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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.09.2019

Der südafrikanische Künstler Robin RhodeGesellschaftskritische Streetart-Illusionen

Von Simone Reber

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Auf dem Bild "PIANO CHAIR" des südafrikanischen Streetart-Künstlers Robin Rhode sind an eine weiße Mauer ein Klavierstuhl und ein brennender, geöffneter Flügel gemalt. Im rechten Teil des Bildes hinter dem Klavierstuhl steht ein im Frack des Konzertpianisten gekleideter Mann, der in einer vor dem Feuer zurückschreckenden Pose festgehalten wurde.  (© Courtesy: The Artist - Robin Rhode)
In seinen Kunstwerken kombiniert Robin Rhode Streetart mit Performance. Diese wird fotografiert und gefilmt, ehe sie wieder übermalt wird. (© Courtesy: The Artist - Robin Rhode)

In Robin Rhodes Werk verbinden sich Streetart, Zeichnung, Film, Fotografie und Performance. Der Wahlberliner ist in Kapstadt geboren und in Johannesburg aufgewachsen. Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt in einer großen Ausstellung sein vielschichtiges Werk.

Ein großer Kamm lehnt an der weißen Hauswand. Auf den Putz ist ein Kreis mit schwarzen Kringeln gezeichnet. Eine Gestalt fährt mit dem Kamm hindurch und verzieht die Locken zu geraden Linien. In der Fotoserie "Blackness blooms" von 2012 benutzt der südafrikanische Künstler Robin Rhode die Klassfizierungsmethode des Apartheid-Regimes, das die Bevölkerung in drei Gruppen teilte, in Schwarze, Weiße und Coloured. Die Zugehörigkeit wurde im Zweifelsfall mit dem Kamm geprüft. Die Trennung nach Hautfarbe zog sich durch Robin Rhodes ganze Familie. Der Künstler lebt seit 2002 in Berlin, kehrte aber zum Arbeiten immer wieder nach Johannesburg zurück. Die Serie "Blackness blooms" zeichnete er an die Wand einer Bäckerei im Vorort Westbury. Ganz in der Nähe ist er aufgewachsen.

Zeichnung an der Wand - Performance davor

"Diese Wand hat so viele interessante Eigenheiten. Das beginnt mit dem ästhetischen Gesichtspunkt. Sie bekommt sehr viel Tageslicht. Was die Arbeit auch erleichtert: Gegenüber befindet sich ein wunderbarer Getränkeladen, wo ich Bier kaufen kann. Und sie ist ganz nah an der Community, so dass die Leute beobachten können, wie mein Werk entsteht. Dort leben viele junge Leute, Kinder kommen auf dem Heimweg von der Schule vorbei und sind mein Theaterpublikum. Und die Dimension dieser Mauer ist großartig."

Der südafrikanische Streetart- und Aktionskünstler Robin Rhode (6. Oktober 2008) (Foto: Gary Lee /dpa - ©_UPPA/Photoshot)Rhodes Kunsttechnik entstand aus Erinnerungen an die Schulzeit, als Jungs mit Kreide ihre Wünsche an die Toilettentür malten. (Foto: Gary Lee /dpa - ©_UPPA/Photoshot)

Erst entsteht die Zeichnung an der Wand, dann eine Performance vor der Zeichnung. Diese wird fotografiert und gefilmt, ehe die Streetart wieder übermalt wird. Die Technik entstand aus Rhodes Erinnerungen an die Schulzeit. Die älteren Jungs malten mit Kreide ihre Wünsche an die Toilettentür und drängten die Jüngeren mit diesen Objekten in Aktion zu treten. Manche zeichneten ein Fahrrad, andere eine Kerze, weil sie zu Hause kein Licht hatten. "Aber", sagt Robin Rhode, "meine Erinnerungen sind nicht nur traumatisch, überhaupt nicht. Ich erinnere mich an Freude, an Feste, an Spaß. Ich hatte als junger Mensch auch meine ganz privilegierten Momente mit meiner Familie in Südafrika. Wir sind nicht nur Opfer der Unterdrückung. Sondern wir feiern es auch, die Menschen zu sein, die wir heute sind mit all unseren Talenten."

Aus Gangmitgliedern von Westbury eine "Kunstarmee" machen

Die Fotoserien oder Trickfilme entlehnen ihren Witz dem Slapstick, aber dahinter lauert die grausame Vergangenheit Südafrikas. Da klappt ein Straßenkämpfer sein gezeichnetes Messer auf. Vultures – Geier heißt die Serie, wie eine der mächtigsten Gangs. "Memory is a Weapon" – "Erinnerung ist eine Waffe" - so der Titel der Ausstellung, stammt von dem Dichter Don Mattera. Er war einst Anführer der Vultures und wandelte sich vom Gangster zum Widerstandskämpfer und schließlich zum Sozialarbeiter in der coloured community. Nach Matteras Vorbild engagierte Robin Rhode sich später selbst für die Jugendlichen von Westbury. Er bezog sie in die künstlerische Produktion ein, entwickelte geometrische Formen, für die er Handlungsanweisungen schrieb, so dass seine Art-Army, seine Kunstarmee die Entwürfe in Wandmalerei umsetzen konnte.

"Zeitweise dachte ich, dass ich etwas ändern kann und wurde sehr aktiv. Ich habe ihnen eine Unterkunft besorgt, ich habe einige Mitglieder meiner jungen Crew zur Rehabilitation geschickt. Ich habe sie finanziell unterstützt, habe Kaution bezahlt, damit sie aus dem Gefängnis frei kommen. Aber ich kam in einen Kreislauf, in dem ich es nicht geschafft habe, sie von den Drogen los zu bekommen. Ihr Drogenkonsum war nicht zu kontrollieren. Diese Erfahrung habe ich jetzt aus erster Hand gemacht. Daran bin ich gescheitert."

Paradoxerweise gelang es einigen Jugendlichen trotzdem sich ein neues Leben aufzubauen: "Aber ohne meine Unterstützung, ohne meinen Einfluss. Ich glaube, ihre Erinnerung an die Zusammenarbeit mit mir, hat sie zurück geholt. Ohne dass ich persönlich dort sein und ihnen die Hand reichen musste. Das haben sie selbst gemacht."

Auf dem einen Teil des vierteiligen Bilder-Ensembles "MELANCHOLIA" des südafrikanischen Streetart-Künstlers Robin Rhode sind an eine beige, vereinzelt mit Grafitti besprüten Mauer in Jericho diagonal übereinander drei nach oben hin kleiner werdende Heptaeder, das Fünfeck aus Albrecht Dürers Stich: Melancholia gemalt. Um den obersten ist ein Seil gemalt und vor der Mauer steht eine ganz in schwarz gekleidete Frau, die das gezeichnete Symbol der Schwermut an den Seilenden wie einen Luftballon hinter sich herzuziehen scheint. (© Courtesy: The Artist - Robin Rhode)Weil es in seinem Heimatort Westbury bei Johannesburg zu gefährlich wurde, malte der Wahlberliner Robin Rhode die Serie "MELANCHOLIA" an eine Mauer in Jericho. (© Courtesy: The Artist - Robin Rhode)

In Westbury aber hat die Gewalt inzwischen so zugenommen, dass Robin Rhode seine Mauer aufgegeben und sich neu orientiert hat. Für die Jericho-Serie ist er nach Palästina gereist. Im Gepäck hatte er eine geometrische Figur, den Heptaeder, das Fünfeck aus Albrecht Dürers Stich: Melancholia. In schwarzem Kopftuch zieht eine Frau vor einer Mauer in Jericho das gezeichnete Symbol der Schwermut wie einen Luftballon hinter sich her. Aber dem Jericho-Projekt fehlt die Leichtigkeit. Es wirkt seltsam einschichtig, fast moralisch. Erst der Witz lässt Robin Rhodes Kunst tanzen.

"Memory is a Weapon" – die Ausstellung mit Werken des südafrikanischen Künstlers Robin Rhode ist bis zum 9. Februar im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen, geöffnet ist dort täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr.

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