

Von Michael Watzke

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Das Foto zeigt den Tölzer Knabenchor aus der Vogelperspektive. Die Jungen tragen Lederhosen und karierte Hemden und schauen lächelnd nach oben in die Kamera. (Klaus Fleckenstein)
Proben in großer Runde waren für die jungen Sänger des Tölzer Knabenchors monatelang unmöglich. (Klaus Fleckenstein)

Keine Gesangsproben, keine Konzerte - keine Einnahmen. Der traditionsreiche Tölzer Knabenchor stand wegen des harten Coronalockdowns kurz vor dem Ende. Nun dürfen die Jungen wieder singen - und müssen beim Proben fünf Meter Abstand halten.

Gesangsstunde in der Tölzer Straße in München. Darauf hat Konstantin, acht Jahre alt, lange warten müssen. Der aufgeweckte Junge mit den blonden Haaren und den großen Augen singt seit einem Jahr im Tölzer Knabenchor. "Ich bin Konstantin Stiegler, komme aus Kiel. Wir haben lange in München gewohnt, aber jetzt sind wir nach Starnberg gezogen."

Starnberg – der Landkreis mit den ersten Coronafällen in Deutschland, bei Webasto. Das war Ende Januar – da dachte niemand an Pandemie. Auch Konstantin nicht. Damals brachten ihn seine Eltern regelmäßig zur gemeinsamen Chorprobe nach München.

"Ich war dreimal die Woche beim Tölzer Knabenchor: montags, mittwochs und freitags." Dann kam Covid-19. Und mit dem Virus eine Situation, die den Tölzer Knabenchor an den Abgrund führt.

Sänger fühlen sich wie Aussätzige

Eine solch lange Atempause hat der Chor in seinen 64 Jahren Geschichte nicht erlebt, sagt Christian Fliegner, künstlerischer Leiter des Ensembles: "Nein, sowas wie die Coronakrise gab’s noch nie. Es gab einmal eine Reise nach Israel, wo sich der Veranstalter aus dem Staub gemacht hat, bevor wir zurückgeflogen waren. Zum Glück hat uns der Professor noch retten können. So dass wir noch zurückfliegen konnten. Solche Geschichten schon, aber ansonsten wüsste ich nichts."

Ein blonder Junge bekommt in einem fast leeren Probenraum eine Gesangsstunde. Im Hintergrund ist ein Mann am Klavier zu sehen.  (Michael Watzke / Deutschlandradio)Gesangsstunde mit fünf Metern Abstand: Konstantin, acht Jahre alt, freut sich, dass er wieder für den Tölzer Knabenchor proben darf. (Michael Watzke / Deutschlandradio)

Wenn Christian Fliegner mit Konstantin probt, halten sie fünf Meter Abstand. Der Lehrer muss laut rufen, damit ihn sein Schüler über die Klaviermusik überhaupt versteht. Es ist Mitte Juni, da gelten in Bayern noch strenge Abstandsregeln für Chorsänger. Das ändert sich erst zwei Wochen später.

Grund für den riesigen Abstand: die Aerosole. Feinste Speichelpartikel, die besonders beim Singen in die Luft fliegen. Barbara Schmidt-Gaden, die Geschäftsführerin des Tölzer Knabenchors, kann das Wort Aerosol kaum mehr hören.

"Als Sänger fühlt man sich fast schon als Aussätziger, muss ich ehrlich sagen. Weil noch keine neuen wissenschaftlichen Studien dazu da sind. Es wird gerade eine gemacht an der LMU, mit Professor Echternach. Der Leiter der Phoniatrie. Der ist selbst Sänger, das kommt uns entgegen. Ich war selbst bei den Studien dabei und warte auf die ersten Ergebnisse. Wir hoffen natürlich, dass da ein bisschen Entwarnung gegeben wird, weil inzwischen eine Distanz zwischen zwei und zehn Metern im Gespräch war. Wobei diese zehn Meter schon wieder zurückgenommen wurden. Ich nehme an, es wird sich auf zwei Meter einpendeln."

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Barbara Schmidt-Gaden macht sich Sorgen um den Tölzer Knabenchor. Zum einen wegen der finanziellen Situation. Denn Corona bedeutet für das Ensemble, "dass erstmal 42 Auftritte weggebrochen sind. Bis jetzt. Wir hoffen nun auf das Weihnachtsgeschäft – dass es dann wieder läuft. Dann sehen wir Licht am Ende des Tunnels."

Die Umsätze brechen weg

Der Tölzer Knabenchor ist keine staatliche Institution, sondern eine private GmbH. Mit den Zuschüssen vom Freistaat Bayern und der Stadt Bad Tölz kommt der Chor nicht weit. Er braucht Eintrittsgelder zum Überleben. Das Frühjahr, neben Weihnachten eine der wichtigsten Jahreszeiten, ist dieses Jahr komplett ausgefallen.

"Ostern ist wichtig, wenn Passionen kommen", sagt die Geschäftsführerin. "Dann natürlich auch wichtig: die Opernauftritte. Weil wir uns zu 60 Prozent aus Opernauftritten auf der ganzen Welt finanzieren. Sprich: 'Zauberflöte' in Neuseeland und Australien. Dann natürlich Staatsoper München, Komische Oper Berlin. Auch 'Pelleas', was in den letzten Jahren sehr häufig auf den Spielplänen war. Da besetzen wir immer den Yniold."

Online-Gesangsproben - unmöglich

Dieses Jahr – bisher nichts. Wochenlang konnten die Tölzer nicht mal gemeinsam proben. Denn über Internet-Konferenzen wie Zoom oder Google Meet sind gemeinsame Chorproben so gut wie unmöglich. Wegen der leichten Verzögerung ist die so wichtige Gleichzeitigkeit mehrerer Stimmen ausgeschlossen. Und es fehlt auch der direkte Austausch, sagt der künstlerische Leiter Christian Fliegner:

"Die Kinder sind natürlich frustriert darüber, dass sie nicht auftreten können. Das Erlebnis, auf der Bühne zu stehen – das ist ja das Einmalige. Oder gemeinsam zu proben – auch das ist etwas, das Sänger brauchen! Man möchte sich ja miteinander austauschen, man möchte emotional loslegen. Und das geht jetzt alles nicht."

Erleichtert nach der Lockerung

Die Chöre sind die Hauptleidtragenden der Pandemie - neben Bars, Kneipen und Discos. Deshalb hörte Chor-Geschäftsführerin Schmidt-Gaden Mitte Juni genau hin, als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder endlich Lockerungen verkündete. "Ab nächster Woche – was vielen wichtig ist – sollen auch Chöre die Möglichkeit haben, wieder anzufangen. Allerdings mit einem Sicherheitskonzept, das noch erläutert wird."

Barbara Schmidt-Gaden verfolgte die Pressekonferenz in ihrem Büro. "Ich habe gefiebert. Bin nicht mal mehr ans Telefon gegangen. Ich habe gehofft, dass es gelockert wird – und so kam es ja dann auch. Worüber wir uns wirklich sehr gefreut haben."

Nun ist es möglich, wieder mit etwas mehr als einem Dutzend junger Sänger gleichzeitig in einem Raum zu proben. Es gilt nun ein Mindestabstand der Kinder von zwei Metern beim Singen, außerdem muss der Probenraum regelmäßig gelüftet werden – und die Probe ist zeitlich begrenzt.

"Es sind heute 15 Kinder da. Und da freuen wir uns sehr, dass sie da sind. Dass wir die strahlenden Gesichter wiedersehen können. 15 von 53 Chor-Einzlern. Und insgesamt haben wir 172 Kinder."

Bis die wieder alle gemeinsam proben oder gar auftreten können, wird noch eine Weile vergehen. Der Tölzer Knabenchor hofft nun, dass sich die Corona-Situation nach den Sommerferien nicht wieder verschlechtert. Auch, weil die ersten Schulwochen wichtig für die Nachwuchssuche sind.

"Normalerweise gehen wir in die ersten Klassen und hören uns die Kinder an. Teilen da Prospekte aus, damit sie zu uns kommen können. Die große Frage ist, ob wir das dürfen. Deshalb haben wir da schon vorsorglich reagiert. Haben online die Möglichkeit geschaffen, dass die Kinder sich bei uns vorstellen können. Dann können wir sie online testen und dann in unser Studio einladen. Wir freuen uns über jedes Kind, das bei uns anklopft."

Geburtstagsständchen gegen Spende

"Wenn Sie auf unsere Homepage gehen, gibt’s da auch einen Spendenaufruf. Wir sind wirklich dringend auf Hilfe angewiesen", sagt die Geschäftsführerin Barbara Schmidt-Gaden. Um den finanziellen Kollaps zu verhindern, hat sie sich einiges überlegt. Natürlich hat sie staatliche Soforthilfen beantragt und auch bekommen. Aber das reicht höchstens für ein paar Monate Mietzins.

Natürlich hat sie Kosten gespart und Gesangslehrer schweren Herzens in Kurzarbeit geschickt. Und um das Spendenaufkommen zu erhöhen, bieten die Tölzer auf ihrer Homepage ein Online-Geburtstagsständchen an. Für 25 Euro erhalten Spender ein personalisiertes Chorvideo:

Und noch ein weiteres Digitalprojekt ist entstanden: Aus drei Dutzend einzeln aufgenommenen Filmen und Tonspuren der älteren Sänger haben die Tölzer ein witziges und erfolgreiches Youtube-Video produziert – zu Mozarts "V‘amo di Core".

Fast alle Eltern zahlten weiter den Beitrag

Wird der Tölzer Knabenchor Corona überstehen? Alles hängt davon ab, ob das Virus auch im Herbst und im Advent noch wütet, sagt Barbara Schmidt-Gaden: "Ich kann nur sagen, wenn das Weihnachtsgeschäft ausfällt, wenn da gar nichts stattfindet, dann kommen wir auf die Null."

Rücklagen hat der Chor nämlich keine. "Nein, leider nicht. Wir sind ja eine gemeinnützige GmbH, das heißt, wir dürfen keinen Gewinn machen."

Zumindest auf die Eltern der Tölzer Knaben kann sich Geschäftsführerin Schmidt-Gaden verlassen. Die zahlen schließlich für den Gesangsunterricht ihrer Kinder. Und als der während Corona ausfiel, hätten sie auch kein Geld überweisen müssen. Aber fast alle Eltern zahlten dennoch weiter.

"Was ich ganz toll finde, und wo wir unseren Eltern und Familien wirklich wahnsinnig dankbar sind, dass sie uns so unterstützen."

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