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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 26.10.2010

Der Straßenlärm der Zukunft

Ein Sounddesigner etnwickelt Klänge für Elektroautos

Von Kristin Hendinger

Elektroautos bekommen mit Hilfe des Sounddesigners Friedrich Blutner einen authentischen Klang. (AP)
Elektroautos bekommen mit Hilfe des Sounddesigners Friedrich Blutner einen authentischen Klang. (AP)

Autos erzeugen spezifische Geräusche: Sie wrummen, brummen und quietschen mit den Reifen. Das Fortbewegungsmittel der Zukunft, das Elektroauto, klingt aber anders: nämlich gar nicht. Friedrich Blutner entwickelt deshalb den passenden Sound.

Lärm Straßenverkehr

Das ist der Klang der Straße von heute. Verbrennungsmotoren und Auspuffe lärmen, was das Zeug hält und bedrohen alles, was langsamer ist oder zwei Beine hat. Doch was wäre ein Leben ohne aufbrausende Gaspedale?

Ein schönes, sagt Friedrich Blutner. Deswegen tüftelt er mit seiner Firma "Synotec" an der Zukunft eines neuen Straßenklangs. Der 61-Jährige ist Sounddesigner. Er entwickelt Geräusche für Alltagsprodukte wie Waschmaschinen, Dunstabzugshauben und eben auch Autos. Aber nicht für die genannten Krachmacher, sondern für Elektroautos. Heute klingen sie im Gegensatz zu Porsche, Harley und Co. nach dem gewissen Nichts. Mit Recht will sie der Klangexperte neu vertonen. Denn wer heute in ein Elektroauto einsteigt, hört das:

"Die Situation ist zunächst so, dass sich jemand dem Auto nähert, (Geräusch) ... dann schließt man die Tür auf, (Geräusch) und dann öffnet man die Tür (Geräusch), man setzt sich ins Auto, schließt die Tür (Geräusch). Wir sind jetzt im Innenraum des Autos und dann schaltet man die Zündung ein ... (Geräusch),… und dann stellt man die Betriebsbereitschaft her, das ist beim Verbrennungsmotor, das man den Motor anlässt - beim Elektromotor ist einfach, dass Strom an der Spule anliegt und dann hört sich das so an (Geräusch)."

Die neuen Klänge für Elektroautos sollen keine Verbrennungsgeräusche werden. Das wäre für den Sounddesigner akustische Luftverschmutzung. Stattdessen strebt er eine automobil-harmonische Kulisse an. Für ihn sind Elektroautos die Fahrzeuge der Zukunft. Wohl sollen sie klingen, wenn sie in 20, 30 Jahren die Kakophonie einer Stadt prägen. Ihr Sound ist dabei genau so wichtig wie Design oder Leistung. Denn der richtige Klang spricht an, lädt zum Kaufen ein oder schreckt Kunden ab.

Friedrich Blutner will die akustische Attraktivität eines Elektroautos mit Musik erzeugen. Was nicht heißt, dass es auf der Straße dann wie in einem Konzertsaal zugeht:

"Man kann jetzt nicht ne Symphonie xy abspielen und sagen, so klingen die Elektroautos, sondern man muss sich diesen Wurzeln des Klanges nähern. Man fragt sich dann auch, was ist eigentlich ein Geräusch, was Mobilität symbolisiert oder was ist ein Geräusch, was symbolisiert, wir haben hier eine ökologisch vorteilhafte Entwicklung? Wie klingt saubere Luft oder wie klingt ein Motor, was langfristig für die Umwelt nicht so schädlich ist wie Verbrennungsmotoren."

Instrument: Posaune

Tonmaterial wurde also für die zukünftigen Geräuschharmonien des Elektroautos gebraucht. Der Sounddesigner sprach seinen Freund Henry Schneider vom Leipziger Gewandhausorchester an. Gemeinsam philosophierten sie über den Sound des Fahrzeugs. Fußgänger und Radfahrer, die heute Elektroautos kaum wahrnehmen, weil sie zu leise sind, müssen sie besser hören. Das ist für die äußere Akustik wichtig. Henry Schneider:

"Im Innenbereich gibt es die Zielstellung des Wohlfühlens, der Heimat, des Hafens, des angenehmen Gefühls und die verschiedenen Funktionen im Auto. Ist Zündbereitschaft oder Fahrbereitschaft hergestellt, wie viel Kraft geb’ ich jetzt mit meinem Fuß auf das, was früher ein Gaspedal war, bei welcher Geschwindigkeit beweg ich mich, brems ich ab, da braucht’s immer akustische Rückmeldungen."

Instrument: Singende Säge

Das Experiment mit Musikern des Gewandhausorchesters wurde gestartet. Sie spielten Streicher, Blasinstrumente, eine singende Säge, Klangschalen und diverse Schlagwerke ein. Schneider:

"Wir hatten eine kleine Komposition, verschiedene Akkorde, wo einzelne Töne eingespielt wurden und über mehrere Oktaven und die dann Grundlage zum Abmischen sind."

Instrument: Kontrabass

Mit den rohen Sounds geht Friedrich Blutner wie ein Parfümeur um. Tröpfchenweise mischt er die Klanggeräusche. Was zum Fahrzeug passt, nennt er Basisnote:

"Dann kommt der nächste Punkt, das ist die sogenannte Herznote. Das ist die Frage, was sagt dem Menschen zu, was gefällt ihm, wo empfindet er Behaglichkeit."

So hört sich dann zum Beispiel eine der Soundversionen an, wenn der Fahrer des Elektroautos die Zündung bedient.

Sound

Gut gemischt, aber noch viel zu musikalisch, sagt der Klangdesigner. Die Startbereitschaft des Fahrzeuges könnte auch so klingen:

Sound

Probanden beurteilen schließlich die Soundkreationen.

Friedrich Blutners Weg zu den musikalischen Klängen des Elektroautos beginnt in der Kindheit mit Musik.

"Ich kann mich noch erinnern, wie ich mit Händen und Füßen auf dem Klavier rumgehämmert habe und gemerkt habe, dass die tiefen Töne ganz anders funktionieren wie die hohen und dann das Wechselspiel tiefe und hohe Töne hat mich elementar begeistert. Das war aber noch kein Klavierspiel. Das war einfach ein Geräusch."

Klavierspiel

Später studiert er Elektrotechnik und Sprachkommunikation. Das Fach Psychoakustik begeistert ihn am meisten. Er will wissen, was empfinden Menschen, wenn sie Schall, Geräusche, Musik, Sprache wahrnehmen. Nach dem Studium arbeitet der gebürtige Erzgebirgler als Musikinstrumentenbauer. Doch die Geräusche von Dingen faszinieren ihn so sehr, dass er eine Firma für Sounddesign gründet. Hier gibt er seit 15 Jahren den Dingen eine Stimme:

"Das Haupttraining eines Sounddesigners besteht darin, dass er auch so hören kann wie Konsumenten und Laien. Er tut immer gut daran, wenn er weiß, was seine eigenen Hörerfahrungen sind, dass er sich auch in andere versetzen kann."

Hinzukommen die Gewohnheiten der Menschen. Von Kind an werden sie auf bestimmte Geräusche konditioniert, haben Erwartungen an Klänge, sei es das Hupen eines Autos oder die Klingel eines Fahrrads. Man muss also mit Bedacht vorgehen, will man die Menschen umgewöhnen. Das Umdenken fällt erstmal schwer.

Doch wer sich Friedrich Blutners Experimente anhört, bekommt Sehnsucht. Sehnsucht danach, dass seine neuen Auto-Harmonien schnell Fuß fassen. Zu schön ist die akustische Vorstellung einer urbanen, automobil-musikalischen Szenerie. Fehlen nur noch die vielen Elektroautos, in die die neuen Sounds eingespielt werden können.

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