Der Terror in seinem Milieu

Zerstörter Wagen einer U-Bahn nach den Anschlägen in London © AP
Von Jörg Friedrich · 14.07.2005
In London hat sich der Fahrradumsatz vervierfacht. Denn die U-Bahn eignet sich allzu gut zum Schlachtfeld, wie seit den Tokioter Giftgasanschlägen von 1995 erkannt. Damals verwehten die laienhaft gemixten Schwaden und riefen hauptsächlich Übelkeit hervor. Die Londoner Fünf-Kilo-Sprengsätze waren solides Kriegsmaterial, in Sekundenpräzision gezündet von Selbstmördern; ebenso leicht auch unter dem Pflaster zu platzieren.
Der Terrorismus erlernt sein Handwerk schneller als die Terror-Abwehr, denn die Natur dieses Genres ist der Angriff. Sein Ziel ist der immens verletzliche Organismus der Großstadt. Wer alles angreifen kann, und das aus dem Nichts heraus, ist relativ unangreifbar. Relativ, wie gesagt. Die Kriegsgeschichte kennt keine absolute Unversehrbarkeit. Seit dem Einzug des trojanischen Pferdes ist das eine Illusion. Der unangreifbare Angreifer war immer nur vorübergehend souverän. Der Anschlag aus dem Nichts basiert nicht im Garnichts!

Der bundesdeutsche Terrorismus der verflossenen Siebziger etwa feuerte als unkenntlich verkleidete Mutter mit Kinderwagen, erwuchs allerdings aus einem Milieu, dem studentischen Linksradikalismus. Seine überwiegende Mehrheit lebte im Rot-Milieu so lammfromm wie heute die Masse der Muslime. Die Genickschussfraktion war ein winziger Splitter, von ihrer Heimatkolonie langatmig kritisiert. Doch waren die Kritisierten, wie unser heutiger Außenminister sie damals zutreffend nannte, unsere Genossen. Unsere Gudrun mit unserem Stallgeruch und leider der falschen Taktik. Ein Genosse verhielt sich zur CDU wie heutzutage ein Mullah zur Love Parade. Die Hinrichtungen im "Schweinesystem" lösten – so hieß das Wort – klammheimliche Freude aus im Milieu. Unverantwortlich aber amüsant. Das Milieu war mit seinen Desperados hundertfach mental vernetzt. Daraus entstand die halbe Logistik.

Die linke Schickeria strömte so unaufhaltsam ins Beamtenverhältnis wie die muslimische Zuwanderung nach Europa. Dort lebte es sich sorgenfrei und zudem ist der liberale Staat von innen spielend lahm zu legen. Dieser Dschihad hieß seinerzeit "langer Marsch durch die Institutionen". Brandt und Schmidt zwangen den dschihadistischen Kolonnen damals vor Einlass in ihr Marschgebiet eine Art von Visum auf. Die Gewähr nämlich, jederzeit für die freiheitlich-demokratische Grundordnung aktiv einzutreten. "Eintreten" hieß mehr als Kopfnicken. Bei Zweifeln daran fiel die Entscheidung gegen den Beamtenbewerber. Die Fortschrittsintelligenz der Republik, allen voran die jungen Rechtsanwälte Ströbele, Schily und Schröder, haben das als undemokratisch gegeißelt. Zu Recht. Im Ringen gegen ihre Feinde reagiert die Demokratie besser wehrhaft. Sie storniert Freiheiten um der Freiheit willen. Das, nebenbei, haben unsere so genannten Befreier in zwei Weltkriegen so gehalten.

Der islamische Terrorismus hat einen globalisierten Krieg erklärt und führt ihn jenseits des tradierten Staatenkriegs als Netzwerk, eingenistet in Parallelkulturen. Das ist das präzedenzlos Moderne daran. Der Aggressor operiert nicht mehr als Staat, jedoch i n Staaten, i n Nationalverfassungen und Kommunen und nutzt deren Unwehrhaftigkeit. Ihr Liberalismus rühmt sich der Freiheitsträume, die das Milieu der islamischen Parallelgesellschaft in ganz anderer Absicht durchmisst. In ihrem Geltungsbereich konkurrieren die Gleichheit der Menschen, die Würde der Person, die Freiheit von Wort, Schrift und Bild, das Recht auf Leben gar, mit ehernen Gottesvorschriften. Dass die Glaubensgenossen die Gewähr dafür bieten, sich jederzeit für die Gleichheit der Frau, die Würde der jüdischen Mitbürger und die Meinungsfreiheit der Islamabtrünnigen einzusetzen, wird pauschal unterstellt bis zum Beweis des Gegenteils. Je intensiver man alsdann wegsieht, desto weniger ist zu beweisen.

Diese Art von Nachtwächterstaaten sind nicht länger zu betreiben. Nicht falls binnen zehn Jahren europaweit Bagdader Verhältnisse einreißen. Ob der Weg, unsere Grundwertecharta in den No-go-areas der Koranschulen und Blutrache-Clans so zu erzwingen wie die Steuer-Ehrlichkeit, dem Terrorismus Nährboden entzieht, ist völlig ungewiss. Dieser Virus operiert höllisch flexibel. Gewiss ist etwas anderes: Eine Ordnung, die den Mumm zur Selbstgewährleistung nicht präsentiert, wird in Lebensgefahr von den eigenen Leuten abgewrackt. Sie steigen um, und nicht nur aufs Fahrrad.


Jörg Friedrich, Historiker und Autor, 1944 in Kitzbühel/Tirol geboren und in Essen aufgewachsen, war zunächst Schauspieler, Regisseur und Drehbuch-Autor, wandte sich dann in den Zeiten der Studentenbewegung der außerparlamentarischen Opposition zunächst zu, dann wieder ab und ließ sich in Berlin als Sachbuchautor und Journalist nieder. Er arbeitete mit an der dreibändigen "Enzyklopädie des Holocaust" der Gedenkstätte Jad Vashem und ist Ehrendoktor der Juristischen Fakultät der Universität Amsterdam. Zu seinen Veröffentlichungen zählen "Freispruch für die Nazi-Justiz", "Die kalte Amnestie - NS-Täter in der Bundesrepublik" und "Das Gesetz des Krieges - Das Deutsche Heer in Russland". Zuletzt erschienen zwei Bücher über den Bombenkrieg: "Der Brand" und "Brandstätten".