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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.09.2006

Der Terror geschieht nebenan

Salman Rushdies Hörbuch "Shalimar, der Narr"

Rezensiert von Tobias Wenzel

Als Boonyi in ihr kleines Dorf zurückkehrt, sind alle wie gebannt von ihrem Anblick. (AP)
Als Boonyi in ihr kleines Dorf zurückkehrt, sind alle wie gebannt von ihrem Anblick. (AP)

Es ist ein trauriges Buch. Ein Buch über das verlorene Paradies Kaschmir, eine verlorene Liebe, zerstörte Hoffnung und menschliche Verirrungen. Gert Heidenreich lässt mit seiner nuancierenden Stimme den Hörer in Rushdies schillernde Welt eines Liebes- und Vergeltungsromans eintauchen. Der Autor selbst ist auf einem langen Bonus-Track zu hören.

Los Angeles: Der ehemalige US-Botschafter in Indien, Max Ophuls, wird von seinem muslimischen Chauffeur umgebracht. Der Mord hat keine politischen, sondern private Gründe. Und die führen den Hörer in die Vergangenheit: nach Kaschmir, dem Hauptschauplatz des Buches.

Der muslimische Hochseilartist "Shalimar, der Narr" und die hinduistische Tänzerin Boonyi verlieben sich in ihrem kaschmirischen Dorf ineinander:

"'Verlass mich nicht', sagte er und rollte sich dabei vor Glückseligkeit keuchend auf den Rücken. 'Verlass mich bloß nicht, oder ich werde dir nie verzeihen und mich rächen. Ich bringe dich um. Und wenn du von einem anderen Mann Kinder bekommst, töte ich auch die Kinder.'
'Wie romantisch du bist', erwiderte sie sorglos. 'Du sagst mir die süßesten Dinge.'"

In dieser ersten Liebesnacht ahnt Boonyi nicht, welche Bedeutung die Worte ihres Geliebten haben würden. Tatsächlich tritt ein anderer Mann in ihr Leben: der amerikanische Botschafter Max Ophuls:

"Als Boonyi zum ersten Mal in Maximilian Ophuls' Augen blickte, verbeugte sie sich, während er ihr frenetisch Beifall spendete und sie dabei so durchdringend ansah, als wollte er ihr direkt ins Herz schauen. In diesem Moment wusste sie, dass sie gefunden hatte, wonach sie suchte. 'Ich habe mir geschworen, dass ich die Gelegenheit beim Schopfe packe, sobald sie sich bietet', sagte sie sich, 'und jetzt ist sie da, starrt mir ins Gesicht und klatscht wie verrückt.'"

Der mit britischem Pass in New York lebende Schriftsteller Salman Rushdie nimmt am 23. Januar 2006 in Köln an einem Empfang mit Lesung im Rathaus teil. (AP)Salman Rushdie im Januar 2006 in Köln. (AP)Boonyi entscheidet sich für Max Ophuls und ein Leben in der Großstadt. Und verlässt dafür Shalimar und ihr Kaschmir, in dem der Bürgerkrieg beginnt. Der verlassene Shalimar jedoch sinnt nach Rache und wird zum islamistischen Attentäter: Jemand wird eben nicht nur aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen zum Mörder - will uns Salman Rushdie sagen - und sagt uns das auch auf dem langen Bonus-Track des Hörbuchs.

Salman Rushdie - der Anhänger einer multikulturellen Gesellschaft - ist dem auf der Spur, was Menschen an Menschen anderer Herkunft irritiert:

"Gerade als Schriftsteller, der in der Vergangenheit diese Mischung feierte, muss man auch sehen, woher diese Irritation kommt - weshalb sich Menschen sorgen. Deshalb bringe ich Shalimar, den Narr, in den Westen, um zu sagen: Der Terror geschieht nicht nur in sicherer Entfernung, tausende Kilometer weit weg, sondern in der Straße, in der wir leben."

Lange hat Salman Rushdie für diesen Roman recherchiert, um die terroristischen Ausbildungslager ebenso genau beschreiben zu können wie den komplizierten Kaschmir-Konflikt. Aus pakistanischer Sicht ebenso wie aus indischer.

Das Buch "Shalimar, der Narr" lässt Kaschmir als ein verlorenes Paradies erscheinen. Unwiderruflich verloren ist auch die Liebe zwischen Shalimar und Boonyi. Max Ophuls hat sie nur ausgenutzt. Und so kehrt Boonyi, Mitten im Winter, schließlich als dicke, von Drogen gezeichnete Frau, reumütig in ihr Dorf zurück. Sie weiß nicht, dass man sie in der Zwischenzeit für tot erklärt hat.

"Alle waren wie gebannt vom Anblick dieses stocksteif dastehenden Leichnams, der aussah, als hätte seine Besitzerin in ihrem Leben nach dem Tode nichts anderes getan, als zu essen. Wie eine Schneefrau sah sie aus - von Kindern gebaut. Eine Schneefrau, in der die dahin geschiedene Boonyi steckte.
Niemand sprach mit der Schneefrau. Boonyi meinte zu verstehen. Sie wurde bestraft. Man richtete mit dieser Pantomime über sie, stieß sie rituell aus dem Dorf aus. Aber damit konnten sie es doch nicht bewenden lassen - nicht in diesem Schneesturm, oder? Gewiss würde sie bald jemand zu sich holen, sie ausschimpfen und ihr etwas Heißes zu trinken geben."

Boonyis Rückkehr in ihr Dorf gehört zu den ergreifendsten Passagen des Buchs. Sprecher Gert Heidenreich trifft nicht nur an dieser Stelle des Romans den Ton. Mit seiner warmen, nuancierenden Stimme lässt er den Hörer in Rushdies schillernde Welt dieses Liebes- und Vergeltungsromans eintauchen.

In der - wenn auch autorisierten - Lesefassung sind viele der unzähligen Miniaturporträts des Romans herausgekürzt. Das nimmt dem Text ein wenig seinen bunten, ausufernden Charakter - hat aber den Vorteil, dass der Hörer im Gegensatz zum Leser, die Haupterzählstränge nicht aus dem Blick verliert.

Salman Rushdie: Shalimar, der Narr.
Übersetzt von Bernhard Robben
Patmos, Juli 2006
6 CDs, 29.95 Euro

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