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Interview | Beitrag vom 13.07.2018

Der Streit ums Kopftuch bleibt"Es geht darum, die Frauen zu stigmatisieren"

Fereshta Ludin im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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 Fereshta Ludin, Lehrerin an einer Privatschule in Berlin, spricht bei einer Pressekonferenz zum Thema "20 Jahre Kopftuchstreit". ( Marijan Murat / dpa )
Die Lehrerin Fereshta Ludin löste vor 20 Jahren einen lange währenden Gerichtsstreit über das Tragen eines Kopftuchs im Schulunterricht aus. ( Marijan Murat / dpa )

Vor 20 Jahren klagte die Lehrerin Fereshta Ludin, zog bis vors Verfassungsgericht, um mit Kopftuch unterrichten zu dürfen. Der heutige Blick auf die Debatte sei "frustrierend", meint sie. Noch immer würden Betroffene als "unterdrückt" oder "Bedrohung" dargestellt.

Liane von Billerbeck: Am 13. Juli 1998 verweigerte das Oberschulamt Stuttgart der muslimischen Grund- und Hauptschullehrerin Fereshta Ludin die Einstellung in den Schuldienst, weil sie nicht auf das Tragen ihres Kopftuchs auch im Unterricht verzichten wollte.

Ludin klagte dagegen durch mehrere Instanzen, und schließlich urteilte das Bundesverfassungsgericht im September 2003, einer Lehrerin könne das Tragen eines Kopftuchs an einer öffentlichen Schule nicht untersagt werden, solange es kein entsprechendes Gesetz auf Landesebene gibt. Anschließend beschlossen einige Bundesländer Verbote.

Heute lassen alle Länder, bis auf Berlin, das Kopftuch für Lehrerinnen zu. 20 Jahre nach Beginn des sogenannten Kopftuchstreits will ich nun mit Fereshta Ludin sprechen. Sie ist jetzt am Telefon, schönen guten Morgen!

Fereshta Ludin: Guten Morgen!

Billerbeck: Wie empfinden Sie die Diskussion um das Kopftuch heute, 20 Jahre später?

Ludin: Ja, es ist ziemlich frustrierend für mich, dass heute immer noch über die gleichen Themen gesprochen wird. Man versucht, sehr wenig mit den Betroffenen selbst zu sprechen, sondern es geht darum, diese Frauen sehr oft zu stigmatisieren, entweder als unterdrückt darzustellen oder als eine Bedrohung. So ist es jedenfalls, so läuft die Diskussion momentan in Berlin zum Beispiel, wo es ein Neutralitätsgesetz gibt, das den Frauen hier verbietet, das Kopftuch zu tragen.

"Das schränkt viele muslimische Frauen sehr stark ein"

Ansonsten finde ich die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 2015 sehr, sehr differenziert und sehr klar, und da halten sich einige Bundesländer dran und setzen das in die Praxis um und andere versuchen, sich andere Wege zu schaffen, das weiterhin zu verbieten, und das schränkt natürlich viele muslimische Frauen sehr, sehr stark ein. Sie dürfen ihren Beruf nicht ausüben und werden sehr stark ausgegrenzt.

Billerbeck: Wenn Sie gewusst hätten, was da auf Sie zukommt, würden Sie da eigentlich heute wieder vor Gericht ziehen? Das hat ja fünf Jahre gedauert, bis das Bundesverfassungsgericht damals ein Urteil getroffen hat.

Ludin: Also, ich bereue, ehrlich gesagt, überhaupt nichts, denn damals ging es um eine strukturelle Diskriminierung. Zum einen wurde das Thema politisch ausgeschlachtet, 1998 im Landtag von Baden-Württemberg, da fing ja das Ganze auch an. Da haben zum Beispiel die Republikaner, was sehr wenig auch an die Öffentlichkeit geraten ist, den Antrag gestellt, das Kopftuch flächendeckend zu verbieten. Darüber wurde damals diskutiert, und Frau Schavan, die Kultusministerin von damals, hat das dann auf Schule beschränkt und auf Lehrerinnen, und dadurch fing die ganze Diskussion auf politischer Ebene an, was medial auch so in Richtung negative Entscheidung transportiert wurde.

Das empfand ich persönlich, aber nicht nur ich, sondern sehr, sehr viele andere Frauen, als sehr, sehr diskriminierend, und deswegen dieser ganze Weg in den Gerichten und bis heute ist diese Diskussion da. Aber die Diskussion ist auch wichtig und notwendig, denn wir leben nun mal in einer Demokratie, und da muss sehr offen auch über solche debattiert werden. Ich denke, da ist unsere Gesellschaft vielleicht damals auch noch nicht so bereit gewesen, sich auf solche Themen einzulassen. Das ist so eine Begründung dafür, dass das so lange gedauert hat.

Im Schulalltag "habe ich nie Probleme gehabt"

Billerbeck: Sie wollten ja als Lehrerin unterrichten und zwar mit Kopftuch, und das wurde Ihnen dann qua Gerichtsurteil erlaubt. Wie haben Sie das denn als Lehrerin im Unterricht erlebt? Wie haben Ihre Schüler reagiert auf diese Lehrerin mit Kopftuch?

Ludin: Im Alltag habe ich nie damit in dem Sinne Probleme gehabt. Vielleicht gab es vereinzelt Neugier, dass gefragt wurde, warum tragen Sie das. Aber das ist eine Frage, da wird man damit ständig konfrontiert, ob man Kopftuch trägt oder nicht, weil Kinder einfach neugierig sind. Ich habe es persönlich, wie gesagt, nie als Problem empfunden, das die Kinder aufgefasst haben.

"Ich sehe mich als Brückenbauerin"

Billerbeck: Wir haben ja auch oft die Situation, dass junge Mädchen eben nicht das Kopftuch tragen wollen, die Familie aber Druck ausübt, dass sie es tun. Können Sie da als Lehrerin mit Kopftuch vermitteln?

Ludin: Auf jeden Fall. Ich bin ja absolut auch gegen jegliche Art von Zwang, und das betrifft das Kopftuch genauso, und ich sehe mich schon, gerade mit meinem kulturellen, auch einen gewissen Hintergrund als eine Vermittlerin, als Brückenbauerin, und ich kann auf solche Konflikte entsprechend eingehen, denn mir sind die ja auch bekannt, aber es ist nicht so die Regel.

Daher ist es in dem Moment als Lehrerin, wäre das genauso meine Aufgabe, mich einzubringen, wenn ich sehe, dass die Schülerinnen darunter leiden und sich beschweren über so eine Geschichte.

Billerbeck: Fereshta Ludin war das, Lehrerin und Autorin. Ihr Buch heißt "Die mit dem Kopftuch", die Frau, die den Kopftuchstreit ausgelöst hat, damals vor 20 Jahren. Frau Ludin, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Ludin: Ich danke Ihnen auch! Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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